Auf dem Weg zum Filmfestpalast grüßen abwechselnd Susan Sarandon und Geena Davis von hohen Bannerstreifen. Breitbeinig und selbstbewusst sitzen sie auf ihrem Cabrio. Das Foto aus Ridley Scotts „Thelma & Louise“ ist das diesjährige offizielle Festivalplakatmotiv. Mit Bedacht gewählt, wie es scheint, denn es setzt der leisen Kritik, die vor Beginn die großen US-Blockbusterfilme im Programm vermisste, ein Statement entgegen: Dieser mittlerweile weltweit bekannte Film ist 1991 nicht mit den Geldern der größten Studios produziert worden.
Festivalpräsidentin Iris Knobloch wies gegenüber dem Branchenblatt „Variety“ das Fehlen der US-Industrie in Cannes noch deutlicher zurück: „Es gibt fast so viele amerikanische Filme wie gewöhnlich auch“, sagte sie und betonte, dass Amerikas Kino aus mehr bestehe als nur aus Hollywood. Gerade Independent-Filmen bietet das Filmfest einen Startvorteil, der manchmal sogar für Anschub bis hin zu den Oscars reichte, wie 2025 etwa bei Sean Bakers „Anora“. Und auch wenn weder Christopher Nolans „Odyssee“ noch Steven Spielbergs „Disclosure Day“ in Cannes Premiere feiern, die Stars holt das Festival trotzdem auf den roten Teppich: Kurzfristig nahm man „Paper Tiger“ von Independent-Regisseur James Gray ins Wettbewerbsprogramm, der Scarlett Johansson und Adam Driver in Hauptrollen mitbringt. Außerdem gehen die Ehrenpalmen in diesem Jahr an Barbra Streisand und „Der Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson.
Andy Garcia und John Travolta kommen als Regisseure zurück
Zum Kino gehört immer auch Kinogeschichte: Am Mittwoch läuft zur Erinnerung an die Premiere des Actionspektakels „Fast and Furious“ vor 25 Jahren der erste Teil der davon gestarteten Reihe im Grand Théâtre Lumière in Anwesenheit der Filmcrew. Andere Haudegen des Hollywoodkinos geben sich in Nebenreihen die Ehre: So präsentiert Andy Garcia seine zweite Regiearbeit „Diamond“, für die er Brendan Fraser, Bill Murray und Dustin Hoffman gewinnen konnte, und John Travolta kehrt nach mehr als dreißig Jahren nach Cannes zurück. 1994 erklomm er als Schauspieler die Stufen des Festivalpalastes für die Premiere von „Pulp Fiction“, nun debütiert er hier im Alter von zweiundsiebzig Jahren als Regisseur. Das Thema seines Erstlingswerks „Propeller One-Way Night Coach“ ist seine Leidenschaft fürs Fliegen (er kann mehr als 9000 Flugstunden nachweisen und durfte als erster Privatmann sogar einen Airbus A380 steuern), genauer: ein Junge, der vom Fliegen träumt.
Von Träumen und ihrer Verbindung zur Kunst erzählt auch der Eröffnungsfilm „La Vénus Électrique“ des Franzosen Pierre Salvadori. Im Mantel einer Verwechslungskomödie mit warmen Farben und phantasievoller Ausstattung entführt Salvadori ins Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein verzweifelter Maler stolpert betrunken in den Wagen einer Jahrmarktswahrsagerin, um Kontakt zur verstorbenen Geliebten aufzunehmen. Die junge Frau, die ihm daraufhin eine Séance vorgaukelt, hatte sich selbst nur in den Wagen geflüchtet, um ein wenig aus einem Opiumfläschchen der Kollegin zu naschen, wittert aber recht schnell einen lukrativen Nebengewinn, denn dem Verzweifelten sitzt das Geld locker.
Das wiederum kann das falsche Medium gut gebrauchen, denn die Frau steht beim Jahrmarktbesitzer in großen Schulden, geerbt von ihrem Vater. Bis die abgearbeitet sind, muss sie sich als „elektrische Venus“ hergeben. Für ein paar Cents kaufen Männer ihren Kuss, der Unvergleichliches verspricht. Um das zu halten, schickt der Chef während der Kuss-Session Stromschläge durch ihren Körper. Der Geisterbeschwörungsjob beim Maler verspricht immerhin keine verbrannten Hände. Natürlich hat ihr Traum von Freiheit Hindernisse: Der Maler verliebt sich, hält sie aber für die wiedergefundene Verstorbene. Sie wiederum liest im Tagebuch der Toten, und deren Blick auf den Künstler erweckt ihre Gefühle. Ist Liebe bloß eine Illusion? Und was tut man, wenn Geldsorgen das zarte Anbändeln bedrängen?
Um die Finanzierung müssen sich europäische Filmkünstler dieser Tage ganz reale Sorgen machen, denn demnächst wird in Brüssel über eine Neuverteilung der Filmförderungsgelder debattiert. Das MEDIA-Programm, das bisher für unabhängige Filmemacher eine große finanzielle Stütze darstellte, soll geändert werden. Bereits vor der offiziellen Eröffnung des Festivals kursierte ein offener Brief, der die Sorgen der Branche formulierte und den mehr als 4900 Filmschaffende unterzeichneten, darunter Juliette Binoche, Yorgos Lanthimos, Stellan Skarsgård, Sandra Hüller und Volker Schlöndorff.
Die beiden Deutschen reisen in dieser Woche ebenfalls nach Cannes. Mit Spannung wird Hüllers Auftritt in „Vaterland“ erwartet; der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski lässt sie in dem Drama als Erika Mann auftreten, die gemeinsam mit ihrem Vater, dem Schriftsteller Thomas Mann, ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrt. Dessen Rolle übernimmt Hanns Zischler. Literarisches hat sich auch Schlöndorff vorgenommen, nämlich Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“, der in einer Nebenreihe Premiere feiert. Es ist einer von zwei Filmen, in denen Lars Eidinger zu sehen sein wird. Im Wettbewerbsfilm „Moulin“ des Ungarn László Nemes spielt er zudem den Gestapochef Klaus Barbie. Außerdem tritt die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach mit „Das geträumte Abenteuer“ im Wettbewerb an. Und die Österreicherin Marie Kreutzer hat für „Gentle Monster“ Jella Haase (mit Léa Seydoux und Catherine Deneuve) auf die Leinwand geholt – mehr deutschsprachiges Talent an der Croisette als in vielen Vorjahren. Der Wind, der Thelma und Louise vom Filmbanner winken lässt, gibt Europas Kino Auftrieb.
