Mit elf Jahren wurde Jamie Bell über Nacht berühmt. Stephen Daldrys „Billy Elliot“ machte den Jungen aus Nordengland im Jahr 2000 zum internationalen Star: ein Arbeiterkind, das lieber tanzt als boxt und damit gegen die Erwartungen seines Umfelds rebelliert. Bell gewann dafür den britischen Filmpreis Bafta als bester Hauptdarsteller.
Seitdem hat er sich konsequent von der Rolle des ewigen Nachwuchstalents entfernt. Er spielte in Independent-Filmen ebenso wie in großen Studioproduktionen, arbeitete mit Regisseuren wie Lars von Trier, Clint Eastwood oder Steven Spielberg und suchte dabei oft Figuren, die zwischen Härte und Verletzlichkeit stehen. In der HBO-Serie „Half Man“ verkörpert Bell nun einen Mann, der gegen die eigene Identität ankämpft.
Herr Bell, in „Half Man“ spielen Sie einen Mann, der jahrzehntelang gegen sich selbst lebt. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Mich interessieren grundsätzlich Figuren, die etwas verstecken. Ich glaube, das tun wir alle bis zu einem gewissen Grad. Menschen sagen ständig: „Mir geht’s gut“, obwohl das oft gar nicht stimmt. Das gehört fast zur menschlichen Natur. Bei Niall ist diese Verdrängung nur extrem ausgeprägt. Er hat sich selbst über Jahre so sehr verbogen, dass er irgendwann gar nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Das fand ich faszinierend – und auch traurig.
Haben Sie das Gefühl, dass Menschen heute ehrlicher mit sich selbst umgehen als früher?
Teilweise vielleicht. Aber ich glaube trotzdem, dass viele Menschen immer noch enorme Angst davor haben, wirklich offen zu sein. Vor allem Männern wird oft beigebracht, Gefühle eher wegzudrücken als auszusprechen. Und wenn man das lange genug macht, verliert man irgendwann den Zugang zu sich selbst. Genau das passiert Niall.
Sie sprechen oft über emotionale Verdrängung. Kommt dieses Interesse auch aus eigenen Erfahrungen?
Natürlich zieht man immer etwas aus dem eigenen Leben. Richard Gadds Drehbücher waren sehr emotional geschrieben. Schon beim Lesen musste ich oft an meine eigene Jugend denken. Daran, wie die Stimmung damals an Schulen war. Wie über Männer gesprochen wurde. Wie über Homosexualität gesprochen wurde. Das war alles deutlich härter als heute. Ich erinnere mich gut daran, wie groß die Angst war, offen zu sich selbst zu stehen.
Sie selbst sind in einem sehr anderen Umfeld aufgewachsen als Ihre Figur.
Ja, absolut. Ich bin in einem Haushalt mit Frauen groß geworden. Meine Mutter, meine Schwester, meine Großmutter – das waren die Menschen um mich herum. Mein Vater hat uns vor meiner Geburt verlassen. Und ich war als Kind in Tanzklassen. Auch das war ein sehr weiblich geprägtes Umfeld. Diese klassische Vorstellung von Männlichkeit, dieses „Du musst hart sein, um ein Mann zu sein“, habe ich persönlich nie so erlebt. Vielleicht konnte ich deshalb mit etwas Distanz auf diese Figur schauen.
Trotzdem zeigt „Half Man“, wie tief solche Rollenbilder sitzen können.
Ja, weil solche Prägungen nicht einfach verschwinden. Wenn jemand von klein auf lernt, dass Gewalt Stärke bedeutet oder dass Verletzlichkeit Schwäche ist, dann trägt er das oft sein ganzes Leben mit sich herum. Gerade in der Welt, aus der die Serie erzählt – Glasgow in den frühen Achtzigern –, war das extrem präsent. Männer mussten dominant wirken. Einschüchternd. Laut. Alles andere galt schnell als Schwäche.
Sie wirken selbst eher reflektiert und zurückhaltend. War das früher auch schon so?
Ich glaube schon. Ich war nie jemand, der besonders laut war oder sich über Härte definiert hat. Vielleicht auch deshalb habe ich früh angefangen zu tanzen. Dort ging es um Ausdruck, um Emotionen, um Körperlichkeit – aber eben nicht um Aggression. Das hat mich geprägt.
