Sowohl die Ukraine als auch Russland haben am Freitag Gebietsgewinne gemeldet: Die ukrainischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben ein Dorf im Gebiet Charkiw zurückgewonnen, das die Invasoren im Herbst 2025 eingenommen hatten. Das russische Verteidigungsministerium dagegen gab an, seine Truppen hätten durch die Eroberung eines Dorfes im Gebiet Saporischschja eine Bresche in ukrainische Verteidigungsstellungen geschlagen.
Die Richtung, in der sich die Front im Osten der Ukraine bewegt, ist nicht mehr eindeutig. Im April haben die russischen Streitkräfte nach Angaben des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) erstmals seit August 2024 mehr Gebiete verloren, als hinzugewonnen; damals waren ukrainische Truppen in einem Überraschungsangriff in das russische Gebiet Kursk eingedrungen. Und schon in den ersten drei Monaten des Jahres waren die russischen Gebietsgewinne nach Berechnungen des ISW nur noch halb so groß wie während des gleichen Zeitraums im Vorjahr.
Drohnen erreichen Tanklaster bis zu 160 Kilometer hinter der Front
Der Ukraine ist es in den vergangenen Wochen gelungen, Russland eine Reihe schmerzlicher Schläge zu versetzen. Bei einer Serie von Drohnenangriffen sind in den vergangenen Wochen mehrere Raffinerien und Ölverladestationen getroffen worden. Am Freitag brannte nach einem ukrainischen Angriff eine vom staatlichen Konzern Rosneft betriebene Raffinerie in Rjasan, das etwa 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt ist. In sozialen Medien verbreitete Videos zeigten eine große Rauchwolke über der Stadt, in der offenbar ein schwarzer und öliger Regen niederging. Beim Einschlag einer Drohne in einen Wohnblock in Rjasan wurden laut offiziellen russischen Angaben vier Personen getötet.

Gut dreimal so weit von der ukrainischen Grenze entfernt, nämlich mehr als 1500 Kilometer, liegt die Millionenstadt Perm am Ural, wo vorige Woche eine Raffinerie so schwer getroffen wurde, dass sie mutmaßlich den Betrieb einstellen musste. Auch in Ölverladestationen in russischen Häfen am Schwarzen Meer haben ukrainische Angriffe in den vergangenen Wochen schwere Schäden verursacht.
Von größerer Bedeutung für die Entwicklung an der Front ist nach Ansicht des ISW und anderer auf militärische Fragen spezialisierter Nachrichtenportale eine Neuerung im Vorgehen der ukrainischen Truppen. Sie sind nun offenbar in der Lage, Transportwege des russischen Nachschubs in den besetzten Gebieten bis zu 160 Kilometer hinter der Front mit Drohnen anzugreifen. Diese Entwicklung haben auch russische Kriegsblogger bereits in alarmiertem Ton beschrieben: Tanklastwagen könnten sich nicht mehr gefahrlos dort bewegen, wo es vor Kurzem noch möglich gewesen sei. Nach Einschätzung des ISW haben die russischen Truppen in diesem Jahr bisher keine signifikanten operativen Gewinne erzielt – und das bei steigenden Verlusten.
Vor diesem Hintergrund hat der Kreml diese Woche seine Position bekräftigt, dass der Rückzug der Ukraine aus den von ihr gehaltenen Gebieten im Donbass die Vorbedingung für Verhandlungen sei. Schon vergangene Woche hatte Putins Berater Jurij Uschakow gesagt, eine Wiederaufnahme der im Februar unterbrochenen trilateralen Gespräche Russlands, der Ukraine und der USA sei vor Erfüllung dieser Forderung nicht zielführend. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hingegen sagte am Donnerstag, die Ukraine setze darauf, dass die Pause in den Verhandlungen bald vorüber sei.
Immerhin bestehen noch Kontakte: Am Freitag begann der vor dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs vereinbarte Austausch von je 1000 Gefangenen. In einer ersten Etappe kehrten je 205 Ukrainer und Russen in ihre Heimat zurück. Sonst ist von der zu diesem Anlass verkündeten Waffenruhe nichts übrig geblieben. Russland hat seine Luftangriffe auf zivile Ziele in ukrainischen Städten wiederaufgenommen – in größerem Umfang als in den Wochen zuvor. Die Zahl der Toten durch den Einschlag einer Rakete in einen Wohnblock in Kiew in der Nacht auf Donnerstag wurde von Selenskyj am Freitagmorgen mit 24 angegeben. Er verband diese Nachricht mit einer politischen Forderung: Die Ukraine benötige mehr Mittel für die Bekämpfung ballistischer Raketen.
