Das Leben imitiert die Kunst. Nirgends fällt das dieser Tage mehr auf als in Cannes. Ein Filmfestival ist an sich ja schon ein surrealer Ort. Man begegnet den Gesichtern, die man sonst nur auf der Leinwand oder dem Fernseher bewundert, plötzlich im Hotelfahrstuhl, in der Drogerieschlange, oder die Stars joggen verschwitzt in ausgeleierten T-Shirts an einem vorbei, während man selbst im Morgengrauen die von Palmen gesäumte Strandpromenade entlangläuft, um schon vor dem Frühstück den ersten Film zu sehen. In diesem Jahr aber legt die Surrealität noch eine Spur zu, denn bevor das Festival am vergangenen Dienstag eröffnete, berichteten aufgeregte US-Reporter bereits, dass in Cannes gerade die vierte Staffel von „The White Lotus“ gedreht wird; ein Luxushotel vor Ort sowie ein Château in Richtung Saint-Tropez dienen als Drehorte. Man kann als Reporterin also obendrein nun nirgends mehr hingehen, ohne Gefahr zu laufen, aufgenommen zu werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Meine Kollegin Anke Schipp berichtete unlängst an dieser Stelle von ihrem unverhofften Auftritt beim Dreh von „Der Teufel trägt Prada 2“ während der Mailänder Fashion Week – so läuft das hier auch. Als wäre das Festival nicht stressig genug, grübelt man morgens nun also drei Minuten länger, ob man in diesem Outfit auch unfreiwillig zum Statisten werden möchte (eine gute Übung, um die eigene Garderobe zu sortieren, wenn man keine Lust auf Marie Kondo hat).
Selbstreferenzialität gehört zum Filmgeschäft. Deshalb läuft einem obendrein alle Nase lang irgendwo US-Komiker Seth Rogen über den Weg. Der ist zwar offiziell hier, um einen Animationsfilm auf dem Festival vorzustellen, bei dem er Stimmarbeit geleistet hat, nutzt die Zeit aber zugleich für Recherchen zur neuen Staffel seiner Satireserie „The Studio“ – in der es ums Filmgeschäft geht. Das Branchenblatt „Screen“ macht sich in seinem während des Festivals täglich erscheinenden Magazin nun also den Spaß, in jeder Ausgabe kurz zu beschreiben, wo seine Reporter Seth Rogen schon wieder gesichtet haben. (Meist beim Essen im Luxushotel „Majestic“, wo die großen Stars während des Festivals halt so abhängen.)
Gillian Anderson und der „Scully-Effekt“
Mit deutlich mehr Gelassenheit nimmt Gillian Anderson den ganzen Rummel, obwohl die 57 Jahre alte Schauspielerin in diesem Jahr zum ersten Mal mit einem eigenen Werk in Cannes ist. Im Horrorfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ spielt sie den Star einer Horrorfilmreihe aus den Neunzigerjahren, den eine ehrgeizige Jungregisseurin fürs Remake anwerben will. Andersons wahres Leben spiegelt die Filmhandlung auf seltsame Weise, denn in Interviews muss sie sich immer wieder fragen lassen, was denn dran ist an den Gerüchten, dass sie für die Neuauflage der Serie „Akte X“ wieder als FBI-Agentin Scully im Gespräch sei. Antworten gibt sie, Profi, der sie ist, darauf natürlich keine. (Viel lieber hätte man von ihr erfahren, was sie über den sogenannten Scully-Effekt denkt, der bei Mädchen, die die Serie mit der selbstbewussten, rationalen Ermittlerin gesehen haben, dafür sorgte, dass sie sich eher für MINT-Fächer an der Uni einschrieben.)
Was man immerhin über Anderson weiß: Für ihre ersten Presseauftritte in den Neunzigern bestellte ihr Agent bei befreundeten Designern leihweise Kleider. An einen Stylisten konnte die Schauspielerin damals nicht denken, reichte ihr Geld doch kaum für die Miete. Heute fragen die Designer bei ihr an. Für den Cannes-Auftritt wählte die Amerikanerin ein blütenbesticktes Kleid von Miu Miu und kombinierte es mit wilden Locken im Stil der späten Achtziger.

