Es schüttet in South Fulham. So sehr, dass selbst zur Rushhour an der Bushaltestelle nur wenige Gestalten mit Regenschirm stehen. Entweder ist das Wetter selbst den Briten zu wüst – oder sie haben hier, in dem ehemaligen Arbeiterviertel, in dem seit zwanzig Jahren Industriehallen zu Luxuslofts werden, Fahrer, die sie trockenen Fußes durch London kutschieren.
Mario Arena sitzt im Warmen. Sein Büro in der Zentrale der britischen Marke Joseph ist ein kleiner, gesichtsloser Würfel: schwarz furnierter Schreibtisch, schwarzes Regal, ein Moodboard neben der Tür, im Hintergrund ein großes Fenster. Nur ein gerahmtes Foto seines Mopses Hugo verleiht dem Raum Persönlichkeit.
Arena soll Joseph erneuern – ein Urgestein der britischen Frauenmode aus den 80er Jahren, das jede Britin kennt, wenn nicht sogar trägt. Die Marke stand einst für einen seltenen Spagat: eigensinnig genug für High Fashion, geprägt vom Zeitgeist ihres Gründers Joseph Ettedgui, und zugleich erschwinglich genug für viele Kleiderschränke. Manche Stücke, allen voran die Hosen, galten als so zeitlos, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Nach mehreren Designerwechseln ist diese Handschrift verblasst – Arena soll das Erbe ins Heute übersetzen.

Im Atelier nebenan arbeiten junge Mitarbeitende an der nächsten Saison. Braun-, Beige- und gedeckte Blautöne treffen auf Pflaumenlila, Kirschrot und Gold. Ein bodenlanges Kleid aus recyceltem Polyester wirkt dank 3D-Druck wie bewegtes Wasser und Leopardenfell zugleich. Daneben hängen skulpturale Kaschmirpullover, klimpernde Paillettenröcke und knitterfreie Seidensatinhosen. An den Wänden: Moodboards mit klaren Rückgriffen auf die 80er und 90er – Powerschultern zur schmalen Taille, opulenter Goldschmuck, Kamelhaarmäntel zu bordeauxroten Lederhandschuhen. Eine Mode, die komplex, glamourös und zugleich tragbar ist.
Arena selbst wirkt fast bewusst unauffällig: schwarzer Wollpullover, schwarze Hose, weiße Turnschuhe, ein verzierter Goldring am kleinen Finger. Freundlich, zugewandt, leicht nervös – und er bietet Mentholbonbons von seiner letzten Japanreise an.
Joseph Ettedgui gründete seine nach ihm benannte Marke in den frühen 80er Jahren in seinem Friseursalon. Im vergangenen Jahr haben Sie die kreative Leitung übernommen. Was hat sich seit den ersten Tagen der Marke geändert?
Heute gibt es in der Mode nichts Neues mehr. Ettedgui erfand damals den ersten Concept-Store. Er kuratierte Mode, unter anderem von Alaïa und Margiela, bevor man dafür überhaupt diesen Begriff ersann. Er machte Prada bekannt, als noch kaum jemand eine Ahnung hatte, wer oder was Prada war. Heute hingegen gibt es nur noch Interpretationen dessen, was war. Gerade sehen wir, wie die Generation Z die frühen Nullerjahre neu interpretiert, die ihrerseits schon eine Neuauflage der 80er waren. Innovation gibt es meiner Meinung nach nur noch in der Technologie.
Was heißt das für Ihre Arbeit?
Dass Nostalgie eine große Rolle spielt. Aber nicht im Sinn eines sehnsüchtigen Blicks zurück. Ich sehne mich nicht danach, in der Vergangenheit zu leben. Ich habe die Zeit, in der ich lebe, erlebt und will nicht zurück, sondern nach vorn. Erinnerungen sind für mich eine Ressource, aus der ich Neues schöpfe.
Und was bedeutet das konkret?
