Günther Uecker im Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck: An keinem anderen Ort wäre diese Ausstellung besser untergebracht als hier. Denn Uecker gehörte zu jenen Künstlern, die Mitte der Sechzigerjahre dafür sorgten, dass der historische, 1858 eröffnete Bahnhof Rolandseck nicht wie geplant abgerissen, sondern in ein Zentrum für Kunst und Kultur umgewandelt wurde. Die Idee dazu stammte von dem Bonner Galeristen Johannes Wasmuth, der das halbverfallene Gebäude übernahm, allerdings nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügte und deshalb seine Künstlerfreunde um Unterstützung bat, allen voran Günther Uecker.
Wer den unterirdischen Verbindungsgang vom Bahnhofsgebäude zum eleganten, 2007 eröffneten Museumsneubau von Richard Meier entlangläuft, wird von zwei Dokumenten empfangen, an denen man auf keinen Fall achtlos vorbeigehen sollte, denn sie erlauben eine kleine Zeitreise zurück in die Sechzigerjahre. Ein kurzer Film aus dem Jahr 1964 zeigt, wie Günther Uecker das Areal für Wasmuth, für sich, aber vor allem für die gemeinsame Idee eines neuen Kunstbegriffs in Besitz nahm. Vom Vorplatz des Bahnhofsgebäudes legte er eine Spur aus Nägeln: Über die Außentreppe in den Innenraum und von dort über eine Holztreppe bis unters Dach des Gebäudes, Nagel um Nagel, Hammerschlag um Hammerschlag.
Das kurze Glück des Aufbruchs
Hier oben hauste Wasmuth, und Günther Uecker, der den Bahnhof als schaurigen, geschichtsträchtigen Ort beschrieben hat, „voller Gerümpel, Dreck und von Ratten belebt“, baute dem Galeristen ein „Bett zum Aufwachen“ mit einem genagelten Himmel. Es gehört heute zur Sammlung des Arp-Museums und ist eines der rund 45 Werke aus sieben Jahrzehnten, die in der Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ zu sehen sind.
Es muss damals eine kurze, glückliche Phase eines anarchisch-künstlerischen Aufbruchs gegeben haben. Heinz Mack und Otto Piene hatte 1958 die Düsseldorfer Künstlergruppe „Zero“ gegründet, Uecker war 1961 dazu gestoßen, und gemeinsam suchte man nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln, puristisch, idealistisch, zukunftsgerichtet, nicht erdenschwer, sondern kinetisch. In einem handgeschriebenen sechzehnseitigen Brief, der an der Wand des Verbindungsgangs hängt, vermittelt Uecker einen Eindruck von der Atmosphäre jener Jahre, mit ihren sozialen, anti-elitären Ansprüchen, ihrem Engagement für Randständiges und für die Ausgegrenzten, aber auch mit ihren ausschweifenden Künstlerfesten, an denen Yves Klein, Gotthard Graubner und andere teilnahmen. Uecker beschreibt, wie eines Abends Sigmar Polke und Gerhard Richter Wasmuths Badewanne bestiegen, um durch Zeit und Raum zu reisen. Sie „ruderten obsessiv mit großen Holzlöffeln. Die Wanne bewegte sich und löste sich vom Abflussrohr, so ruderten sie jetzt übers Meer“. Später stürzt noch ein schwarzes Klavier von der Terrasse, und eine alte Kutsche aus der Remise wird in Brand gesteckt, um lodernd den Abhang hinunter rheinwärts zu donnern.

Gattungsgrenzen galten wenig. Lesungen, Konzerte und Performances fanden statt, Duke Ellington gab ein Konzert, Martha Argerich schaute von Zeit zur Zeit vorbei, und als der Künstlerbahnhof 1969 finanziell in Bedrängnis geriet, fand eine Art Benefiz-Fest statt, zu dem 3000 Menschen kamen. Der Pantomime Marcel Marceau verfasste damals ein Manifest, in dem er den Bahnhof als utopischen Ort beschrieb, an dem sich alle Künste vereinigten – ein „Univers à Rolandseck“. Wenig später verkündet Helmut Kohl, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, dass der Bahnhof gerettet sei. In den frühen Siebzigerjahren folgte die Überführung in eine Stiftung.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Ueckers Perspektive bereits erweitert: sein Blick ging über Deutschland hinaus, zunächst nach Osteuropa. In den Sechzigerjahren hatte die Epoche einer aktionistischen Kunst begonnen, direkt, plakativ, von missionarischer Einflusswut. Damals übernagelte Uecker Gebrauchsgegenstände wie ein Fernsehgerät (1963) oder ein Klavier (1964), errichtete eine genagelte „Straßenbarriere“ auf dem Fürstenwall in Düsseldorf, versammelte im „Terrororchester“ eine Reihe von lärmerzeugenden Gerätschaften und schuf sich mit der „Uecker-Zeitung“ ein publizistisches Forum. Uecker, der in der Aula der Heidelberger Universität ein Flugblatt mit der Botschaft „Der Künstler ist ein Erfinder“ verteilte, war immer auch ein Mann des Wortes.

