Nichts symbolisiert die Abhängigkeit von fossilen Energien mehr als die Petrodollar-Türme. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben den 828 Meter hohen Burj Khalifa gebaut, Saudi-Arabien den 600 Meter hohen Clock Tower neben der Kaaba in Mekka. Die 452 Meter hohen Petronas Towers in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur werden „Zwillinge“ genannt, weil sie für die beiden Quellen stehen, aus denen das Land im vergangenen Jahr Exporteinnahmen von 60 Milliarden Dollar erzielt hat: Öl und Gas.
Kaum ein anderes Land in Asien hat in der Vergangenheit so auf fossile Energien gesetzt wie Malaysia. Der Export von hochwertigem malaysischen Rohöl, Treibstoff und Flüssiggas macht rund ein Fünftel der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Im Strommix daheim haben die Nicht-Erneuerbaren einen Anteil von über 80 Prozent. Doch weil das Land den Eigenbedarf mit günstigerem Öl vom Golf deckt, das nun vor der Straße von Hormus festsitzt, sind die Energiereserven Ende des Monats ausgeschöpft. Ministerpräsident Anwar Ibrahim hat eine „Krise“ ausgerufen, Beamten die Fahrt ins Büro verboten und Benzinsubventionen gekürzt.
Seit Beginn des Irankriegs geht in Asien sprichwörtlich das Licht aus
In asiatischen Ländern wie Bangladesch, Pakistan und den Philippinen und Vietnam geht seit dem Irankrieg sprichwörtlich das Licht aus, weil die Stromerzeugung am importierten Gas hängt, das nun nicht mehr durch die Straße von Hormus kommt. In Indien suchen die Menschen Holz im Wald, um damit den heimischen Herd zu befeuern, für den es keine Flüssiggaszylinder mehr zu kaufen gibt. Dass selbst in einem rohstoffreichen Land wie Malaysia die hohen Energiepreise Transport, Kühlung und Verpackung teuer machen und die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben, hat in Asien in den vergangenen Wochen einen Großeinkauf ausgelöst – von Solarmodulen aus China.
Malaysia etwa hat im März Paneele mit einer Stromerzeugungskapazität von 1,8 Gigawatt aus China importiert, eine Steigerung gegenüber dem Vormonat von knapp 400 Prozent. In zehn Jahren soll der Anteil der Erneuerbaren am Energiemix auf 40 Prozent steigen, hat die Regierung in Kuala Lumpur verkündet, bis 2050 auf 70 Prozent. Angesichts des nicht enden wollenden Irankriegs sei „Energiesicherheit nicht mehr länger eine Option“. Strom aus Sonne und Wind habe für die Nation ab sofort „strategische Priorität“.
Indonesiens Präsident will 100 Gigawatt Solarleistung in drei Jahren
So wie die Ölkrise der Siebzigerjahre Europa zu Atomkraft und Gasenergie getrieben hat, könnte der Irankrieg nun in Asien für einen Schwenk sorgen: Weg von fossilen Energieträgern, hin zu erneuerbaren Energiequellen. Weil vier Fünftel des durch die Straße von Hormus transportierten Öls und Gases nach Asien geht, ist der Kontinent von der Krise am Golf weitaus am stärksten betroffen.
Zwar werfen viele Staaten auch wieder ihre alten Kohlekraftwerke an. Doch Analysten sehen den dreckigen Brennstoff allenfalls als strategische Reserve. Stattdessen überschlagen sich die Regierungen mit Ankündigungen zum Ausbau der Erneuerbaren. Die Philippinen wollen allein im Mai 22 Solarfelder, Wasserkraftwerke und Windparks ans Stromnetz anschließen, die zusammen 1,3 Gigawatt Leistung erzeugen. Bis 2040 soll der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung auf 50 Prozent steigen. Vietnam peilt das Ziel für zehn Jahre früher an. In Indonesien hat Präsident Prabowo Subitano selbst Klimaschützer aus der Fassung gebracht mit seiner Ankündigung, in drei Jahren 100 Gigawatt Solarleistung zu installieren. Das wäre das Doppelte der heutigen Stromerzeugungskapazität des 280 Millionen Einwohner zählenden Landes.