Als sehr kleiner Junge begann meine Mutter, mich in Adelaide zum Secondhand-Shoppen mitzunehmen. Nicht für Kleidung, sondern für alles mögliche Zeug. Bereits damals war ich von Dingen, die mir gefielen, geradezu besessen. Erst sammelte ich Gepäck aus den 30ern, 40ern und 50ern, das meine Mutter bis heute in ihrer Garage für mich aufhebt. Dann konzentrierte ich meine Sammelwut auf Modeschmuck. Ich besitze sicherlich dreihundert unterschiedliche Stücke, die zum Teil noch aus den 30er Jahren stammen. Diese Sammlungen kommen mir heute zugute.
In der aktuellen Kollektion haben wir uns entschieden, eine Brosche mit einem Verschluss zu produzieren, den es heute nicht mehr gibt: Er ist wertiger, stabiler und komplizierter herzustellen. Und ich kenne ihn aus meiner Modeschmucksammlung – eben von einer solchen Brosche aus den 30er Jahren. Ganz allgemein ist es so, dass viele Dinge in der Vergangenheit qualitativ hochwertiger waren. Heute muss alles schnell, schneller, am schnellsten gehen.

Sie haben also nicht nur Erinnerungen, sondern auch ein handfestes Archiv, mit dessen Hilfe Sie Qualität und Handwerk bewahren?
In der Modeindustrie wird das Handwerk immer seltener. Wenn wir nach Rojas Ubrique fahren – einem traditionsreichen Lederwarenproduzenten der Luxusindustrie in Spanien –, ist dort keiner der Handwerker unter sechzig Jahre alt. Mir liegt viel daran, dass ihre Kunstfertigkeit nicht verloren geht.
Können Sie in Ihrer jetzigen Position genau umsetzen, was Sie wollen?
In der Vergangenheit habe ich bei namhaften Marken wie JW Anderson und Nanushka als Nummer zwei gearbeitet. Ich konnte immer meine ganze Erfahrung und Kreativität einbringen, aber die Entscheidungen hat jemand anderes getroffen. Heute genieße ich das Vertrauen von Barbara Campos, der Geschäftsführerin von Joseph. Aber Überzeugungsarbeit muss ich auch heute leisten.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Immer wenn Prozesse sich ändern, gibt es Widerstand – erst recht, wenn Dinge länger dauern als zuvor und nicht gleich klappen. Aber meine Erfahrung ist, dass alle am Ende froh sind, wenn sie etwas Neues lernen. Egal, ob sie Teil meines engsten Teams sind oder in der Produktion.
Vorhin sagten Sie, Innovation gebe es nur noch in der Technologie. Machen Sie sich das zunutze?
Wir kombinieren altes Handwerk und neue Technologien. Auf der einen Seite gibt es Röcke mit Plissees, die wir nur per Hand fertigen, ebenso wie eine bestimmte Origami-Faltung an einem neuen Kleid. Dann wieder gibt es Schmuckstücke, die wir 3D-drucken, ohne Qualität einzubüßen. Und bei vielen Maschinen, die früher per Hand eingerichtet werden mussten, übernimmt jetzt KI diese Aufgabe. Aber KI ist nicht vollkommen, auch sie muss lernen. Mich leitet die Überzeugung, dass keine Idee unmöglich ist.
Widerstände halten Sie nicht auf?
Sie begleiten mich einfach, seit ich denken kann. In der Schule wollte ich Archäologe werden – weil ich so begeistert von antikem Schmuck war –, aber mein Lehrer sagte mir, für ein solches Studium sei ich zu dumm. Ich wollte Französisch als Schulfach wählen und hörte, auch dafür sei ich zu dumm.

Ich komme nicht aus einem privilegierten Elternhaus und ahnte schon früh, dass ich mir für alles, was ich wollte, meinen Weg selbst würde bahnen müssen. Dass es immer Menschen geben würde, die mir sagen: „Das kannst du nicht, das bist du nicht, und das wirst du auch nicht werden.“ Als ich mich für ein Modestudium bewarb, erhielt ich eine Absage und wurde nur angenommen, weil ich jeden Tag im Sekretariat anrief, um zu fragen, ob vielleicht ein Kandidat abgesagt habe und ich diesen Platz haben könne. Ich glaube, sie haben mir nur zugesagt, weil sie genug hatten von meinen Anrufen.
Hat Ihre Familie Sie unterstützt?
