
Die Karibikinsel Anguilla mit gerade einmal 15.000 Einwohnern profitiert derzeit von zwei Buchstaben: AI. Die englische Abkürzung für Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) bringt dem Urlaubsparadies einen Geldsegen. Und den kann Anguilla gut gebrauchen, nachdem ein Tsunami die Insel vor neun Jahren verwüstete.
Der Hurrikan Irma hatte 2017 rund 90 Prozent der Strominfrastruktur und der Regierungsgebäude beschädigt. Die britische Regierung half mit einem Finanzpaket dem Überseegebiet des Vereinigten Königreichs. Schließlich sollten auch die Hotels wieder aufgebaut werden, um Urlauber weiterhin an die Strände vor dem türkisblauen Atlantik zu locken.
Nun hat Anguilla unverhofft eine weitere Einnahmequelle dazugewonnen. Mit dem KI-Boom registrieren immer mehr Techfirmen und Start-ups ihre Websites dort. Die Domain von Anguilla endet auf „.ai“. So wie deutsche Seiten auf „.de“ enden oder US-amerikanische Homepages auf „.us“. Google und Meta machen es vor: zu ihrer KI gelangt man über google.ai und meta.ai. Auch Elon Musk registrierte mit x.ai seinen Chatbot Grok in der Karibik.
AI-Boom wegen ChatGPT
Als Open AI Ende 2022 ChatGPT veröffentlichte, waren keine 150.000 „.ai“-Domains registriert. Im Januar dieses Jahres verkündete Anguillas Premierministerin Cora Richardson-Hodge, dass nun eine Million Domains mit der Endung registriert sind.
Eine Domain in Anguilla zu registrieren, kostet rund 130 Euro, die Gebühr wird alle zwei Jahre fällig. „Die Einnahmen aus Domain-Registrierungen übertreffen weiterhin die Erwartungen“, sagte die Premierministerin jüngst in ihrer Haushaltsrede.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzte für 2023, dass Anguilla allein in dem Jahr 32 Millionen Dollar durch Domainregistrierungen eingenommen hat, was mehr als 20 Prozent der Gesamteinnahmen der Regierung ausgemacht habe. „Die Regierung rechnet damit, dass sich die Einnahmen aus „.ai“-Domain-Registrierungen bei etwa 15 Prozent der gesamten Staatseinnahmen einpendeln werden“, schrieb der IWF 2024. Anguillas Digitalminister José Vanterpool erwartet gar, dass die Einnahmen in diesem Jahr die Hälfte des Haushalts ausmachen, wie er der BBC 2025 sagte. 2025 betrugen die Einnahmen 85 Millionen US-Dollar.
Zuteilung der Domain „.ai“ war reiner Zufall
Durch diesen Glücksfall hat Anguilla unverhofft einen dritten wichtigen Wirtschaftssektor neben der Fischerei und dem Tourismus hinzugewonnen. Letzter macht laut IWF 37 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Von den „.ai“-Gebühren tilge Anguilla Schulden und könne Investitionen priorisieren.
Der Premierministerin Richardson-Hodge zufolge profitiert die Gesellschaft von den Einnahmen. Sie sagt laut einer Mitteilung: „Der Erfolg von ‚.ai‘ hat es Anguilla ermöglicht, in kritische Infrastruktur zu investieren, die unserem Volk über Generationen dienen wird, und gleichzeitig unsere Insel mit der Zukunft globaler Technologie zu verbinden.“ Auch der Flughafen wird mit den Einnahmen ausgebaut – was dem Tourismus wiederum zugutekommt. Ebenso wird die Krankenversicherung für Kleinkinder dadurch finanziert, und Senioren werden kostenlos medizinisch behandelt.
Dass Anguilla ausgerechnet diese Endung zugeteilt wurde, war Zufall. Der frühere Premier der Insel betonte, diese hätte auch an die Nachbarinsel Antigua gehen können. Dass Anguilla das Monopol auf die Endung „.ai“ behielt, ist dafür kein Zufall. Allerdings auch kein Verdienst der Regierung, sondern der eines einzelnen Unternehmers.
.tv nahm ein anderes Schicksal
Der Softwareentwickler Vincent Aron Cate, kurz Vince Cate genannt, hatte sich seiner US-Staatsbürgerschaft aus Protest gegen ein Exportverbot von Verschlüsselungstechnologien aus den USA in andere Länder losgesagt und sich 1994 in Anguilla angesiedelt. Er programmierte damals ein verschlüsseltes Bezahlsystem und benötigte eine Website, so erzählt er es in anderen Medien. Da sich niemand um die Verwaltung der Domain gekümmert habe, habe er das in Rücksprache mit der Regierung selbst erledigt.
Heute ist die internationale Organisation ICANN für die Vergabe der Top-Level-Namen, also der Domains, zuständig. Über die Zeit wurden Millionen Dollar über den Rechner von Vince Cate umgesetzt, er selbst soll dabei reich geworden sein. Bis 2025 verwaltete Cate die Endung „.ai“. Dann konnte er den Boom auf die zwei Buchstaben nicht mehr allein bewältigen. Schließlich ging die Regierung eine Kooperation mit dem US-Unternehmen Identity Digital ein, das den technischen Betrieb gegen einen Anteil der Einnahmen übernimmt.
Den Dienstleister einzuschalten, dürfte auch eine Lehre aus dem Schicksal der Domain .tv des Staates Tuvalu sein. Die Regierung von Tuvalu verkaufte die Domain, bevor Videostreaming groß wurde, und erhielt über Jahre lediglich einen einstelligen Millionenbetrag – so viel verdiente Vince Cate schon vor dem KI-Boom. Der Programmierer muss übrigens einen Großteil seiner Einnahmen an die Regierung zurückzahlen.
Die Gefahr für Anguilla besteht darin, diese Einnahmequelle so schlagartig zu verlieren, wie sie kam, sollte der KI-Boom enden. Doch bis dahin bleibt die Insel Urlaubs- und Technologieparadies.
