Wenn Politik auf Unterhaltung trifft, könnte diesmal auch das Motto von „Hart, aber fair“ gelautet haben. Die schwerste Krise in der 70jährigen Geschichte des Eurovision Song Contest war Anlass für eine ganz spezielle Talkshowrunde, nicht nur über die Chancen des Daueraußenseiters Deutschland zumindest auf ein nicht so blamables Abschneiden wie bei den letzten Malen zu spekulieren. Der Boykott von fünf nicht unwichtigen ESC-Teilnehmerländern bewegt wenige Tage vor dem Finale in Wien am Samstag nämlich auch in Deutschland die Gemüter.
Wegen Israels harter militärischer Reaktion im palästinensischen Gaza-Streifen auf das Massaker der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 boykottieren Spanien, Irland, Island, Slowenien und die Niederlande ausgerechnet im Jubiläumsjahr das weltweit größte TV-Musikevent mit zuletzt rund 166 Millionen Zuschauern. Dass die Europäische Rundfunkunion als ESC-Veranstalter Israel nicht vom Wettbewerb ausschloss, führte zu diesem beispiellosen Schritt.

Doch bevor die erfolgreiche deutsche ESC-Veteranin Katja Ebstein – dreimal unter den ersten Drei – mit dem als politisch konservative Stimme eingeladenen Freien-Wähler-Chef Hubert Aiwanger darüber diskutierte, galt es für den Zuschauer noch einmal zur Auffrischung des Grundlagenwissens eine ebenso unterhaltsame, wie informative 90minütige Doku zur Geschichte des ESC mit Schwerpunkt Deutschland zu absolvieren. Mit Hape Kerkeling, Peter Urban, Jean-Paul Gaultier, Ralph Siegel, Nana Mouskouri, Johnny Logan und Guildo Horn als bekennende ESC-Fans, Teilnehmer und Zeitzeugen. In der Sendung wurde auch klar, dass der ESC bei seinem Start elf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs als ein europäisches Verständigungsprojekt angelegt und deshalb nie ganz unpolitisch war. „Solange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance“, setzte Kerkeling ein starkes Statement gleich zu Beginn der Doku.
Es waren nur vermeintlich angenehm unpolitische Schlagerzeiten, als Udo Jürgens für sein Heimatland Österreich mit „Merci, Cherie`“ vor genau 60 Jahren den damals noch mit steifer Eleganz ausgerichteten Grand Prix d Èurovision genannten Sangeswettbewerb gewann. Ein betulich inszenierter Wettstreit mit harmlosen Showelementen, dessen Teilnehmerzahl bis zum Ende des Kalten Krieges noch überschaubar blieb und dessen politisches Aufregerpotential gering war.

Zwar startete die schwedische Ausnahmeband ABBA dort ihre Weltkarriere 1974 mit einem Gewinnersong, der eine blutige Wegmarke der Weltgeschichte als Titel trug. Doch „Waterloo“ war kein Antikriegslied, sondern eine fröhliche Pophymne über den Sieg der Liebe in der romantischen Schlacht eines Paares. Ein zarter Hauch von Politik wehte 1982 schließlich im ersten deutschem Siegertitel „Ein bisschen Frieden“. Mit ihrer weißen Gitarre griff die junge Saarländerin Nicole die Sehnsucht der westdeutschen Friedensbewegung nach atomarer Abrüstung in Form eines Schlagers auf. Und traf damit wenige Jahre vor dem Fall der Mauer auch die Stimmung der Nachbarländer, die vor diesem nicht nur im Namen demokratischen Teil Deutschlands jedenfalls keine Angst mehr hatten. Die immer wiederkehrenden drei Worte „Allemagne douze points“ beendeten an diesem Abend im britischen Harrogate eine 26 Jahre währende Durststrecke der deutschen Teilnehmer. Allerdings musste erst der Unterhaltungsbulldozer Stefan Raab kommen, um 28 Jahre später mit der von ihm entdeckten Lena Meyer-Landrut und ihrem international tauglichen „Satellite“ halb Deutschland in einen Begeisterungsrausch wie zur Sommermärchen-WM 2006 zu versetzen, wie die Fernsehbilder bei der Rückkehr der strahlenden Siegerin aus Oslo zeigten.