Keiner in meiner Familie hat etwas mit Mode zu tun, mein Vater beispielsweise war für die Marine tätig, aber irgendwie waren sie alle kreativ. Mein Onkel und meine Tante beispielsweise waren Hobbyparfümeure, die stets an neuen Düften experimentierten. Und meine Mutter stand immer hinter mir, auch wenn sie mit meinen Entscheidungen nicht immer einverstanden war.
Meine Familie stammt aus dem Mittelmeerraum, und an meiner sehr weißen Schule war der einzige andere Nichtweiße ein Junge aus Sri Lanka. Wir stachen durch unser Aussehen hervor. Dass wir nicht Fußball spielten wie alle anderen, machte uns endgültig zu Außenseitern. Meine Mutter hoffte immer, dass ich nachmittags an die frische Luft gehen würde, um mit anderen zu spielen. Aber ich blieb lieber drinnen und zeichnete.
Wann fingen Sie an, sich für Mode zu interessieren?
Schon während der Schulzeit. Erst schneiderte ich exaltierte Kleider für meine zwei Jahre jüngere Cousine, die sie tapfer trug, obwohl sie darin kaum laufen und erst recht nicht sitzen konnte. Dann kleidete ich mich selbst ein. Ich nutzte günstige Meterware, die ich auf den Einkaufstouren mit meiner Mutter entdeckte – Brokatstoffe beispielsweise, knallgrün oder leuchtend orange, aus denen man eigentlich Bettüberwürfe nähte. Meine Mutter hatte immer Sorge, dass man mich in meinem Aufzug verprügeln würde, aber gehen ließ sie mich trotzdem.

Sie sagen, dass Nostalgie Ihnen wichtig ist. Wie nutzen Sie das in Ihrer Arbeit für Joseph?
Ich kehre immer wieder zur Popkultur, den Designern und Models der 80er und 90er Jahre zurück – vor allem zur Zeit von Mitte der 80er bis zum Beginn der 90er. Wenn ich mir alte Yves-Saint-Laurent- oder Ungaro-Schauen ansehe, sehe ich eine unglaublich innovative Zeit: Es ging darum, genau zu schauen, wie Stoffe fallen, wie Muster wirken, mit Intensität zu spielen und Farben gezielt einzusetzen.
Das sehen Sie heute nicht mehr?
Ich sehe nichts Neues mehr. Deswegen frage ich mich eher, welche Dinge von gestern ins Heute passen und wie man sie neu denken kann. Aber die 80er und 90er sind für mich die Jahrzehnte, in denen es noch uneingeschränkte Freiheit gab. Heute sind die Möglichkeiten nicht mehr endlos.
Denken Sie da an aufstrebende Designer? Haben nicht gerade die Social-Media-Plattformen neue Möglichkeiten geschaffen, ein Geschäft selbstständig aufzuziehen und Menschen weltweit zu erreichen?
Zunächst ja. Aber die jungen Designer heute haben es schwerer, von ihrer Arbeit zu leben, Angestellte zu bezahlen, Geld für die nächste Kollektion aufzutreiben. Lässt ein Händler sie hängen und zahlt seine Rechnungen erst ein paar Monate später, wird es existenziell. Als ich anfing, war das anders.
Meine Freunde und ich gründeten direkt nach dem College unser erstes Unternehmen und führten ein lockeres Leben. Mein erstes Haus konnte ich 2001 kaufen. Sicher, Häuser waren damals viel billiger, aber heute ist das absolut undenkbar. Wir wurden damals wöchentlich und zuverlässig bezahlt, unser Risiko war viel kleiner. Jedes Wochenende gingen wir feiern, und unter der Woche schneiderten wir die Outfits dafür.

Sie kleideten sich für jedes Wochenende neu ein?
Ja, ich war ein absolutes Party-Kid. Mit Dreadlocks, die bis zum Po reichten, riesigen Goldkreolen in den Ohren und aufsehenerregenden Outfits – die für mich eine willkommene Einkommensquelle waren.
Schon im Club sprachen mich Leute an und fragten, ob sie meine Kleidung kaufen könnten. Ich sagte dann: „Gern, aber willst du nicht bis Montag warten, dann kann ich sie dir waschen?“ Aber sie wollten die Sachen sofort haben und kauften sie mir sozusagen vom Leib weg.