Sie haben gesagt, dass Sie an Niall auch eine Form von Selbsthass erkennen. Können Sie das nachvollziehen?
Ein Stück weit kann das wahrscheinlich jeder Mensch. Gerade im kreativen Bereich kennt man Selbstzweifel sehr gut. Dieses Gefühl, nicht genug zu sein oder sich ständig hinterfragen zu müssen. Das kenne ich durchaus. Aber Niall geht natürlich viel weiter. Er lebt komplett gegen sich selbst. Und das macht ihn irgendwann destruktiv.
Was hat Sie beim Spielen dieser Figur am meisten überrascht?
Dass er sich im Laufe der Geschichte so stark verändert. Am Anfang wirkt er fast wie ein Opfer seiner Umstände. Still, freundlich, zurückhaltend. Aber je länger man zusieht, desto deutlicher wird, dass in ihm auch etwas sehr Kaltes steckt. Etwas Berechnendes. Das mochte ich an den Drehbüchern sehr. Menschen sind selten nur eine Sache.

Sie vergleichen Niall teilweise mit Tom Ripley, dem Serienmörder aus den Highsmith-Krimis.
Ja, weil beide Figuren etwas Maskenhaftes haben. Nach außen wirken sie harmlos oder sensibel, aber darunter liegt etwas Dunkles. Und ich glaube, das entsteht oft aus Verdrängung. Wenn man sich selbst lange genug versteckt, wird das irgendwann toxisch – nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere.
Die Serie erzählt auch von Menschen, die lieber alles zerstören, als ehrlich zu sich selbst zu sein.
Genau. Und ich glaube leider, dass das etwas sehr Menschliches ist. Viele Menschen halten an Lügen fest, weil die Wahrheit ihnen unerträglich erscheint. Selbst wenn diese Lügen ihr Leben ruinieren. Das Tragische an Niall ist ja: Eigentlich müsste er nur akzeptieren, wer er ist. Aber für ihn fühlt sich das unmöglich an.
Haben Sie das Gefühl, dass Männer heute besser darin geworden sind, über Gefühle zu sprechen?
Zumindest gibt es heute mehr Raum dafür. Aber ich glaube nicht, dass sich jahrzehntelange Muster so schnell auflösen. Viele Männer tragen immer noch diese Idee mit sich herum, dass man Probleme allein lösen muss. Dass Verletzlichkeit gefährlich ist. Dabei ist genau das Gegenteil oft wahr.
Sie und Richard Gadd spielen in der Serie eine extrem intensive Beziehung. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Sehr intensiv, aber auch sehr vertrauensvoll. Die Dreharbeiten waren körperlich anstrengend. Viele Szenen waren sehr physisch, sehr roh. Aber gleichzeitig hatten wir hinter der Kamera eine völlig entspannte Verbindung. Wir haben viel gelacht. Oft standen wir zwischen zwei schweren Szenen einfach irgendwo herum und haben Fußball gespielt oder uns über die Ergebnisse der Premier League unterhalten. Das klingt banal, aber es hat geholfen, kurz aus dieser emotionalen Welt herauszukommen.
Sie haben direkt nach „Half Man“ bereits das nächste große Projekt gedreht, die Serienfortsetzung von „Peaky Blinders“. Ihre Rolle ist diesmal ein typischer Alpha-Mann. Mögen Sie diese extremen Wechsel?
Ja, sehr sogar. Genau das hält den Beruf spannend. Ich möchte mich nicht wiederholen. Jede Rolle zwingt einen dazu, andere Seiten von sich selbst zu erforschen. Das ist letztlich der Grund, warum ich Schauspieler geworden bin.
Was nehmen Sie persönlich aus „Half Man“ mit?
Wahrscheinlich die Erkenntnis, dass Geheimnisse Menschen krank machen können. Das klingt simpel, aber ich glaube wirklich daran. Solange man Dinge verdrängt oder sich selbst verleugnet, bleibt man irgendwie stehen. Erst wenn Dinge ans Licht kommen, hat man überhaupt die Möglichkeit, sich zu verändern.