Ebenso großen Spaß mit Mode hat Sandra Hüller, die im Wettbewerbsfilm „Vaterland“ Thomas Manns Tochter Erika spielt, die mit ihrem Vater 1949 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder Deutschland besucht. Dass sie nicht nur auf der Leinwand mit größtem Mut auftritt, hatte sie bereits bei den Oscars vor zwei Jahren bewiesen, wo sie gelassen ein schulterfreies Schiaparelli-Kleid mit übergroßer Schleife trug. Für Cannes ließ sie sich Chanel-Haute-Couture maßschneidern: ein schwarzes Kleid mit einem dramatisch geflufften, weißen Federjäckchen. Seit Katharine Hepburn hat man so viel coole Eleganz nicht mehr auf dem roten Teppich gesehen.
Damit dürften auch die Bedenken gegenstandslos geworden sein, dass ohne große Hollywoodpräsenz in diesem Jahr der rote Teppich an der Croisette langweilig werden könnte. Denn bislang hatte es sich Festivaldirektor Thierry Frémaux zur Aufgabe gemacht, möglichst immer eine große Blockbusterpremiere für das Festival zu gewinnen. In den vergangenen Jahren stand die Croisette mal im Zeichen des neuen Indiana-Jones-Abenteuers, mal ließ Tom Cruise Kampfjets über den Strand donnern, um die „Maverick“-Fortsetzung zu bewerben. In diesem Jahr sitzt das Geld auch in Hollywood nicht mehr locker, so vermuteten einige. Die Fachpresse vor Ort spekulierte zudem, ob die Studios nicht lieber auf einen komplett kontrollierten Filmstart setzten, bei dem sie ihre Social-Media-Strategien ausspielen können, ohne damit rechnen zu müssen, dass Kritiker – nun ja, eben kritisch – über ein neues Werk berichten könnten.
Die gute Nachricht: Nur weil die Hollywoodstudios wegblieben, hieß es nicht, dass die Stars fehlten. Scarlett Johansson, Adam Driver, Rami Malek, Michael Fassbender oder Alicia Vikander kamen trotzdem, mit Independentfilmen. Zur Sicherheit hat das Festival zudem das Team der Actionfilmreihe „Fast and Furious“ zur Mitternachtsjubiläumsvorführung in den Festivalpalast eingeladen. Vor 25 Jahren kam der erste Teil des Autoverfolgungsspektakels ins Kino. Sieben Milliarden Dollar haben die elf Filme des Franchise bislang eingespielt. Dass man einmal auf diesem renommierten Festival landen könnte, hatte sich keiner der Schauspieler damals träumen lassen.

Hauptdarsteller Vin Diesel zeigte sich gerührt, als Frémaux den Film als einen Klassiker bezeichnete, der die Geschichte des Kinos geprägt habe. Noch emotionaler wurde Diesel nach dem Abspann. Unter Tränen erinnerte er an seinen Filmpartner Paul Walker, der 2013 bei einem Autounfall ums Leben kam. Mehrfach setzte er das Mikro wieder ab, um sich mit dem Handrücken die Augen zu wischen: „Ich kann kaum glauben, dass ihr mich so heulen seht.“ Viele Momente im Film hätten ihn beim Wiedersehen an seinen Kumpel Paul erinnert. Neben den Schauspielerinnen Michelle Rodríguez und Jordana Brewster war Meadow Walker, die Tochter des Verstorbenen, anwesend. Auf dem roten Teppich hatten sie und ihr Patenonkel Vin Diesel sich in den Armen gelegen. Nun wies der Schauspieler noch einmal in ihre Richtung: „Sie ist diejenige, die mich nicht allein hierherkommen lassen wollte, um diese Bruderschaft zu vertreten.“
Nicht minder emotional dürfte die Premiere des zweiten Hollywoodveteranen werden, der für Freitagabend geladen ist: John Travolta kehrt dann nämlich nach 30 Jahren an die Croisette zurück. Damals feierte der Schauspieler die Premiere von „Pulp Fiction“. Nun hat er selbst im Alter von 72 Jahren seine erste Regiearbeit vorgelegt: einen Film über einen Jungen, der vom Fliegen träumt. Ein wenig autobiographisch dürfte das beeinflusst sein, denn Travolta ist davon besessen, seit er als Kind Flugzeuge am La-Guardia-Flughafen von New York beim Starten beobachtete. Den Pilotenschein machte er mit 22 Jahren, 9000 Flugstunden hat er seitdem absolviert und sogar als Privatmensch einen Airbus A380 fliegen dürfen. Ob er zur Filmpremiere wie Kollege Tom Cruise Flugzeuge übers Kino donnern lassen wird? Mein Outfit für die Galapremiere steht auf jeden Fall schon. Black Tie, sagt die Einladung. Und überall könnte eine Filmkamera lauern.
