
Die Bundesregierung steht hinter Israel, auch beim Eurovision Song Contest (ESC). Um das zu verdeutlichen, kam Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) eigens nach Wien, um Sänger Noam Bettan den Rücken zu stärken. Nebenbei schaute er auch noch bei der deutschen Kandidatin Sarah Engels vorbei. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob der ESC politisch ist oder nicht. Entscheidend ist, dass er nicht als politisches Sprachrohr von irgendeiner Seite missbraucht wird.
Genau darauf muss die Europäische Rundfunkunion als Gründerin und Hüterin des 70 Jahre alten Wettbewerbs achten. Mit allen Konsequenzen: Gerügt wurde in diesem Jahr nur der öffentlich-rechtliche Sender KAN aus Israel, weil Noam Bettan dafür warb, nur für sein Lied „Michelle“ zehnmal anzurufen. Mehr geht nicht.
Massive Eigenwerbung widerspricht dem Geist des Wettbewerbs
Dabei handelte es sich zwar nicht um eine groß angelegte Drittparteienkampagne, wie sie die Regierung von Benjamin Netanjahu im vergangenen Jahr für die Sängerin Yuval Raphael in ganz Europa aufgelegt hatte. Das verstärkte die Spannungen innerhalb der Rundfunkunion nur zusätzlich und war einer der Gründe, warum Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien den Wettbewerb boykottierten. Aber massive Eigenwerbung widerspricht eben auch dem Geist des Wettbewerbs.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Beim ESC treten Künstler an, die von unabhängigen Sendern innerhalb der Rundfunkunion ausgewählt werden, keine Regierungen. KAN kritisiert regelmäßig die Politik Netanjahus und ist ein Korrektiv im Land. Anders als die Sender von Russland und Belarus, die genau deswegen auch suspendiert sind.
In Wien ist es bisher erstaunlich ruhig gewesen. Für diesen Samstag aber, den Finaltag, ist eine Großdemonstration angekündigt. Der Protest trifft genau die Falschen. Gegen Netanjahus Politik kann man auf die Straße gehen, aber gegen ein Fest, das für demokratische Werte steht wie kaum ein anderes, sollte man nicht protestieren, sondern es unterstützen und über unterschiedliche Meinungen friedlich miteinander diskutieren. Ganz nach dem festgeschriebenen Motto des ESC: „Vereint durch die Musik“.
