
Ein Hirtenbrief der Polnischen Bischofskonferenz hat zu großem Protest innerhalb Polens katholischer Kirche und zum Teil auch in der Politik geführt. Mehrere Priester lehnten es ab, den Brief in ihren Gemeinden zu verlesen. Politisch rechtskonservative Kreise griffen die Initiatoren scharf an und warfen ihnen Verrat am Christentum vor.
Tatsächlich knüpfen die Autoren des Briefs an den historischen Besuch von Papst Johannes Paul II. bei Oberrabbiner Elio Toaff in der Großen Synagoge von Rom im April vor 40 Jahren an. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein Kirchenoberhaupt eine Synagoge besuchte, und gilt als Meilenstein für die heutigen christlich-jüdischen Beziehungen.
Darauf Bezug nehmend, verurteilte die Bischofskonferenz in ihrem Brief Antisemitismus als unvereinbar mit dem christlichen Glauben und lud zum Besuch in Synagogen ein, um sich „mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern“ zu treffen, sich gegenseitig kennenzulernen und zu verstehen.
Keine Pflicht, den Brief zu verlesen
In Warschau, Krakau und Lublin folgten die Bischöfe dem Aufruf. In der Warschauer Nożyk-Synagoge warnte Erzbischof Adrian Galbas vor religiös begründeter Feindschaft zwischen Juden und Christen. In Krakau würdigte Kardinal Grzegorz Ryś den historischen Besuch Johannes Pauls II. in der Synagoge in Rom als bedeutsam für die gemeinsamen Beziehungen. Zugleich weigerten sich Priester in ganz Polen, den Brief zu verlesen, wobei die Bischofskonferenz betont, dass dazu keine Verpflichtung bestand.
Der für seine radikalen Positionen bekannte Priester und Professor an der Päpstlichen Universität Krakau, Dariusz Oko, warf den Bischöfen vor, mit ihrem Brief Jesus Christus zu verraten sowie die Katholiken zu demütigen. In der rechtskonservativen Wochenzeitung „Do Rzeczy“ schrieb er belegfrei, dass mehr als 90 Prozent der Priester den Brief verurteilten und die Mehrzahl der Katholiken „sich von ihren eigenen Hirten verraten“ fühle.
Rechtsextreme Politiker nutzen die Gelegenheit
Auch in rechtskonservativen Kreisen der Politik, die Kirche und Nation gern als Einheit propagieren, regte sich Widerstand. Der Sejm-Abgeordnete Krzysztof Bosak, Ko-Vorsitzender der libertär-rechtsextremen Partei Konfederacja, warf den Autoren „Ketzerei“, „Irrtum“ und eine „Judaisierung“ der katholischen Botschaft vor. Paweł Lisicki, als „Vordenker“ der polnischen Nationalkonservativen bezeichnet, erklärte, der Aufruf sei ein „Akt der Apostasie“, da ein gemeinsames Beten in einer Synagoge nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei. Und die Zeitschrift „Katholische Pädagogik“ bezeichnete den Brief als „historische Schande“.
Der Irrtum liegt jedoch aufseiten der Kritiker. Denn der Hirtenbrief gibt keine neue Linie der Kirche vor, sondern erinnert lediglich daran, was seit sechs Jahrzehnten deren offizielle Haltung ist. 1965 hatte das Zweite Vatikanische Konzil eine Erklärung verabschiedet, in der sich die Kirche zu ihrer Herkunft aus dem Judentum bekennt, eine Kollektivschuld der Juden am Tod Jesu zurückweist und Diskriminierung und Verfolgung von Juden verurteilte, die in diesem Zusammenhang stattfanden.
Unkenntnis als Ursache
Genau daran knüpfte 21 Jahre später auch Johannes Paul II. an, der sich radikal gegen die Darstellung der Juden als „Verfluchte“ wandte und von einer falschen Auslegung der Heiligen Schrift über anderthalb Jahrtausende sprach. „Die jüdische Religion ist für unsere Religion nicht etwas Äußerliches, sondern in gewisser Weise etwas Innerliches“, so der damalige Papst. „Wir haben daher zu ihr eine Beziehung, wie wir sie zu keiner anderen Religion haben. Ihr seid unsere geliebten Brüder und in gewisser Weise könnte man sagen, unsere älteren Brüder.“
Das alles ist trotz der großen Verehrung für Johannes Paul II. in Polen gerade unter Katholiken im Land offenbar kaum bekannt oder wird abgelehnt, wie der Protest zeigt. Der polnisch-amerikanische Soziologe Jan Gross verwies zudem darauf, dass Judenfeindlichkeit nach 1945 in Polen weit verbreitet war und Teile der katholischen Kirche sich nicht klar dagegen positioniert hätten. 1968 etwa stellte die kommunistische Partei in Polen Protest von Studenten als jüdisch initiiert dar und nutzte das für eine antisemitische Kampagne, die zur Massenentlassung und Ausbürgerung von Juden führte.
Die Jan-Karski-Gesellschaft, eine Nichtregierungsorganisation, die sich gegen Antisemitismus einsetzt, verglich den Wirbel um den Hirtenbrief mit der „Hetzkampagne kommunistischer Behörden und der ihnen gehorsamen Medien“ gegen die Verfasser des Briefs der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe 1965. Der Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ stieß 20 Jahre nach der grausamen deutschen Besatzung Polens auf enormen Widerstand. „Damals wurde den Bischöfen Landesverrat vorgeworfen, heute – man kann es kaum glauben – Verrat an der Lehre, und man beschuldigt sie der Ketzerei“, kritisiert die Jan-Karski-Gesellschaft.
Der Krakauer Kardinal Grzegorz Ryś, Hauptinitiator des Hirtenbriefs, sprach sich deshalb für Aufklärung der polnischen Katholiken aus. Das „Missverständnis des Briefes“ rühre daher, dass das, was die Katholische Kirche seit 60 Jahren lehre, „unsere Gläubigen offensichtlich noch nicht erreicht hat“, sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur. Die polnische Kirche brauche deshalb „eine ernsthafte und kontinuierliche religiöse Unterweisung zu diesem Thema – und vielleicht auch darüber hinaus“.
