
Es ist ein freundlicher Empfang für Friedrich Merz. So viel Applaus wie im Congress Centrum in Würzburg bekommt der Bundeskanzler sonst wohl nur bei CDU-Veranstaltungen. Als Merz dort am Freitag vor mehr als tausend Teilnehmern des Katholikentags die Bühne betritt, sieht es nach einem Heimspiel aus. Bevor steht ihm sein erster Auftritt bei einem Katholikentag als Kanzler. Merz ist der erste katholische Kanzler seit Helmut Kohl. Er soll mit „jungen Menschen“, wie es im Programm heißt, über die Zukunft debattieren.
Das Gespräch beginnt mit einer Frage, die Kanzlern nur auf katholischen oder evangelischen Kirchentagen gestellt wird: Der Moderator will wissen, was eine Bibelstelle für Merz bedeutet, auf die er sich vor zwei Jahren beim Katholikentag in Erfurt berufen hatte. Damals hielt er eine viel beachtete Rede zur Friedenspolitik. Die Bibelstelle stammt aus dem Hebräerbrief des Apostels Paulus und lautet: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“ Merz antwortet, diese Stelle mache deutlich, dass es in dieser Welt immer nur um vorletzte Dinge gehe, und rufe zur Demut auf. Er habe damit zeigen wollen, „dass wir diese Welt nur geliehen haben, dass wir den Auftrag haben, die Welt den Kindern und Enkelkindern in einem guten Zustand zu übergeben“.
Merz zeigt sich selbstkritisch
Eine seiner beiden Gesprächspartnerinnen lobt ihn dafür. „Ich fand das gerade total gut, von Ihnen zu hören, dass Sie sich auch für eine Welt einsetzen, in der wir ein gemeinschaftliches Miteinander haben“, sagt Lisa Quarch. Sie ist Geistliche Leiterin des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), eines Dachverbandes mit 660.000 Mitgliedern. Sie merke aber auch, dass diese Botschaft bei den jungen Leuten nicht so ankomme, sagt die junge Frau. Diese Aussage ist im Verlauf der Debatte mehrmals zu hören. Merz zeigt sich selbstkritisch: „Ich weiß, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss, damit diese Botschaft besser verstanden wird. Das weiß ich.“
Unbequemer für Merz werden die Fragen aus dem Publikum: Ob er den Frust verstehen könne, wenn er und seine Partei der Bevölkerung unterstellten, dass sie faul seien, und gleichzeitig die Mieten und Sozialabgaben immer höher würden, will ein Schüler wissen. Merz weist die Behauptung zurück: In seiner Partei habe niemand gesagt, dass die Leute faul seien. Reaktionen aus dem Publikum machen deutlich, dass das nicht jeder im Saal so sieht.
Auch zur Klimapolitik gibt es kritische Fragen: Warum die Bundesregierung da so passiv sei, fragt ein Jugendlicher. Müsse man in Sachen Klimaschutz nicht ein Vorbild für andere Länder sein? Merz sagt, man halte an den Klimazielen fest, die Mehrheit der Bevölkerung müsse dabei aber mitgenommen werden. Das gehe nicht mit Verboten, sondern nur mit moderner Technologie.
Sicherheitskräfte tragen Zwischenruferin hinaus
Zur Arbeit der Bundesregierung bemerkt Merz, dass es vielleicht manchmal zu viel Streit und zu wenig Lösungen gebe. Aber der Streit gehöre zur Demokratie. Ohne Streit gebe es keine Demokratie. Die entscheidende Frage sei dabei: „Leben wir in einem Land, in dem wir uns gegenseitig noch ertragen, uns zuhören und auch andere Meinungen akzeptieren?“
Später geben Klimaaktivisten im Saal mit Zwischenrufen ihre eigene Antwort darauf. Merz, der vorher über Toleranz gesprochen hatte, bleibt ruhig sitzen und bemerkt, das sei also Toleranz. Das Publikum steht offenkundig auf seiner Seite, applaudiert laut und fordert die Störer auf, den Saal zu verlassen. Sicherheitskräfte tragen schließlich eine Zwischenruferin hinaus.
Nach Polizeiangaben hatten sich vor Merz’ Auftritt etwa 400 Demonstranten vor dem Congress Centrum versammelt. Sie demonstrierten unter anderem gegen die Klimapolitik der Bundesregierung. Einen ähnlichen Zwischenfall mit Klimaaktivisten hatte es vor zwei Jahren beim Katholikentag in Erfurt während einer Veranstaltung von Bundeskanzler Olaf Scholz gegeben.
Die Störung der Veranstaltung mit Merz illustrierte das Phänomen, dem der 104. Katholikentag erklärtermaßen entgegenwirken will: die Polarisierung der Gesellschaft. Mit dem Motto „Hab Mut, steh auf!“ wollen die Organisatoren vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken nach eigenen Angaben zur Stärkung der Demokratie aufrufen und Hass und Hetze entgegentreten.
Mit Spannung war erwartet worden, ob Merz sich vor den jungen Leuten beim Katholikentag ähnlich offen äußern würde wie jüngst vor Schülern eines Gymnasiums im Sauerland, als er hart mit Trumps Iranpolitik ins Gericht ging und der amerikanische Präsident sich daraufhin verärgert zeigte. Diesmal war Merz offenkundig um Zurückhaltung bemüht. „Ich bin ein großer Bewunderer Amerikas, aber diese Bewunderung wächst derzeit nicht“, formuliert er zunächst diplomatisch.
Aber dann wird er doch noch deutlicher: „Ich würde meinen Kindern heute nicht empfehlen, in die USA zu gehen, dort ausgebildet zu werden und dort zu arbeiten, einfach weil sich dort plötzlich ein gesellschaftliches Klima entwickelt hat“, sagt Merz. Das gesellschaftliche Klima habe sich in den USA rasant verändert. Heute hätten auch die Bestausgebildeten in Amerika große Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Damit ist der Amerika-Exkurs beendet.
Zum Ende kommt die Debatte schließlich wieder in ruhigere Gewässer. Ob Merz vor wichtigen Entscheidungen manchmal bete, fragt der Moderator. Der Bundeskanzler weicht einer klaren Antwort aus: Er nehme diesen Gedanken mit zu Bett und bitte um Beistand, sagt er.
