Thunfisch-Fangschiffe aus der EU fischen vermehrt unter Flaggen anderer Länder im Indischen Ozean, um Fangquoten zu umgehen. Das geht aus einem neuen Bericht hervor, der von der Blue Marine Foundation und dem Beratungsunternehmen Kroll
veröffentlicht wurde. Demnach geht etwa
ein Drittel der dortigen Fänge von Thunfischarten, deren Bestände sich
nach einer Zeit der starken Überfischung gerade erst langsam wieder
erholen, auf europäische Unternehmen zurück.
Die Fischereiflotte der EU-Länder zählt beim Fang
von Thunfisch zu den wichtigsten der Welt – mit sogenannten
Ringwadenfängern, von denen einige fast 2.000 Tonnen Fisch auf einmal
aufnehmen können. Dutzende solcher Schiffe mit riesigen Netzen
(Ringwaden) sind auch fern von Europa im Indischen Ozean im Einsatz. Sie
sind dort auf der Jagd nach Gelbflossenthun, Großaugenthun und Echtem
Bonito, die am Ende überwiegend in Dosen verpackt in Supermarktregalen
landen.
Fang von tropischem Thunfisch nimmt zu
Ermöglicht wird dies laut Jess Rattle sagt von der Organisation Blue Marine Foundation unter anderem dadurch, dass immer mehr
Schiffe in Staaten vor Ort registriert werden, um Zugang zu höheren
Fangquoten zu erhalten. Auf diese Art sei die von Europa kontrollierte
Flotte auf mehr als 50 Ringwadenfänger und Versorgungsschiffe gewachsen
und der Fang von tropischem Thunfisch habe zugenommen, obwohl die
Europäische Union sich eigentlich zu einer Reduzierung verpflichtet
habe.
Die Veröffentlichung des Berichts erfolgte
wenige Tage vor Beginn des Jahrestreffens der Indian Ocean Tuna
Commission auf den Malediven, bei dem Vertreter der EU und von 28
Staaten mit Bezug zur Thunfisch-Fischerei erwartet werden. Das Umflaggen
von Schiffen ist nicht verboten und in der Branche schon länger üblich.
Durch mehrschichtige Briefkastenfirmen- und Register-Konstrukte lässt
sich aber eben auch verschleiern, wer wirklich hinter bestimmten
Aktivitäten auf den Meeren steht. »Die Möglichkeiten Europas, zu einem
Ende der Überfischung beizutragen, sind größer als es zunächst
erscheinen mag«, sagt der Kroll-Manager Benedict Hamilton.
Europäische Fanglotten dominieren im Indischen Ozean
EU-Kommissionssprecher Maciej Berestecki
betont, dass es sich bei »Umflaggungen« von Schiffen um private
geschäftliche Entscheidungen handle, die nicht von öffentlichen Behörden
beeinflusst würden – und dass die EU für Schiffe unter fremden Flaggen
nicht zuständig sei. »Die EU hat ihr Äußerstes getan, und tut dies
weiterhin, um Fangquoten zu fördern und einzuhalten«, sagt Berestecki.
Trotz der großen Entfernung sind die
europäischen Fangflotten im Indischen Ozean dominierend. Spanische und
französische Thunfisch-Unternehmen begannen dort in den 1980er Jahren
mit dem Einsatz von Ringwadenfängern. Diese arbeiten mit riesigen
Netzen, die ringförmig um Schwärme von Fischen ausgebracht und dann
zusammengezogen werden – ähnlich wie bei einer Tasche oder einem Sack
mit Zugband.
Europäische Fischerei-Unternehmen nutzen Flaggen anderer Staaten
Immer wieder gab es angesichts der Aktivitäten
auch Streit zwischen der EU und Staaten vor Ort. Vor fünf Jahren, als
die Gelbflossenthun-Bestände stark zurückgingen, warfen die Malediven
den Europäern vor, keine ernsthaften Vorschläge zur Senkung der
Fangquoten vorzulegen. Im Jahr 2023 lehnte die EU einen Vorstoß
Indonesiens für ein Ringwadennetzverbot ab.
Um eine Erholung der Bestände zu ermöglichen,
führte die Indian Ocean Tuna Commission zuletzt neue Regelungen ein, die
allmählich Wirkung zeigen. Brüssel erklärte sich bereit, den Fang von
Gelbflossenthun durch Schiffe mit EU-Flagge um 21 Prozent zu reduzieren. Genau das hat aber offenbar viele europäische
Unternehmen dazu gebracht, nach den Quoten anderer Staaten zu schielen,
um die eigenen Fangmengen stabil halten zu können.
Ähnlich wie aktuell die Tanker der sogenannten
Schattenflotte nutzen auch viele Fischereischiffe die Flaggen von
Staaten, die für einen sehr lockeren Umgang mit internationalen Regeln
bekannt sind – oder deren Regierungen einfach nicht die Ressourcen
haben, um eine Einhaltung von Regeln auf hoher See durchzusetzen. In
einem Bericht im Januar zeigte die Umweltorganisation Oceana, dass auch
europäische Fischerei-Unternehmen regelmäßig auf solche Billigflaggen
setzen.
