
Die neue Fabrik steht in Hamburg ausgerechnet im Stadtteil Neuland. Das regte die Festredner zu Wortspielen an, die zum Produktionsstart von Traceless dort angereist waren. Tatsächlich geht es hier um Neuland in der Bioökonomie, um ein neuartiges, ohne Öl hergestelltes Material, das Plastik ersetzen kann. „Wir geben den Startschuss für eine neue Materialindustrie“, sagte Anne Lamp, Gründerin und Chefin von Traceless, einem Unternehmen mit mittlerweile mehr als hundert Mitarbeitern. „Wir sind nicht die Einzigen in diesem Feld, aber das ist die erste Fabrik für einen Plastikersatz, der in bestehende Wertschöpfungsketten integriert werden kann.“
Warum es wichtig ist, Plastik trotz all seiner hilfreichen Eigenschaften zu ersetzen, kann Lamp in zwei Sätzen erklären. Jede Minute lande eine Lastwagen-Ladung Plastik in den Weltmeeren, machte sie bei der Fabrikeröffnung deutlich. Und: Auf die Herstellung von Plastik entfielen 3,4 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen. Die klassische Chemieindustrie tue sich mit der Transformation schwer. „Wir zeigen, dass Deutschland nicht nur forschen kann in der Bioökonomie, sondern auch umsetzen kann.“
Produktion in einer früheren Brotfabrik
Aus der Traceless-Fabrik, die früher eine Brotfabrik war, sollen nach einer mehrmonatigen Hochlaufkurve jährlich 3000 Tonnen des neuen Materials kommen. Die nächste Skalierungsstufe ist schon in Angriff genommen. Bis im Jahr 2030 will Traceless eine Anlage mit 40.000 bis 60.000 Tonnen Produktionsvolumen in Betrieb nehmen können. In das aktuelle Werk hat Traceless 20 Millionen Euro investiert, wobei etwas mehr als ein Viertel davon Fördermittel aus dem Umweltministerium waren.
Es handele sich um „eine von vielen Erfolgsgeschichten made in Germany, die mit Umwelttechnologien für Innovation und neue Wirtschaftskraft sorgen“, lobte Bundesumweltminister Carsten Schneider, der zur Eröffnung angereist war und fügte, an die Bankenvertreter gewandt, den Appell hinzu: „Finanziert das!“ In dieser Hinsicht kann die Hamburger Umweltsenatorin Katharina Fegebank stolz auf ihr gutes Einschätzungsvermögen sein, denn sie hatte der Wissenschaftlerin Anne Lamp einst einen 30.000-Euro-Scheck des Förderprogramms „Call for transfer“ überbracht. Die Grünen-Politikerin, damals noch Wissenschaftssenatorin, verspricht auch jetzt: „Wir werden alles tun, um das weiter zu unterstützen. Und ja, ich weiß, ihr braucht Strom.“
Patentiertes Verfahren für die Gewinnung der Polymere
Der Grundstoff, aus dem der Plastikersatz von Traceless hergestellt wird, stammt aus der Lebensmittelindustrie. Aus Getreideabfällen werden natürliche Polymere gewonnen. Solche langkettigen Moleküle kennt man etwa als Cellulose oder Lignin, die für Produkte wie Papier oder Baumwolle die Basis bilden. Das Verfahren, wie Naturpolymere aus pflanzlichen Reststoffen extrahiert werden können, ohne deren chemische Struktur zu verändern, hat sich Traceless patentieren lassen. Die Anlage arbeite vollautomatisch und nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip nahezu ohne Abfälle, heißt es bei Traceless: Was vom Ausgangsprodukt nicht gebraucht werde, sei wiederum kompostierbar.
So entsteht Granulat, das durch seine thermoplastischen Eigenschaften mit den üblichen industriellen Verfahren weiter verarbeitet werden kann. Trotzdem sind die Produkte kompostierbar, zersetzen sich in natürlicher Umgebung ohne schädliche Rückstände, wie bei Traceless versichert wird. Diese Eigenschaft schränkt die Verwendung für längeren Kontakt mit Wasser ein. Als Einsatzmöglichkeit nennt das Unternehmen dagegen Anwendungen, wo technisches Recycling schwierig ist, oder Produkte, die leicht in die Umwelt gelangen, wie Verpackungen, Einwegprodukte, Papierbeschichtungen. Ein Traceless-Produkt seien beispielsweise die kleinen Löffel, die bei der Einweihungsfeier zum Dessert gereicht würden, warb Lamp.
„Das Material war eher wie ein Kuchenteig“
„Das ist etwas Visionäres. Die Umsetzung klappt nur, wenn alle Partner mitmachen“, brachte Marko Bill Schuster, Produktionschef des Papier- und Verpackungsherstellers Mondi, die Mühen der Forschung und Entwicklung in Erinnerung. „Nach zwei Jahren hatten wir erstmals das Gefühl, es könnte klappen. Davor war das Material eher wie ein Kuchenteig.“ Ein entscheidender Meilenstein sei ein weiteres Jahr später erreicht worden, als die Haftung zwischen dem Polymer und Papier funktioniert habe. Mittlerweile sei eine sehr hohe Reife für die Industrieproduktion geschafft, bestätigte der Manager: „Wir müssen weitermachen, um das Produkt in die Breite zu bringen.“
Solche Partner wie Mondi brauche es, „die nicht erst kaufen, wenn alle Risiken beseitigt sind“, lobte Katrin Suder, die seit Neuestem Beiratsvorsitzende bei Traceless ist. Die Unternehmensberaterin ist auch Aufsichtsratschefin von DHL. Zu den Kunden von Traceless zählen neben Mondi auch der Versandhändler Otto sowie der Chemikalienhändler Biesterfeld.
