
Dass Kraniche über Hessen hinwegziehen, ist nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass sie in der Thermik nach Aufwind suchen. Die Kraniche, die über dem Landratsamt in Hofheim kreisen, um schließlich in die Ferne aufzubrechen, sieht man allerdings nur auf dem Mobiltelefon. Sie sind Teil eines virtuellen Kunstwerks namens „Migratory Birds“ von Tamara Grcic, Professorin für Bildhauerei an der Kunsthochschule Mainz.
Insgesamt acht Kunstwerke werden in den nächsten Wochen und Monaten in Kommunen des Main-Taunus-Kreises eröffnet und in einer App freigeschaltet, mit der sich die Werke betrachten lassen. „Hier, wo wir sind“ heißt das Projekt des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main im Rahmen der World Design Capital. Wer eine erste analoge Orientierung braucht, greift zunächst zum Flyer.
Hier erfährt man, dass auf die Kraniche in Hofheim eine Installation in Hattersheim von Alona Rodeh auf dem einstigen Phrix-Gelände folgen wird, danach asiatische Sagengestalten im Alten Kurpark in Bad Soden aufleben und am Eppsteiner Bahnhof virtuelle Reisende in Züge steigen werden. Unter der Flörsheimer Opelbrücke wird es nahezu opernhaft, und in Hochheim hat sich Mohzen Hazrati für seine digitale Skulptur intensiv mit der Geschichte des Weins beschäftigt. Wer die Kunstwerke sehen möchte, muss sich unentgeltlich die App „Wava“ herunterladen und an den Ort des Geschehens gehen. Der Rest erklärt sich von allein.
Shakespeare am Landratsamt
„Die Künstler sind international, aber die meisten haben eine Verbindung zur Region“, sagt der Kurator und Mitgründer von Wava, Ben Livne Weitzman. Die Kommunen haben die Orte vorgegeben, daraufhin hat Livne Weitzman zusammen mit seinem Ko-Kurator Dalwin Kryeziu die passenden Künstler ausgesucht. Tamara Grcic war vom Innenhof des Landratsamts sofort beeindruckt: „Diese Festung war natürlich sehr spektakulär“, sagt sie. Ihr Blick richtete sich daher gleich nach oben, ins Offene.
Unterlegt ist der Hofheimer Vogelflug mit einem vierhundert Jahre alten Monolog, den vermutlich William Shakespeare zum Theaterstück „Thomas More“ beitrug. Darin richtet sich More, damals Bürgermeister von London, in einer flammenden Rede gegen einen ausländerfeindlichen Mob, der es auf zugewanderte Lombarden abgesehen hatte. „Stellt euch die geplagten Fremden vor, ihre Babys auf den Rücken und ihr armseliges Gepäck, sich zu den Häfen und Küsten schleppend für die Überfahrt, und dass ihr wie Könige auf euren Wünschen thront“, heißt es darin. „Eine tolle Rede, die immer noch aktuell ist“, findet Grcic.
Der Text fand seinen Platz auf ungewöhnlichem Weg. Ben Livne Weitzmans Mutter schickte ihrem Sohn den Monolog in einer Fassung von Ian McKellen zu, nachdem sie ihn auf Instagram entdeckt hatte. Und Grcic entschied, ihn für „Migratory Birds“ zu verwenden, im Landratsamt befinde sich schließlich auch die Ausländerbehörde des Kreises. Wava ließ den Monolog auf Deutsch neu einsprechen, auch eine Textfassung zum Nachlesen findet sich in der App.
Die nächste Eröffnung findet am 8. Mai um 18 Uhr in der Kirchgrabenstraße 9 in Hattersheim statt, dann am 10. Mai um 11 Uhr im Bad Sodener Kurpark. Am 15. Mai geht es in der Frankenallee 6 in Kelkheim weiter, am 21. Mai zum Alten Wasserschloss in Hofheim, am 30. Mai nach Eppstein und am 14. Juni nach Hochheim. Den Abschluss der Eröffnungsreihe bildet die Installation unter der Flörsheimer Opelbrücke am 10. Juli.
