Die Blumen im Festivalpalast sehen falsch aus, sind aber echt – jeden Morgen, wenn Filmkritiker die Treppen zu den ersten Vorführungen des Tages hinauf drängen, gießt ein junger Mann die Orchideen, Kakteen und Azaleen sparsam mit einer grünen Kanne. Mit der Natur in „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ verhält es sich genau umgekehrt: Sie ist künstlich – mit breitem Pinselstrich auf Leinwand entstehen schneebedeckte Tannenreihen in altmodischer Kulissenarbeit, genau deshalb wirkt diese Welt aber absolut überzeugend und bedrohlich, wenn eine junge Regisseurin auf der Suche nach dem Drehort eines alten Horrorfilms sich darin zu verirren droht. Irgendwann findet die Frau das verlassene Camp, in dem der Legende nach während eines Sommertrips mehrere Jugendliche ums Leben kamen, was wiederum eine Reihe von Teenager-Slasher-Filmen inspirierte, die diese junge Frau nun wieder beleben soll. Was zunächst wie die Neuauflage der Meta-Horror-Reihe „Scream“ wirkt, wird unter der Regie Jane Schoenbruns deutlich mehr.
Bislang galt Schoenbrun als Geheimtipp; das ändert sich gerade, auch durch Cannes. Als vor vier Jahren ihr verstörend-mutiger Film „We’re All Going to the World’s Fair“ in Sundance Premiere feierte, setzte er den Namen der nichtbinären Person auf die Liste der aufstrebenden amerikanischen Regietalente. Martin Scorsese lobte Schoenbruns Arbeit. Emma Stone produzierte den nächsten Film „I Saw the TV Glow“. Und „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ hat nun Brad Pitt unterstützt. Viel Lob und Vertrauen von wichtigen Kollegen im harten Filmgeschäft also; nur folgerichtig erscheint deshalb, dass „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ in diesem Jahr die „Un Certain Regard“-Reihe in Cannes eröffnet, die sich neuen, ungewöhnlichen Stimmen im Film widmet.
Bisher arbeitete sich Schoenbrun chronologisch immer weiter in die Mediengeschichte zurück. Der mit schmalstem Budget gedrehte „We’re All Going to the World’s Fair“ (2021) folgte einem Mädchen, das dem grauen Aufwachsen in der amerikanischen Kleinstadt durch eine gefährliche Social-Media-Mutprobe zu entfliehen sucht und dabei die Gefahren des Internets kennenlernt. Der Nachfolger, „I Saw the TV Glow“ (2024), setzte sich mit den Fantasy- und Horrorserien der späten Neunzigerjahre wie „Buffy – the Vampire Slayer“ auseinander und fing das Gefühl der Heranwachsenden ein, dass Seriencharaktere und ihre Welt ein besseres Zuhause sein können als die zerrüttete Familie, in der man aufwächst. „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ geht nun noch ein Stück weiter zurück, zu den Horrorfilmen der Achtzigerjahre, arbeitet sich an Kubricks Kamerafahrten in Vogelperspektive aus „The Shining“ ab, verbeugt sich vor David Cronenbergs glibberigem Bodyhorror und winkt kurz Wes Craven, wenn Wände plötzlich lebende Gesichter bekommen wie in „A Nightmare on Elm Street“.
Gillian Anderson als Femme fatale
Das Problem der Slasher-Horrorfilme, dass man um die Leben der jugendlichen Opfer fürchten soll, während die Kamera dem Publikum doch immer wieder die Perspektive des Killers offeriert, geht Schoenbrun frontal an, lässt es nämlich zum einen die Hauptfiguren diskutieren – der Vorteil bei einem Film übers Filmemachen – und dreht obendrein kreativ am Perspektivproblem selbst.
Dass all das funktioniert, liegt an den beiden Hauptdarstellerinnen. Gillian Anderson, die Schoenbruns Generation vor allem als selbstbewusste und rationale FBI-Ermittlerin Scully aus der Serie „Akte X“ vor Augen steht, wirft sich mit pinkfarbenen Lippen und zu vielen Wimpern in die Rolle der Femme fatale, die der jungen Regisseurin den Kopf verdreht. Hannah Einbinder gibt das recherchierende Filmgenie mit dem Charme einer jungen Claire Danes. Bevor sie schöpferisch werden kann, muss sie ihre eigene Identität finden – wie im klassischen Teeniehorror spielt Begehren, Hingabe, kurzum Sex eine große Rolle. Wo der in diesem Genre, vor allem in Amerika, sonst negativ konnotiert ist (nur die Jungfrau überlebt), versucht sich Schoenbrun an einer alternativen Deutung. Das Ergebnis ist manchmal witzig, manchmal sehr blutig, immer klug.
Von Kunst und Identität erzählt auch der Wettbewerbsfilm „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski. Er folgt Thomas Mann, den Hanns Zischler bis in die Stimmlage studiert hat, 1949 bei seinem ersten Besuch in Deutschland nach der Emigrationszeit in den USA. Gemeinsam mit seiner ältesten Tochter Erika, herausragend wie immer von Sandra Hüller gespielt, reist er zunächst nach Frankfurt am Main und folgt danach der Einladung in die sowjetische Besatzungszone nach Weimar.
Dem Schriftsteller geht es um die Absicherung seines Lebenswerks, der Tochter um ein Wiedersehen mit dem Bruder Klaus. Kurz vor dem Abflug in die alte Heimat hat sie noch mit ihm telefoniert, er sprach von Freitod „wie Ernst Toller oder Stefan Zweig, das würde sie aufwecken“ (Pawlikowski zitiert hier frei nach Manns letztem Essay „Die Heimsuchung des europäischen Geistes“). Kurz nach der Ankunft in Frankfurt erfahren Vater und Tochter von Klaus’ Suizid. Die Fahrt durch das in Zonen unterteilte Deutschland wird für beide zum Ringen um die Anerkennung des Verlusts. In einer der stärksten Szenen sieht man Hüllers Erika am Telefon, sie versucht der Mutter in Amerika Trost zu spenden, wo sie selbst kaum welchen findet. Was sich dabei in wenigen Sekunden in diesem Gesicht an Gefühlskomplexität abspielt, bietet Stoff für ganze Schauspielseminare.
Pawlikowski interessiert aber nicht nur der Familienkonflikt, bei dem man Hüller und Zischler ohne Mühe gern noch deutlich länger als die knappen 82 Minuten zugesehen hätte. Ihm geht es auch um die Frage, was Künstler tun müssten, wenn der Faschismus an die Macht kommt. Sollten sie das Land verlassen? In die innere Emigration gehen? Offen Widerstand leisten? Thomas Mann muss sich beim Empfang in Frankfurt diese Fragen gefallen lassen. Erst nimmt die internationale Presse seine Heimatreise kritisch unter die Lupe, dann buhlen die alten Nazis und ihre Nachfahren, die ihre Fahnen nach dem neuen Wind gehängt haben, um seine Gunst. In Weimar hingegen will der russische Kommandant mit ihm Goethes mephistophelische Dialektik diskutieren, Johannes Becher stellt ihm die neue Hymne für einen Staat vor, der noch nicht gegründet ist, und Erika sieht im Park die klassischen Statuen von Moos bewachsen malerisch verwittern. Die Natur frisst die Kunst auf, wenn die Menschheit sich nicht darum kümmert.
