Der Garten der Gesundheit kennt weder Zaun noch Eingangstor. Denn er wurde von dem Arzt und Botaniker Johann Wonnecke von Kaub im 15. Jahrhundert bewusst so angelegt, dass am Ende eines der ersten gedruckten Kräuterbücher herauskam. Selbiges ist 1485 vom Mainzer Verleger Peter Schöffer, einem Weggefährten Johannes Gutenbergs, in derart herausragender Weise gestaltet worden, dass der „Gart der Gesundheit“ schon sechs Monate nach der Erstveröffentlichung nachgedruckt werden musste.
All das und einiges mehr darüber, was die Welt der Pflanzen ausmacht und im Innersten zusammenhält, erfahren Besucher des Naturhistorischen und des Gutenberg-Museums bis zum 23. August in der Doppel-Ausstellung „Flora“. Sie wird im zweiten Obergeschoss des übergangsweise von beiden Institutionen gemeinsam genutzten Hauses an der Reichklarastraße in Mainz gezeigt.
„Wenn aus Wurzeln Wunder wachsen“
Das naturkundliche Meisterwerk, das im Original in den Räumen des zwei Etagen tiefer in einer alten Klosterkirche untergebrachten Gutenberg-Museums zu sehen ist, beschreibt in Wort und Bild 382 Heilpflanzen und Drogen. „Als frühes deutschsprachiges Gesundheitsbuch machte es das Wissen über Heilpflanzen einem breiteren Publikum, etwa Ärzten, Apotheken und interessierten Laien, zugänglich“, erklärte Ulf Sölter, Direktor des wegen Umbauarbeiten derzeit merklich verkleinerten Weltmuseums der Druckkunst, bei der Eröffnung der Schau. „Flora – Wenn aus Wurzeln Wunder wachsen“ sei als interdisziplinäre Kooperation der Museen und der Hochschule Mainz entstanden.

Echte Blumen werden nicht gezeigt. Obwohl Hochbeete, ein Gewächshaus und Gießkannen dem Betrachter durchaus das Gefühl vermitteln, in einer kleinen Gärtnerei oder Forschungsanstalt unterwegs zu sein. Wer sich nicht scheut, kann an einer Malstation eigene Kreationen erschaffen, die automatisch einen Phantasie-Namen wie Violett-Klinge erhalten, ehe sie als Beitrag zur Biodiversität auf einer auf die Wände projizierten Wildwiese gepflanzt werden.
Auch andere Fragen stehen, ebenso wie die für die Gäste aufgebauten digitalen Auskunftsgeber, im Raum: Zum Beispiel, wie die für das Pflanzenleben so wichtige Photosynthese genau funktioniert? Oder wie „Der Bien“ aufgebaut ist, der als sozialer Superorganismus dafür sorgt, dass tausende Einzelbienen und die Königin gut miteinander klarkommen. Die Ausstellung mache – gerade mit Blick auf Klimawandel und Artenvielfalt – sichtbar, wie eng Natur, Wissenschaft und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verknüpft seien, sagte Bernd Herkner, der Direktor des Naturhistorischen Museums.
Zugleich ist die Heilpflanzen-Schau nach Ansicht ihrer Macher ein Beleg dafür, wie aktuell das Thema bis heute sei – so etwa im Internet und bei Influencern. Einflussreich war schon im Mittelalter auch die am Rhein lebende Äbtissin Hildegard von Bingen, die als bedeutende Universalgelehrte nun im Mainzer „Gart der Gesundheit“ ebenfalls ein eigenes kleines Eckchen bekommen hat.
Die Benediktinerin, die im zwölften Jahrhundert eine gefragte Ratgeberin war, beschäftigte sich zeitlebens intensiv mit zentralen Fragen der Religion, der Medizin, der Ethik und der Kosmologie. Wobei in ihrer Welt und laut ihrem Grundlagenwerk „Physica“ neben Kräutern und Bäumen auch viele Metalle, Steine, Fische, Vögel und Landtiere starke Heilkräfte besitzen können. Weitere Informationen unter www.flora-ausstellung.de.
