
Die Deutsche Messe AG steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. „Wir treten an, um für den Standort zu kämpfen“, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne am Mittwoch vor der Landespressekonferenz – und präsentierte einen Plan dafür, wie sich das Unternehmen neu erfinden soll, das in Hannover als Aushängeschild des Industriestandorts Deutschland gesehen wird. „Wir verbinden Konsolidierung mit Investitionen in Zukunftsfähigkeit“, kündigte Tonne an.
„Stehe dem Unternehmen Tag und Nacht zur Verfügung“
Den Masterplan dafür soll Konstantin Kühl entwickeln, der als Sanierer den Vorstand ergänzen soll, mit Arbeitsbeginn am kommenden Montag. „Selbstverständlich stehe ich dem Unternehmen Tag und Nacht zur Verfügung“, betonte Kühl, der sich zuvor als Partner der Beratungsgesellschaft Roland Berger vorgestellt hatte, mit zwölf Jahren Erfahrung in Transformation und Restrukturierung. Weitere Mandate werde er parallel nicht wahrnehmen, versicherte er. Der Vertrag mit Kühl sei unbefristet geschlossen, betonte Wirtschaftsminister Tonne, der in Personalunion Aufsichtsratschef der Deutschen Messe AG ist. Wahrscheinlich werde Kühl etwa zwei Jahre den Vorstandsposten wahrnehmen, abhängig von den Ergebnissen.
Die Aufgaben sind groß, denn die Deutsche Messe AG ist seit vielen Jahren im Niedergang begriffen. Zuletzt konnte das bei der diesjährigen Hannover Messe Anfang April beobachtet werden. Mit einer Fläche von gut 100.000 Quadratmetern hatte das Messeteam geplant, schon das war nur ein Bruchteil der früher üblichen Fläche. Letztlich habe man 80.000 Quadratmeter belegt, und das auch nur unter größter Kraftanstrengung, beschrieb Tonne das nachlassende Interesse an der traditionsreichen Industrieschau. Im Jahr 2019 hatte die Hannover Messe noch 230.000 Quadratmeter beansprucht – auch dies nur ein Bruchteil der Fläche von 392.543 Quadratmetern, die das Messegelände in Hannover zu einer der größten überdachten Messeflächen der Welt macht. Ausgelastet ist das Gelände nur dann, wenn alle zwei Jahre die Landmaschinenmesse Agritechnica stattfindet.
Sanierungsstau auf Milliardensumme taxiert
Von Kühl erwartet Aufsichtsratschef Tonne ein „tragfähiges Gesamtkonzept“ für das gesamte Messegelände, einschließlich einer strategischen Bewertung des Bedarfs, der nötigen Flexibilität und Modernität, sagte der Ministerpräsident. In einem geheimen Bericht soll der Landesrechnungshof den Sanierungsstau auf eine Milliardensumme taxiert haben, wie in örtlichen Medien zu lesen war.
Im Jahr 2024 kam die Messe auf 212 Millionen Euro Umsatz. Das entspricht zwar der Größenordnung aus der Zeit vor der Corona-Pandemie, aber mit einem großen Unterschied: Nur zwei Drittel des Umsatzes entfielen auf das Kerngeschäft, also auf Messen und Veranstaltungen. Ein Drittel der Einnahmen wurde durch die Unterbringung von Geflüchteten auf dem Messegelände erzielt. Unterm Strich stand im Jahr 2024 ein Ergebnis von 1,3 Millionen Euro – also eine Rendite im Promillebereich. Aus den Vorjahren wird ein Bilanzverlust von 77 Millionen Euro mitgeschleppt.
Die Aufgabe des bisherigen Alleinvorstands Jochen Köckler ist es jetzt, das Messegeschäft am Standort Hannover voranzutreiben, auch durch die Gewinnung neuer Partnermessen. Als Vorbild nannte Köckler die Wehrtechnikmesse DSEI, die im März 2027 erstmals in Deutschland stattfinden soll. „Wir müssen genau beobachten, wann der Nokia-Moment erreicht ist“, sagte Köckler mit Blick auf Messen, die ihren Zenit überschritten haben.
Zuletzt hatte die Deutsche Messe im Herbst 2018 angekündigt, keine Cebit mehr zu veranstalten, nachdem sich zu wenige Aussteller für die einst größte Computermesse der Welt angemeldet hatten. Ergänzend soll Holger Feist als weiterer Vorstand (seit dem 1. Mai) die Entwicklung von Neugeschäft im In- und Ausland vorantreiben und weitere digitale Services aufbauen. Feist war nach Stationen bei McKinsey und Hubert Burda Media zuletzt als Strategiechef für die Weiterentwicklung der Messe München verantwortlich.
