
Wenn die Sogang Universität in den Achtzigerjahren bessere Philosophiekurse angeboten hätte, wäre das Kino um einiges ärmer. Als Park Chan-wook sich dort für das Studium einschrieb, träumte er noch davon, Kunstkritiker zu werden. Da er die erhofften Diskussionen zu ästhetischen Fragen nicht im Seminarsaal fand, ging er ins Kino und schaute Hitchcocks „Vertigo“.
Während James Stewart in den Nebeln San Franciscos einer Frau hinterherjagt, die seiner verstorbenen Geliebten zum Verwechseln ähnlich sieht, dämmerte dem Studenten, dass er bislang in der falschen Richtung unterwegs war. Dort im Kinosessel, so erzählte er später, sei ihm klar geworden: Wenn er es nicht wenigstens versucht, Regisseur zu werden, wird er das am Ende seines Lebens bitter bereuen.
2000 feierte Park in seiner Heimat Südkorea den Durchbruch mit „Joint Security Area“, einem Thriller über einen Zwischenfall im Grenzgebiet zum nordkoreanischen Nachbarn. Bereits darin verband er Krimi- mit Komödienelementen und forderte sein Publikum durch nichtchronologisches Erzählen heraus.
Schönheit und Genrefilm schließen sich nicht aus
Fünfundzwanzig Jahre später zeigte er mit „No Other Choice“, wie er diese Technik weiterentwickelt hat: In dem im vergangenen Jahr beim Filmfest von Venedig gezeigten Drama mischt er dunkelsten Humor mit der harten Realität der Arbeitsverhältnisse in Südkorea – ein amerikanisches Unternehmen übernimmt eine Papierfabrik und reduziert als Erstes die Belegschaft. Ein hoch spezialisierter Manager sieht keinen anderen Ausweg auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt, als seine Konkurrenten einen nach dem anderen auszuschalten und so seine Bewerbungschancen zu optimieren. Irgendwann sieht man ihn in einer der neuen Papierfabriken. Sie funktioniert ohne Licht, KI steuert die Maschinen auf automatischen Wegen auch im Dunkeln. Park inszeniert diese Szene gruseliger als die Morde zuvor.
Dass er sich technischen Neuerungen, wenn sie für ihn als Künstler und Mensch Sinn ergeben, keineswegs verschließt, hat er 2011 mit dem Geisterfilm „Night Fishing“ bewiesen, dem ersten Kurzspielfilm, der komplett mit einem iPhone 4 gedreht wurde. Hier zeigte sich, wie ernst Park die Sache mit der Ästhetik noch immer war: „Night Fishing“ überrascht zwar mit einigen ungewöhnlichen Kameraperspektiven, die nur durch das kleine Gerät erklärbar sind, verheddert sich aber nicht in technischen Spielereien. Park geht es immer um Kunst, deren Kern das Erzählen von Wahrheiten ist.
Dafür liebt ihn das Arthouse-Kino seit Jahrzehnten. Mit dem blutigen Rachedrama „Oldboy“ und der Vampirgeschichte „Durst“ erhielt er Preise beim Filmfest in Cannes. An diesem Dienstag kehrt er an die Croisette zurück. Diesmal als Jurypräsident, der weiß, dass Schönheit und Genrefilm sich nicht ausschließen.