Die Club-Kids heute sind anders unterwegs?
Wenn ich mich heute umsehe, habe ich den Eindruck, dass die Menschen generell weniger abenteuerlustig sind.
Wer jedes Wochenende in verrückten Outfits ausgehen will, muss bereit sein, entsprechend Zeit aufzuwenden. Ich glaube, heute fehlt vielen die Lust daran. Und ganz allgemein fehlt ihnen die Zeit, sich wirklich in etwas zu vertiefen.
Genau das haben Sie damals genossen?
Als ich in den 90ern nach London kam, drehte sich alles um Style. Wenn ich mit meiner besten Freundin, mit der ich zusammenwohnte, ausgehen wollte, brauchte sie allein zwei Stunden, bis sie mit Haaren und Make-up fertig war. Wir lasen quasi religiös die britische und die japanische „Vogue“, die viel experimenteller war, sparten unser Geld für das Magazin „Collezioni“, das 175 Pfund kostete und alle Designer und Kollektionen im Detail vorstellte. An jedem Morgen der Fashion Weeks gab es im Fernsehen eine fünfminütige Zusammenfassung des Vortags. Die musste ich sehen, auch wenn ich dadurch zu spät zur Arbeit kam. Mode machte damals einfach Spaß. Das möchte ich wiederbeleben.
Fehlt heute der Spaß in der Mode?
Schauen Sie sich doch die Menge an Jeans, T-Shirts und Hoodies an, die als Mode verkauft wird. Selbst in einem ehemals richtungsweisenden Magazin wie dem „i-D“ tragen alle nur Baggy Pants. Das hat auch mit ökonomischen Realitäten zu tun. Das Geld für verrückte Dinge, die man zum reinen Vergnügen trägt, fehlt vielen. Früher gab es dafür mehr verfügbares Einkommen.
Wie reagieren Sie darauf mit Ihrer Mode? Auf den ersten Blick ist die Mode von Joseph auch nicht laut, eher klassisch.
Zunächst bin ich definitiv kein Minimalist. Mode sollte anspruchsvoll sein, sie sollte einen zum Träumen bringen. Dass das manchmal auch heißt, Kundinnen aus ihrer Komfortzone zu holen, habe ich kürzlich auf einem Event in einem unserer Stores gemerkt.
Ich ermunterte sie, Farben wie Lila und Gold anzuprobieren, neue Silhouetten – wie beispielsweise eine Kokonjacke – anzuziehen, um zu spüren, wie angenehm sie den Körper umspielt.
Und wie war die Reaktion?
Erst zögerlich und dann vor dem Spiegel begeistert. In meiner Wahrnehmung gibt es eine Sehnsucht nach mehr Glamour, nach einer anspruchsvollen, bedachten Art, sich anzuziehen. Die Modeindustrie sendet einfach sehr lange das Signal, dass Mode ruhig und neutral sein soll – bloß nicht laut oder gar schreiend. Zum Glück sehe ich auch dazu eine Gegenbewegung.
Wenn wir zurück in die Geschichte schauen, befinden wir uns an einem ähnlichen Punkt wie in den 70er Jahren: Es gibt viel soziale Unruhe, die Lebenshaltungskosten sind hoch. Damals ist daraus Punk entstanden.
Punk hat damals eine ganz neue Kreativität freigesetzt, neue Möglichkeiten sind entstanden. Ich bin überzeugt, dass sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein ähnlicher Wandel vollziehen wird – dass wir wieder eine kreative Phase wie in den 80ern erleben werden.
Woran machen Sie das fest?
Ich sehe eine ähnliche Aggressivität. Auch wenn die junge Generation sie nicht durch Mode auslebt, werden sie daraus eine neue kreative Bewegung entwickeln, dessen bin ich mir sicher. Ich hoffe nur, dass ich nicht zu alt dafür bin, wenn es so weit ist.
Mario Arena aus Adelaide kam in den 90ern nach London. Ausgebildet an der Paris American Academy, arbeitete er für Christopher Kane, JW Anderson und Nanushka. Kleinste Details inspirieren ihn, also verbringt er jeden Sonntag mit Mops Hugo auf dem Sofa und recherchiert in Vintagemagazinen, auf Instagram und Youtube.
