Die internationale Aufmerksamkeit ist ihnen sicher. Immerhin blicken in dieser Woche Millionen Menschen auf Wien und den Eurovision Song Contest (ESC). Auch das scheint antiisraelische Gruppierungen seit Monaten in ganz Österreich anzutreiben. Schon am 1. Mai, dem sogenannten Maiaufmarsch der Sozialdemokratie, war auf der zentralen Kundgebung ein Banner mit der Aufschrift zu sehen: „Keine Bühne für den Völkermord. Israel raus aus dem ESC“. Der Marsch endete am Rathausplatz, dort, wo jetzt das Eurovision Village zu finden ist, in dem es vor allem um Toleranz und Vielfalt geht.
Hauptaustragungsort des ESC ist aber nicht das Wiener Rathaus, sondern die etwa zweieinhalb Kilometer entfernt liegende Stadthalle. Anders als 2015, als der ESC zuletzt in Österreichs größtem Veranstaltungszentrum stattfand, ist von ihr dieses Mal kaum etwas zu sehen, da sie weiträumig abgesperrt wurde. Und das schon am 29. April um 17 Uhr, als „die nächste Phase des Sicherheitskonzepts für den Song Contest“ gestartet wurde, wie der Österreichische Rundfunk (ORF) als zuständiger Veranstalter des diesjährigen ESC an jenem Tag bekanntgab.
„Heute, 17 Uhr, müssen alle, die hier arbeiten, das Gelände verlassen“, kündigte ORF-Eventmanager Oliver Lingens das Vorgehen damals an. Auf das Gelände dürfe nur noch, wer akkreditiert sei „und wer beim Eintritt flughafenmäßig sicherheitsüberprüft ist“. Abriegelungsphase werde das genannt. Schon in der ersten Phase des Sicherheitskonzepts eine Woche zuvor war die Stadthalle von Sprengstoffhunden durchsucht worden, das Prozedere wurde nun noch einmal wiederholt. Es dauerte bis weit nach Mitternacht, wie es hieß.
Die Abriegelungsphase begann schon am 29. April
Die Abriegelung galt auch für alle, die sonst auf dem Areal der Stadthalle arbeiten. Wer zur Arbeit kam, musste erst durch eine „Flughafenkontrolle“, die tatsächlich in Zusammenarbeit mit der Sicherheit vom Wiener Flughafen stattfand – und das bis zum Ende der dritten Sicherheitsphase, der Veranstaltungswoche selbst.
Rund 20 bis 30 Schleusen sind nun in dieser Woche im Einsatz, was zu Stoßzeiten, etwa vor Beginn der Halbfinals am Dienstag- und Donnerstagabend und des Finales am Samstag, dennoch zu wenig ist. Lingens vom ORF appellierte deshalb an die Besucher, früh zu erscheinen. Die Kontrollen würden einige Zeit in Anspruch nehmen. „Und die Metallschleusen sind sehr fein eingestellt“, sagte Lingens.
Das Sicherheitskonzept entspricht dabei in etwa dem des Song Contest von 2015, wie es heißt. Es sei nur verfeinert worden. Die Besucherdurchleuchtung gab es damals so noch nicht, und Taschen waren auch noch erlaubt. Jetzt dürfen nur „transparente Täschchen maximal im A6-Format“ mitgeführt werden. Getränke sind genauso wenig erlaubt wie beispielsweise Feuerzeuge.
Dass das alles seinen Sinn hat, zeigte sich am Samstag in der Innenstadt, als anlässlich des Europatags Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) ausgebuht und beschimpft wurden. „Free, free Palestine“ war zu hören. Angetreten waren, wie „Der Standard“ danach berichtete, unter anderen die Aktivistin Viktoria Eibensteiner, Content Creatorin und ehemalige TikTok-Managerin von moment.at, dem Onlinemedium des gewerkschaftsnahen Momentum-Instituts. An ihrer Seite: der Influencer und Youtuber Rafael Eisler, der mit Eibensteiner seit Längerem bei antiisraelischen Protesten präsent ist – vor allem im Netz.
BASF-Erbin wird als Rednerin auf einer Kundgebung erwartet
Auch die als „Millionenerbin“ bezeichnete Aktivistin Marlene Engelhorn wird immer wieder genannt. Auch sie, die Nachfahrin von Friedrich Engelhorn, dem Gründer der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF), macht öffentlich Stimmung gegen den ESC und die Teilnahme Israels. Die gebürtige Wienerin ist zudem als Rednerin bei einer Kundgebung gegen den Song Contest in dieser Woche angekündigt.
