Er lässt sich ausbuhen. Und das schon seit Wochen, zur Abhärtung, wie er sagt. Noam Bettan rechnet fest damit, dass er auf der großen Bühne in der Wiener Stadthalle nächste Woche ausgebuht wird. So erging es schon seinen beiden Vorgängerinnen beim Eurovision Song Contest (ESC). Seit dem ersten Mai ist die israelische Delegation in Wien, am Sonntag fand die erste Probe mit dem 28 Jahre alte Israeli statt. Und die Stadthalle wurde auch wegen ihm zur Hochsicherheitszone. Wo die Delegation in Wien untergebracht ist, bleibt ein Geheimnis. Weitere öffentliche Auftritte während der nächsten Tage, etwa im Eurovision Village oder im Euro-Club, sind von ihm nicht geplant.
Die Stadt Wien, der gastgebende Sender ORF und die Europäische Rundfunkunion (EBU) haben sich ebenfalls auf mögliche Proteste vorbereitet. Auch der Jubiläums-ESC, der an vielen Orten in der österreichischen Hauptstadt groß gefeiert werden soll, steht unter keinem guten Stern. Das seit dem ESC in Liverpool 2023 festgeschriebene Motto „United by Music“ (Vereint durch Musik) wird in diesem Jahr besonders konterkariert. Gleich fünf Rundfunkstationen boykottieren die größte Musikshow der Welt – wegen der Teilnahme Israels. Nicht mit dabei sind Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien.
Boykotte könnten zu höheren EBU-Gebühren führen
Das scheint auch finanzielle Konsequenzen zu haben, wie einer der langjährigen Produzenten des ESC, der Schwede Christer Björkman, in einem Interview andeutete: Demnach könnten die Boykotte und ausbleibende Einnahmen aus großen Fernsehmärkten wie dem spanischen mit dem Sender RTVE für die verbliebenen ESC-Mitglieder im nächsten Jahr zu höheren Gebühren führen.
Auslöser des Boykotts war der Gazakrieg nach dem Massaker und Überfall der Hamas-Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023. Zuletzt hatten mehr als 1100 Künstler ein Manifest mit dem Titel „No Music For Genocide“ unterzeichnet, unter ihnen ESC-Gewinner wie Emmelie de Forest aus Dänemark und Charlie McGettigan aus Irland, Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters, Genesis-Frontmann Peter Gabriel, die britische Band Massive Attack und der amerikanische Rapper Macklemore.

Erst vor wenigen Tagen äußerte sich der Direktor des ESC, Martin Green, in einem Interview mit dem niederländischen Sender NOS. Darin ging es unter anderem um den Ausschluss Russlands vom ESC nach der Invasion der Ukraine 2022 und den Nichtausschluss Israels ein gutes Jahr später wegen des Gazakriegs. Darauf ging Green nur kurz ein: Die russischen Sender seien momentan nicht Teil der EBU, sie seien suspendiert, der israelische Sender KAN jedoch nicht, was ihm ermögliche, am ESC teilzunehmen.
Eine Bestrafung der Ukraine lehnt der ESC-Direktor ab
Green wurde auch nach dem Vorschlag von Rundfunkanstalten wie dem spanischen RTVE und dem niederländischen Sender AVROTROS gefragt, der einen Ausschluss derjenigen Länder vorsieht, die sich in einem Krieg befinden. Eine solche Regel würde Israel, aber auch die Ukraine betreffen. Dazu sagte Green, dass jeder Vorschlag, der zur Ausgrenzung oder Bestrafung der Ukraine führe, für die EBU nicht in Frage käme. Zweierlei Maß im Fall von Russland und Israel sieht Green nicht, es zeige einfach nur, dass auch die EBU und ihre Mitglieder sich mit komplizierten geopolitischen Themen auseinandersetzen müssten.
Green hofft darauf, dass die fünf Mitglieder zurückkommen. „Wir respektieren ihre Entscheidung, aber wir vermissen sie auch.“ Man sei in Gesprächen, um Wege für eine Rückkehr in die ESC-Familie im nächsten Jahr zu finden.
Für diesen Song Contest wurde ein umfassendes Sicherheitskonzept erarbeitet, an dem unter anderen die Wiener Polizei und das österreichische Innenministerium beteiligt waren. In der Stadthalle gelte ein Sicherheitsstandard auf Flughafenniveau, heißt es. Täglich seien 500 Sicherheitskräfte am Austragungsort im Einsatz – uniformiert und in Zivil. Taschen und Rucksäcke sind nicht erlaubt, Fahnen und Flaggen nur, wenn sie den österreichischen Sicherheitsstandards bezüglich Brandschutz entsprechen.
Diese konnten vorbestellt werden, um sie dann in der Stadthalle etwa beim Finale abzuholen. Der offizielle Eurovision-Shop hatte dabei erstmals nicht nur die Teilnehmerländer, sondern auch Flaggen aus 197 Ländern im Angebot, dazu die der EU und eine in Regenbogenfarben. Zudem konnte man, anders als zuvor, auch erstmals die palästinensische Flagge kaufen.
