Was haben Diogenes von Sinope, Franziskus von Assisi und Erich Fromm gemeinsam? Sie alle suchten die Freiheit im Verzicht. Diogenes nächtigte bevorzugt in einem Weinbehältnis. Franziskus erwirkte vor dem Papst, nach dem Vorbild Jesu ein Leben in freiwilliger Armut führen zu dürfen. Von Erich Fromm ist zwar nicht bekannt, dass er seine innere Haltung auf derart radikale Weise in die Praxis überführt hätte. Doch mit „Haben oder Sein“ veröffentlichte der Sozialpsychologe 1976 eine breitenwirksame Konsumkritik, deren Aktualität bis heute andauert. Er unterscheidet in seinem Buch zwischen zwei Existenzweisen: der des Habens, in der Besitz und Kontrolle das Leben bestimmen. Und der des Seins, in dem es nicht darum geht, sich über Besitz zu definieren, sondern sich der bewussten Erfahrung hinzugeben.
Für Diogenes, Franziskus und Fromm lag der Schlüssel zum guten Leben in dem Vermögen, weniger zu wollen, sei es aus einer philosophischen, religiösen oder soziologischen Überzeugung heraus. Fragt man die Mittelalterhistorikerin Annette Kehnel (Mannheim), dann zeigen Beispiele wie diese, dass freiwilliger Verzicht zwar schwierig, aber möglich ist – und gerade in heutigen Krisenzeiten dringend notwendig. „Verzicht wäre eine Lösung für ziemlich viele Probleme“, sagte sie auf der 21. Jahrestagung der Meister-Eckhart-Gesellschaft in Würzburg: „Gesundheit, Wohlbefinden, Klima, Planet, Weltpolitik“. Gegenbewegungen zu den „Kulturen der Maßlosigkeit“ habe es schon immer gegeben. Es gehöre zu den Aufgaben der Historikerzunft, das Wissen um die „Kulturen des Genug“ wieder in Erinnerung zu rufen und zu aktualisieren. Das Spätmittelalter bietet dafür reichlich Stoff – nicht nur, weil sich die Schere zwischen Arm und Reich im Zuge der fortschreitenden Urbanisierung immer weiter öffnete, während sich die christlichen Bettelorden in ganz Europa ausbreiteten. „Armut und Reichtum. Eckharts Lehren im spirituellen und sozialen Kontext“ lautete das Tagungsthema.
Wer sich mit der Eckhart’schen Armutslehre befasst, kommt an seiner wohl berühmtesten Predigt, gezählt unter der Nummer 52, bekannt als Armutspredigt, nicht vorbei. Der aus Thüringen gebürtige, wohl Anfang 1328 in Avignon verstorbene Dominikaner unterscheidet darin zwischen der materiellen Armut eines Menschen, der nicht genug zum Leben hat, und einer höheren, geistigen Form der Armut: „Ein armer Mensch ist, wer nichts will, nichts weiß und nichts hat.“ Armut im Sinne Meister Eckharts heißt nicht nur, nichts zu besitzen, sondern darüber hinaus auch nichts zu begehren oder für sich zu beanspruchen – nicht einmal Gott.
„Geben ist ein Geschäft“
Mit dieser Aussage knüpfte Eckhart an den Armutsdiskurs seiner Zeit an und setzte sich zugleich davon ab. Weniger kontrovers war die am Beispiel Christi orientierte Annahme, dass Armut für den religiösen Menschen erstrebenswert sei und ihn Gott näherbringe. Umstritten war hingegen die Frage, wie diese Armut konkret auszusehen habe: Innerhalb des Franziskanerordens kam es darüber zur Spaltung. Eckharts Konzept der geistigen Armut als Nichts-Wollen, Nichts-Wissen und Nichts-Haben war radikal.

