
„Point of No Return“ – es sind drastische Worte, mit denen eine neue wissenschaftliche Studie Politiker und Einwohner von New Orleans warnt: Die Stadt werde infolge der Klimakrise in weniger als hundert Jahren vom Meer umschlossen sein, so die Autoren, die unter anderem an der Tulane-Universität forschen. Selbst wenn die internationalen Klimaschutzziele erreicht würden, sei New Orleans, das zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel liegt und ohnehin von fortschreitender Erosion bedroht ist, nicht mehr zu retten, so die Wissenschaftler bei der Vorstellung ihrer Arbeit.
Für sich genommen sind es keine neuen Zahlen, die die Forscher präsentieren, aber sie setzen die bekannten Daten in Beziehung zueinander. Es sei an der Zeit, den „geordneten Rückzug“ aller Bewohner zu planen: 360.000 Menschen müssten mittelfristig umziehen. Rechnet man die Metropolregion hinzu, geht es um mehr als eine Million Einwohner. Der Punkt ohne Umkehrmöglichkeit steht für das Ende einer Illusion: dass sich mit ausreichend Ressourcen, mit Ingenieurskunst und politischem Willen jede Herausforderung meistern lasse.
Wer kann, wird wegziehen
Nach dem Hurrikan Katrina wurden Milliarden Dollar in Flutschutz investiert. Viele ärmere Menschen, die geflohen waren, kehrten allerdings nicht zurück, es war von einer Vertreibung der Ärmsten die Rede. In den kommenden Jahrzehnten dürfte sich diese Entwicklung umkehren. Wer kann, wird sein Haus verkaufen oder aufgeben, woanders neu anfangen. Zurück bleiben irgendwann nur noch diejenigen, die sich das nicht leisten können. Den „geordneten Rückzug“, den die Wissenschaftler fordern, müsste vor allem die Politik organisieren und dafür auch finanzielle Unterstützung bereitstellen.
Doch indem er zuletzt ein Sedimentumleitungsprojekt strich, das die Entwicklung zumindest hätte verlangsamen können, zeigte Gouverneur Jeff Landry, dass seine Prioritäten nicht bei den Bewohnern der Stadt liegen. „Point of No Return“, diese Sprache ist für viele Verantwortliche in Landrys Republikanischer Partei sowieso Panikmache. Präsident Donald Trump fährt sämtliche Klimaschutzmaßnahmen zurück, und auch der Katastrophenschutz ist trotz vorläufiger Rettung durch den Kongress immer noch vom finanziellen Kahlschlag bedroht. Den „managed retreat“, den die Wissenschaftler fordern, wird für die Menschen in den kommenden Jahrzehnten ohne politischen Wandel niemand organisieren.
New Orleans wird letztlich weltweit unter den Küstenregionen kein Sonderfall sein, sondern wohl nur ein besonders schlecht gemanagter Fall. Vor diesem Hintergrund dient die vermeintliche Drastik der Sprache der Wissenschaftler dazu, die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln zu verkleinern, die fortgesetzte Hoffnung zu erschüttern, der Klimawandel werde schon nicht so schlimm. Je länger diese Hoffnung auch politisch genährt wird, desto chaotischer werden die Anpassung und der Rückzug der Menschen in den betroffenen Regionen verlaufen, und desto mehr Leid werden sie verursachen.