Antiisraelische Botschaften sind in der Stadt immer wieder zu finden: auf Hauswänden, Briefkästen und quer über ESC-Plakate geschrieben. „Boycott Zionism“ steht da zum Beispiel. Angeblich wurden bei Kundgebungen auch schon israelische Fahnen verbrannt. „Wir lassen uns hier nicht wegterrorisieren“, hatte Bürgermeister Ludwig am Samstag gesagt. „Wir sind in Europa der Toleranz verpflichtet“, rief er von der Bühne am Stephansplatz. Er glaube, „die Pfeifenden tun ihrer Sache nichts Gutes“. Wenn Menschen niedergepfiffen würden, sei das nicht unser Wien. Die Stadt werde aus dem Song Contest ein Fest des Miteinanders machen, und dafür würden alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen, damit alle Künstlerinnen und Künstler auftreten könnten, so Ludwig.

Damit war natürlich vor allem ein Teilnehmer gemeint: Noam Bettan aus Israel. Der trat am Sonntag erstmals öffentlich auf, beim Eröffnungsempfang am Wiener Rathaus. Nach allem, was man hörte, wurde er freundlich aufgenommen und nicht ausgebuht. Allerdings war der Weg der Parade vom Burgtheater zum Rathaus abgesperrt, nur geladene und angemeldete Gäste hatten Zutritt. Das war im vergangenen Jahr in Basel noch ganz anders, als alle Teilnehmer in Straßenbahnwaggons durch die Stadt fuhren.
Das österreichische Duo Abor & Tynna (Attila und Tünde Bornemisza), das für Deutschland 2025 an den Start gegangen war, fuhr zusammen mit der Israelin Yuval Raphael in einem Waggon. Tynna berichtete später davon, dass ihr Gefährt immer wieder beworfen worden sei, dass Aktivisten sogar versucht hätten, den Wagen zum Anhalten zu zwingen, indem sie sich davorstellten oder -setzten. Das blieb Noam Bettan in diesem Jahr zunächst erspart, mit Buhrufen vom Publikum in der Halle rechnet er dennoch. Er hat sich darauf sogar eigens vorbereitet, damit er nicht aus dem Konzept gerät.
Die Ereignisse rund um die Taylor-Swift-Konzerte wirken nach
An der Terrorwarnstufe hat sich in Österreich seit dem Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023 nichts geändert: Es gilt in Österreich weiter die zweithöchste Terrorwarnstufe (vier von fünf). Das heißt: Es gibt eine abstrakte, aber keine konkrete Terrorgefahr.
Allerdings wirken noch die Ereignisse rund um die Taylor-Swift-Konzerte nach. Diese mussten im August 2024 wegen Terrorgefahr kurzfristig abgesagt werden: Der Dschihadist Beran A. soll einen Anschlag auf eines der drei Konzerte des amerikanischen Superstars in Wien geplant haben. Er konnte nach einem Tipp eines ausländischen Geheimdienstes im Vorfeld zwar verhaftet werden, die Lage war den Sicherheitsbehörden aber zu heikel, die Auftritte wurden abgesagt. Beran A. steht seit April vor Gericht.
Die Veranstaltungen, Swift hier, ESC da, seien aber auch nur bedingt vergleichbar, sagte ein Sprecher des Innenministeriums dem „Standard“: Die Wiener Stadthalle, die 10.000 Besucher zu den ESC-Shows fasst, sei ein kompaktes, überschaubares, innen letztlich abgeschlossenes Gelände, auf dem sich eine Hochsicherheitszone – ähnlich wie auf einem internationalen Flughafen – relativ einfach einrichten lasse. Das ermögliche intensive, personenbezogene Kontrollen.
Für den Finaltag ist schon eine Großdemonstration angekündigt
Das sei im Ernst-Happel-Stadion, wo Taylor Swift vor jeweils 60.000 Zuschauern auftreten sollte, kaum möglich, da das Areal weitläufig sei, und auch wegen des angrenzenden grünen Praters nur schwer vollständig abgesperrt und kontrolliert werden könne.
Für diese Woche rechnen die Veranstalter, also ORF und die Stadt Wien, mit kleineren Protestaktionen. Für das Finale am 16. Mai ist allerdings schon eine Großdemonstration angekündigt worden; zunächst wurden 3000 Teilnehmer gemeldet. Im Zentrum steht weiterhin die Forderung, Israel vom Wettbewerb auszuschließen. In Mobilisierungsaufrufen wird der ESC zudem als „Bühne zur Legitimation eines Völkermords“ bezeichnet.
Der Treffpunkt für die Demonstration ist um 14 Uhr am Christian-Broda-Platz unweit des Wiener Westbahnhofs geplant, von dort soll es über den Gürtel zur Hütteldorfer Straße und dann zur Schlusskundgebung im Vogelweidpark bei der Stadthalle gehen. Niemand kann derzeit sagen, wie viele demonstrieren werden und wie weit ihr Zug gelangen wird. Klar ist nur eines: Das Finale des ESC beginnt wie stets um 21 Uhr – mitteleuropäischer Sommerzeit.
