
Als die amerikanische Sängerin Tori Amos 2025 ankündigte, ihr neues Album werde „In Times Of Dragons“ heißen, durften Kenner ihres umfangreichen Werks bereits ahnen, dass es in den Songs weder um chinesische Horoskope noch um irgendwelche Rittersagen gehen wird. Auf nun 18 Alben hat die mittlerweile 62 Jahre alte Songwriterin in ihren Liedern noch stets scharf die Gegenwart seziert. Ihre Kritik an den Zuständen der Welt verpackt Amos als einstiges Klavier-Wunderkind allerdings in sanfte bis opulente Pianoballaden, ganz so, als solle Schönheit die Biester bannen.
Wer diese Biester, der „lizard demon and his sadistic companions“, sind, lässt sich leicht denken, sie hocken derzeit etwa in Washington, wo sie wie der Feuerdrache Smaug ihren Wahn nach Gold ausleben und dafür auch immer mal wieder Flächenbrände entfachen.
Mit engelsgleichem Satz- und Harmoniegesang
Vielleicht hilft dagegen das von Amos in einem ihrer neuen Lieder besungene „Stronger Together“. Dieses Miteinander wurde nun bei ihrem Konzert in der voll besetzten Jahrhunderthalle in Frankfurt geradezu sinnbildhaft und noch dazu betörend von den Musikern auf der Bühne umgesetzt. Zu ihren bewährten Mitstreitern Jon Evans am Bass und Ash Soan am Schlagzeug hat Amos auf ihrer aktuellen Tour nämlich noch mit Liv Gibson, Deni Hlavlinka und Hadley Kennary drei Backgroundsängerinnen dabei, die direkt aus einem Himmel, in dem das verstorbene Beach-Boys-Genie Brian Wilson Chorleiter ist, auf die Bühne geschickt worden sein müssen. Die drei umschmeichelten mit engelsgleichem Satz- und Harmoniegesang Amos’ Singstimme derart, dass man während des gut hundertminütigen Auftritts immer mal wieder dazu bereit gewesen wäre, spontan auf die Knie zu sinken.
Die fast sakrale Atmosphäre, die der wunderbare Chorgesang auch der großen Auswahl älterer Songs aus nun mehr als drei Jahrzehnten Karriere verlieh, unterstrich nicht nur die zeitlose Klasse von Amos’ Kompositionen, sondern auch die beeindruckende Wandlungsfähigkeit der Sängerin. Die ruht sich eben nicht auf bewährten Arrangements oder gar der simplen Reproduktion der Originalversionen aus, sondern versucht selbst alten Hits wie „Crucify“, „Winter“ oder „Big Wheel“ derart neue Facetten abzugewinnen, dass man sie glatt für frisches Material halten könnte.
Und auf einen bis heute im Radio gespielten Erfolgstitel wie „Cornflake Girl“ aus dem Jahr 1994 gleich ganz im Programm zu verzichten, zeugt in Zeiten, in denen viele etablierte Künstler mit ihren Setlists zuvörderst die Nostalgiker beglücken möchten, ebenfalls von genügend Selbstvertrauen in ihr aktuelles Tun. Von ihrem vergangene Woche veröffentlichten neuen Album „In Times Of Dragons“ spielte Amos jedenfalls in Frankfurt gleich vier Stücke, neben „Stronger Together“ und „Shush“ zur großen Freude vieler treuer Fans erstmals auf dieser Tour auch „Gasoline Girls“ und den Titelsong.
Zur Drachentöterin schwingt sich die wie stets bei ihren Konzerten zwischen Bösendorfer-Flügel und zwei Keyboards sitzende Sängerin allerdings nicht auf. Das wäre der subtilen Texterin zu direkt. Für die Rolle des heiligen Georgs im Kampf des Guten gegen das Böse mögen andere prädestiniert sein. Tori Amos setzt auf Stärke durch Sanftheit.