Der 1992 in Eurovision Song Contest umbenannte Wettbewerb wurde in der Folge mit Teilnehmern eben wie Israel oder Australien internationaler und englischsprachiger. Und mutierte zu einem Megafestival mit Pyrotechnik vom Feinsten und viel genderfluiden ikonischen Outfits. Dass der in völkerverbindender Absicht und teils queere Riesenparty für Vielfalt und Toleranz zelebrierte ESC in den vergangenen Jahren von rechts und links politisiert wurde, hat viel mit aktueller Weltpolitik, Krisenherden und auch Kulturkampf zu tun. Putins Überfall auf die Ukraine 2022 führte zum Ausschluss Russlands aus dem ESC. Und der Sieg der bärtigen österreichischen Dragqueen und Kunstfigur Conchita Wurst (bürgerlich Tom Neuwirth) 2014 mit ihrem/seinem Lied „Rise like a Phoenix“ löste heftige homophobe Reaktionen und Proteste besonders von russischen, aber auch rechtskonservativen Politikern und sogar einem serbisch-orthodoxen Bischof aus. Sie schmähten den Auftritt von Wurst als Ausdruck westlicher Dekadenz und familienfeindlicher Werte.
Eine Debatte, die Aiwanger als zunächst griesgrämig dreinschauender Krawallmacher und selbst definierter „Normalbürger“ geradezu lustvoll zwölf Jahre später in der ESC-Talkshow fortsetzte. Der bayerische Wirtschaftsminister, der mit dem ESC nicht viel anfangen kann, weil dort der „Klamauk im Vordergrund“ stehe, weniger das Musikalische wie früher. Gehe es dort vor allem um „queere Sichtbarkeit“ oder Musik?, fragte Aiwanger provokant in die Runde, in der ihm gleich drei andere Gäste sogleich heftig und teils lautstark widersprachen.
Die deutsch-bulgarische Journalistin Maria Popov warf ihm vor, die Darbietung queerer Künstler als Klamauk abzutun. Ronen Steinke von der „Süddeutschen Zeitung“ ätzte in Richtung Aiwanger: „Normal und nicht normal ist eine Kategorie, die nur in ihrem Kopf existiert“. Und hoch auf der Palme war die wie Aiwanger notorisch streitlustige FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die ihm eine „Form der Intoleranz“ vorwarf. Es sei zudem interessant, dass er sich die ESC-Show nicht anschaue, aber trotzdem eine Meinung dazu habe. „Die Diskussion mit Ihnen ist absurd“. Wenige Minuten später musste Moderator Louis Klamroth sogar fast körperlich zwischen den nebeneinander sitzenden Streithähnen intervenieren, die sich anschrien. Zuvor hatte sich Aiwanger in seinem Urteil über queere ESC-Künstler gewohnt populistisch auf Volkes Stimme berufen: „Reden Sie mal mit Leuten draußen, was die von Conchita Wurst halten.“ Immerhin sprang ihm Klamroth zur Seite, als er Aiwangers „legitime Frage“ in die Runde weiter gab, ob der ESC eine politische Veranstaltung oder ein Musikwettbewerb sei. Die 81 Jahre alte Katja Ebstein, die 1980 mit dem noch minimalistisch inszenierten Lied „Theater“ Platz Zwei erreichte, sah den ESC als „Ausdruck einer bunten Welt und gar als einen Ort des Friedens: „Wenn man zusammen singt, schießt man nicht aufeinander“.
Wie politisch aufgeladen der ESC in diesem Jahr ist, wurde in der zweiten Hälfte der lebhaften Debatte deutlich, als es um die Proteste gegen Israels Teilnahme ging. Maria Popov zeigte Verständnis für die israelkritische Haltung auch vieler deutscher ESC-Fans angesichts des Leids der Zivilbevölkerung in Gaza. Sie griff auch eine Recherche der „New York Times“ auf, die eine Einmischung der israelischen Regierung in das Zuschauervoting nahelegt. Ronen Steinke hingegen zeigte sich vorsichtig bei diesem Vorwurf der Manipulation bei der Kür des Siegertitels.
Er wies auch darauf hin, dass die beim ESC auftretenden Künstler der vergangenen Jahre kein „Fanclub“ von Netanjahu seien. Bestätigt sah sich Aiwanger durch Steinkes Aussage im Blick auf die Politisierung des ESC durch den Gaza-Konflikt und Israel-Boykott, wonach der ESC „keine Arena für Politik, sondern für Kunst“ sei. „Die Herrschaften, die mich vorhin ausgebuht haben, plädieren jetzt dafür, Kunst und Politik auseinanderzuhalten“, sagte Aiwanger und fügte feixend wenig später hinzu: „Ich bin der Toleranteste aller Zeiten“.
Aber was wäre diese wenig Erkenntnis stiftende, aber kurzweilige Sendung zum ESC ohne die Frage nach den Siegchancen für den von Sarah Engels mit viel Körpereinsatz performten Dancetrack „Fire“? Auch hier war es der Unterhaltungspolitiker Aiwanger, der sich als Einziger klar, aber womöglich mit realistischer Einschätzung positionierte: „Platz 17 – weil so viele wieder gegen uns voten.“
