Es ist ein Spiel von Licht und Dunkelheit, Stillstand und Bewegung, Anziehung und Abwehr. Ein atemberaubendes Spiel der Kontraste und Gegensätze, deren größter – der Gegensatz von Mensch und Maschine – immer wieder neu gefasst wird, bis sich am Ende die Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt haben. Dann vollführen Tai Yi-Fen und Chen Zao-Li einen Pas de deux auf zwei Stühlen, während die Maschine hinter ihnen ihre Bewegungen mit einem Leuchtstab dirigiert, als wären sie Marionetten, die ein gesichtsloser Wille an Fäden aus Licht und Farbe tanzen lässt.
„Erschrecken und Erstaunen“ lautet das aktuelle Motto der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Am Eröffnungsabend am vergangenen Wochenende lag beides dicht beisammen. Wer nur auf das Ende der Tanzperformance „Huang Yi und Kuka“ schaute, wird sie als poetische Dystopie begreifen, in deren Kern ein abgründiger Trost glimmt: Immerhin hat die Maschine einen Sinn für Poesie, Tragik, Nähe und Zärtlichkeit entwickelt. Sie hat erkannt, dass der Mensch ganz anders ist als sie selbst. Diese Erkenntnis wird ihr dabei helfen, ihn zu beherrschen.

Etwa eine Stunde dauert die Tanzperformance, die den taiwanesischen Tänzer, Choreographen und Programmierer Huang Yi und einen fest auf einer Plattform installierten Industrieroboter aufeinandertreffen lässt. Das Augsburger Maschinenbauunternehmen Kuka, 1898 gegründet und seit 2016 in chinesischem Mehrheitsbesitz, gilt als führender Anbieter von intelligenter Robotik. Huang Yi hat viele Tausend Arbeitsstunden darauf verwendet, seinen Roboter so zu programmieren, dass der Eindruck einer Begegnung zwischen Mensch und Maschine entsteht. Beide tasten einander ab, sind neugierig, aber auch vorsichtig, wagen sich vor, ziehen sich zurück.
Die Präzision der Maschine, ihre Kraft und Dynamik, aber auch ihr scheinbares Innehalten, die Zartheit ihrer Bewegungen, das Tastende ihrer Gesten – all das ist erstaunlich. Für den Schrecken sorgt indes etwas anderes: Es ist die jähe Einsicht, dass auch wir, die Zuschauer, offenbar programmiert sind. Wir suchen und finden das Menschliche in den Bewegungen eines Gegenübers, auch wenn dieses Gegenüber außer seinen Bewegungen nichts Menschliches an sich hat. Was sich aus eigener Kraft zu bewegen scheint, halten wir für lebendig, und in allem Lebendigen forschen wir nach einer Seele. Wir deuten die Bewegungen eines stählernen, hydraulisch angetriebenen Roboterarms als Körpersprache, weil seine Bewegungen uns an unsere Bewegungen erinnern. Wir können wohl nicht anders.
Eine Lücke, die der Krieg gerissen hat
Bei den Ruhrfestspielen ist immer viel von Solidarität die Rede. Das bleibt nicht aus, wenn neben der Stadt Recklinghausen der Deutsche Gewerkschaftsbund als gleichberechtigter Gesellschafter der Festspiele agiert. Wie in jedem Jahr wurde zur Eröffnung an den Winter 1946/47 erinnert, als Theaterleute aus Hamburg ins Ruhrgebiet fuhren, um Kohlen für ihre vom Frost bedrohten Gebäude zu organisieren. Wenig später kehrten sie zurück, um sich mit Theatervorstellungen zu bedanken. Das ist nunmehr achtzig Jahre her, und zum Jubiläum begrüßte Intendant Olaf Kröck nicht nur Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher, sondern auch einen Zeitzeugen im Publikum, mittlerweile 96 Jahre alt und seit 80 Jahren Gewerkschaftsmitglied.
Aber wie steht es um die Zukunft der Solidarität? Die Herren der KI wollen von ihr nichts wissen. Zwischen Mensch und Maschine wird es sie nicht geben. Angesichts gewaltiger Migrationsbewegungen wirkt sie wie ein immer selten werdender Rohstoff. Ursula Krechel zitierte in ihrer Rede, die wir am Montag dokumentiert haben, einen listigen Satz aus Kafkas Romanfragment „Amerika“: „Jeder ist willkommen.“ Aber nicht jeder kann reisen, wie Olaf Kröck deutlich machte. Für die Mitglieder der Shieveh Theater Company aus Teheran, die Naghmeh Saminis Stück „Das Kind“ in Recklinghausen zeigen wollten, war es unmöglich, Visa zu bekommen. Auch Flüge aus Iran nach Deutschland gibt es zur Zeit nicht.
In einer Nachricht, die sie dem Festival übermitteln konnten, sprechen sie von ihrer Enttäuschung und Trauer, von den bedrückenden Umständen ihres Alltags, aber auch von ihrer Hoffnung und dem Glauben daran, dass die Kunst stärker ist als der Krieg. Die Ruhrfestspiele haben diesen Brief auf ihrer Homepage publiziert. Sie halten die Einladung an die Shieveh Theater Company für das nächste Jahr aufrecht und haben beschlossen, dass an den drei Abenden, an denen „Das Kind“ gezeigt werden sollte, nichts anderes zu sehen sein wird. Die Lücke, die der Krieg gerissen hat, soll sichtbar bleiben.