Die Botschaft seiner Nägel, die tanzen, fliegen, wogen und wehen konnten, um von der Verletzlichkeit der Welt zu künden, wurde überall verstanden. 1971 stellte er in Warschau aus, 1974 in Lodz, und 1988 war er der erste zeitgenössische Künstler, dem eine Einzelausstellung in Moskau gewidmet wurde. Da hatte er bereits zahlreiche Reise in außereuropäische Länder hinter sich, auf denen er neue Themen entdeckte: koloniale Unterdrückung, Armut, Ausbeutung der Natur, Auslöschung indigener Kulturen.
Im Bahnhof Rolandseck zeigt sich beides, die Unverwechselbarkeit seiner Handschrift, aber auch die erstaunliche Vielfalt von Ueckers Werk, das oft martialisch wirkt und doch auch zart sein kann, leise, poetisch und spielerisch. Fünf Filme sind in der Ausstellung zu sehen, einer davon zeigt den Künstler auf einem „Nagelfeldzug“ (1969), in zwei anderen Filmen betätigt er sich als Bogenschütze. In „Beschießung des Meeres“ von 1970 steht Uecker am Meer und schießt mit ernster Miene Pfeile ins Wasser, die er zuvor angezündet hat.
Neben den Nagelbildern und benagelten Objekten wie „Rasenmöbel, Stuhl“ von 1964, mit denen er berühmt wurde, sind in Remagen auch Arbeiten auf Stoff zu sehen, etwa „Gelb“ (1994) oder der monumentale „Brief an Peking (Menschenrechte)“ von 1994. Erstmals gezeigt wird „Tanzende Nadel für Pina Bausch“, ein Nähmaschinen-Objekt aus dem Jahr 2019. Berührend sind Arbeiten der nach 1990 entstandenen Serie „Verletzungen – Verbindungen“, die mit Verbandsmull, zersplittertem Holz und großen Nägeln um Wunden kreisen, die nicht gezeigt, sondern ausgespart werden – unsichtbar, aber schmerzlich zu spüren.
Ueckers „Sandmühle“ (1969/2014), ein kinetisches Objekt, bei dem Schnüre über eine kreisrunde Insel aus Sand gezogen werden, füllt im Arp-Museum einen eigenen Raum. Es ist ein stilles, zur Kontemplation einladendes Werk, das auf gutmütig-diabolische Weise immer wieder gestört wird, wenn ein Ausstellungsbesucher im Nebenraum das „Dynamische Paar“, ein anderes, weitaus lautstärker agierendes kinetisches Objekt, in Gang setzt. Daneben dreht sich in völliger Lautlosigkeit die „New York Tänzerin“, eine „Tuchplastik“, bei der ein auf einen drehbaren Teller genageltes weißes Stofftuch durch die Rotation aufsteigt wie Marilyn Monroes Kleid über dem U-Bahnschacht.
Was der Kunsthistoriker Max Imdahl über die „Sandmühle“ geschrieben hat, gilt im Grunde für jede Begegnung mit Uecker und seinem Werk: die eigenen, „schon selbst mechanisierten Erwartungen an ein Kunstwerk sind zu verabschieden zugunsten einer offenen, unvoreingenommenen Erlebnisbereitschaft. Nur dieser erschließt sich das Werk, und nur in ihr versöhnen sich Technizität und Emotionalität“. Tatsächlich trägt Ueckers Werk, wie es sich in dieser Ausstellung präsentiert, etwas Versöhnliches in sich, nämlich die durch keinen Schlag zu erschütternde Hoffnung, dass aus der Zweckgemeinschaft von Hammer und Nagel tiefe Freundschaft erwachsen könnte.
Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt. Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen. Bis 14. Juni. Der Katalog kostet 39,80 Euro.