Um die Genese dieser späten Extremposition Eckharts zu veranschaulichen, verwies Freimut Löser (Augsburg) auf die frühen Erfurter Lehrgespräche. Darin stellt Eckhart die menschliche Armut dem göttlichen Reichtum gegenüber. Es gehe darum, Raum zu schaffen für Gott: „Die reine Armut als vollkommene Leere bietet Gott die Stätte, in der er wirken kann“, resümierte Löser. Aus der 49. Predigt geht wiederum hervor, dass auch auf das Wollen und Begehren selbst verzichtet werden muss, um von Gott erfüllt zu werden. Das erläuterte Löser am Beispiel des reichen Kaufmanns Jakob Fugger, der zweihundert Jahre nach Eckart lebte: Mit der Fuggerei habe er den armen Stadtbewohnern ein Dach über dem Kopf gegeben und im Gegenzug verlangt, dass sie täglich für ihn beteten. Im Mittelalter sei es üblich gewesen, dass Armenfürsorge gleichzeitig der Selbstsorge der Reichen diente, sagte Löser, „Geben ist ein Geschäft.“ Für Meister Eckhart bestehe darin ein Widerspruch zum Vorbild Christi, der „weder auf den Wert seines Gebens und Verzichtens noch auf den Lohn dafür sieht“. Christliche Armut sucht keinen Ausgleich.
Wenn der wahrhaft arme Mensch, der „nichts will, nichts weiß und nichts hat“, wie Eckhart es später in seiner 52. Predigt formulierte, also durch Gottes Präsenz belohnt werden soll, dann darf er auch Gott nicht begehren, nicht von seinem Wirken in ihm wissen und nicht Besitz von ihm erlangen. Hier geht es nicht länger darum, leer zu werden für Gott – der Verzicht schließt sogar Gott mit ein.
Die Gelassenheit des armen Menschen
Durch den Fund mehrerer Fragmentstücke einer mittelalterlichen Handschrift in der Leipziger Universitätsbibliothek ist es kürzlich gelungen, eine weitere Predigt Meister Eckharts zu identifizieren, die ihm bis dato nicht eindeutig zugeordnet werden konnte. Laut Markus Vinzent, der als Leiter der Eckhart-Forschungsstelle in Erfurt an der Zuordnung der Fragmentstücke mitgewirkt hat, handelt es sich bei dieser bislang ältesten Bezeugung einer mittelhochdeutschen Predigt von Meister Eckhart auch um „die tiefste und wichtigste theologische Predigt Eckharts“. In ihr finden sich klare Bezüge zur negativen Theologie nach Pseudo-Dionysius, also der Annahme, dass Gott mit positiven Zuschreibungen nicht zu fassen ist. Wie Vinzent hervorhob, bezeichnet Eckhart Gott darin als „das erste Nichts“. In der geistigen Armut lässt der Mensch von allem, was ihm eigen ist, um selbst ein Nichts zu werden. Diese „Gelassenheit“ des armen Menschen ermöglicht, dass es nichts mehr gibt, was Gott und Seele trennt.
Die Gleichsetzung Gottes mit dem Nichts, die Vorstellung von Armut als Freiheit nicht nur von allen Dingen, sondern auch von göttlicher Transzendenz, die Aufhebung der Unterschiede zwischen Gott und dem armen Menschen – all das war mit den kirchlichen Dogmen nicht ohne Weiteres zu vereinbaren. Wie Löser und Vinzent zeigen konnten, finden sich in einigen von Eckharts später entdeckten Texten deutliche Hinweise auf eine theologische Auseinandersetzung mit den Positionen von Marguerite Porete, die 1310 in Paris von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Ist das der Preis des guten Lebens? Die Übertragung der Eckhart’schen Armutslehre in die Gegenwart mag in vielerlei Hinsicht schwierig erscheinen. Wie sie gelingen kann, ist bei Erich Fromm nachzulesen. Eckhart habe „den Unterschied zwischen den Existenzweisen des Habens und des Seins mit einer Eindringlichkeit und Klarheit beschrieben und analysiert, wie sie von niemandem je wieder erreicht worden ist“, schrieb Fromm. Der Einfluss seiner Predigten erreiche bis heute „viele Menschen, die einen Wegweiser zu einer nicht-theistischen, vernünftigen und dennoch ‚religiösen‘ Lebensphilosophie suchen“. Auch begegnet uns Meister Eckhart, wenn wir von Gelassenheit sprechen – ein Begriff, den er mit seiner Armutslehre geprägt hat. Für Meister Eckhart bedeute Verzicht nicht Verlust, erläuterte Annette Kehnel, sondern Loslassen als höchste Form der Freiheit: „Eckhart spricht nicht davon, etwas aufzugeben. Er spricht von der Kunst, nicht mehr zu wollen und doch alles zu gewinnen.“
