
„Brutal fragile Typen“, so heißt das neue Sachbuch von Ole Liebl, das im März erschienen ist. Wer bei dem Buchtitel eine Analyse fragiler, manchmal auch toxischer Männlichkeit erwartet oder sogar „Man-Bashing“ – das Herabwürdigen von Männern aufgrund ihres Geschlechts und damit einhergehenden Verhaltensweisen –, irrt sich. Der Besuch der Lesung Liebls im Literaturhaus Frankfurt zeigt: Der Autor argumentiert differenziert, warum Verhaltensweisen wie „Manspreading“, das breitbeinige Beanspruchen von Platz, oder „Mansplaining“, das herablassende Erklären, aufhören sollten. Zugleich plädiert er für Mitgefühl – auch für Männer –, damit sich langfristig etwas in unserer Gesellschaft ändert.
Liebl hebt zu Beginn des Abends hervor, es handele sich um keine normale Lesung. Vielmehr habe er eine „Live-Lecture“ vorbereitet, eine Bildungsveranstaltung mit begleitender Präsentation. Diese eröffnet der Autor mit einer Anekdote: Auf einer Party habe ihm ein Mann erzählt, seine Partnerin frage ihn nach der Arbeit regelmäßig, wie es ihm gehe. Er könne mit der Frage nichts anfangen, wie solle es ihm schon gehen nach einem langen Arbeitstag? Mit Witz beschreibt Liebl, viele Männer hätten für Gefühle nur das Vokabular eines Kleinkindes: „gut, schlecht, müde, hungrig, horny, sauer“. Sechs Optionen, die der Partnerin nicht weiterhelfen, denn sie frage nach dem Arbeitstag, den Dynamiken am Arbeitsplatz und wie es ihm damit konkret gehe.
Männer führen Freundschaften anders als Frauen
Passend dazu zeigt Liebl auf der nächsten Folie ein Bild mit Schauspieler Hugh Jackman im Film „X-Men Origins: Wolverine“. Die Bildüberschrift lautet: „Cool guys don’t look at explosions“. Das Meme stehe dafür, dass Männer das Geschehen um sie herum oft nicht auf sich bezögen oder verdrängten. Liebl nennt das eine „eigentümliche Freiheit“, die davon lebe, dass Männer soziale Beziehungen nicht priorisierten. So entstehe eine Unabhängigkeit durch Bindungslosigkeit. Was kurzfristig befreiend wirken könne, lasse diese Männer langfristig vereinsamen. Eine Beziehung bedeute immer, sich auf die Emotionen des Gegenübers einzulassen und dafür Verantwortung zu übernehmen, so Liebl.
In der Freundschaftsforschung hätten Forscher herausgefunden, dass Frauen „Face-to-Face-Freundschaften“ führten, in denen die emotionale Ebene und Kommunikation mehr Platz finde. Männerfreundschaften hingegen seien als „Side-by-Side-Freundschaften“ charakterisiert, bei denen gemeinsame Aktivitäten und Erlebnisse im Vordergrund stünden. Liebl sagt, dass die Einsamkeitskrise unter Männern nicht anhand der Anzahl von Freundschaften gemessen werden könne – so wie in vielen Studien der Fall –, sondern anhand ihrer Qualität.
Auch die sogenannte „Manosphere“ ist Thema an diesem Abend. Gemeint ist ein Internet-Netzwerk, das von antifeministischen und frauenfeindlichen Inhalten geprägt ist. Maskulinisten, so nennt Liebl sie, würden ein Männlichkeitsbild verkaufen, das sich an der Orientierungslosigkeit junger Männer bereichere, ohne dabei konkrete Lösungsansätze für deren Probleme zu bieten.
Trotz der patriarchalen Abgründe, die der Autor an diesem Abend benennt und verurteilt, dürfe man das Mitgefühl füreinander nicht verlieren. Er appelliert an das Publikum, Männlichkeit nicht als Identität zu kritisieren, sondern als Verhältnis zur Gesellschaft. Konflikte um männliche Rollenbilder habe es schon immer gegeben und werde es auch weiterhin geben. Man dürfe nur nicht aufhören, Männlichkeit zu hinterfragen.
Ole Liebl: „Brutal fragile Typen“. Männer und Gefühle. HarperCollins Verlag, Hamburg 2026. 272 Seiten, 18 Euro.