Die Krise bringt dramatische Veränderungen
Viele asiatische Staatsführer hätten die Erneuerbaren „lange als unzuverlässig, teuer und ungeeignet für Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen abgetan“, schreibt Joshua Kurlantzick vom Council on Foreign Relations, eine amerikanische Denkfabrik. Doch wie so oft in Krisen, die große strukturelle Veränderungen hervorbrächten, habe der Irankrieg die Planungen der Regierungen in der Region für das Erreichen von Energiesicherheit „dramatisch verändert“.

Kurzfristig sei Energie aus Erneuerbaren kein Ersatz für fossile Energien, kommentierte ein international führender Energieexperte, Daniel Yergin, im „Economics Show“. Solarzellen und Windmühlen produzieren Strom, aus Öl hingegen werde flüssiger Treibstoff. Dennoch werde der Ausbau der Erneuerbaren nun rasant an Fahrt gewinnen, weil die grünen Energiequellen „nicht mehr als Antwort auf den Klimawandel“ gälten, sondern „als Energiesicherheit, als eine Art Unabhängigkeit“.
Die Abhängigkeit von China könnte wachsen
Allerdings stellt sich die Frage, ob sich die Abhängigkeit bei einer grünen Wende in Asien nur verschiebt: von den Golfstaaten hin zu China, dessen Elektroautos sich in Ländern wie Thailand, Vietnam und den Philippinen seit Beginn des Irankriegs noch viel schneller verkaufen als zuvor. Zementiert ist Chinas Dominanz bereits bei der Herstellung von Solarmodulen, der Anteil am Weltmarkt beträgt 85 Prozent. Polysilizium, der zentrale Rohstoff für Solarzellen, wird gar zu 95 Prozent im Reich der Mitte gewonnen. Das erinnert an Pekings Macht über die Seltenen Erden, die es hemmungslos als geopolitisches Druckmittel nutzt. Auch eine „strategische Abhängigkeit“ von Chinas Solarindustrie könne „den künftigen Einsatz von Solartechnologien behindern“, hat die Europäische Kommission bereits vor Jahren gewarnt.

Nun ist der Kauf von Solarzellen, die nach Installation 25 Jahre halten, nicht vollständig vergleichbar mit der Abhängigkeit vom Öl, das augenblicklich fehlt, sobald es nicht mehr im Hafen ankommt. Doch dass Asiens Energiewende China in die Karten spielen würde, gilt als sicher. Im März hat die Volksrepublik ihre Ausfuhren von Solarmodulen, Zellen und Wafern gegenüber dem Februar auf 68 Gigawatt Leistung verdoppelt. Mehr als 50 Länder haben laut einer Analyse der chinesischen Exportstatistik durch die britische Denkfabrik Ember in dem Monat so viel Photovoltaik importiert wie noch nie. Das habe auch damit zu tun, dass am Ende des Monats Steuererleichterungen für die Exporte ausgelaufen und Aufträge vorgezogen worden seien, sagte Analyst Euan Graham. Doch sei sehr wahrscheinlich, dass die Regierungen der Länder eine Reaktion auf den steigenden Ölpreis gezeigt und ihre Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren nach oben korrigiert hätten.
Grüne Energie führt zu Problemen für das Stromnetz
Der gewaltige Anstieg der Solarmodulexporte beruhe auf einem „realen Nachfragetrend“, ist sich David Zhang vom amerikanischen Analysehaus Trivium China sicher. Nach Europa lernten nun auch die asiatischen Schwellenländer die Kostenvorteile, den Baukastencharakter und die geringe Anfälligkeit gegenüber Schwankungen des Öl- und Gaspreises zu schätzen. Allerdings ist es nicht so, dass die grünen Energieträger keine Probleme mit sich bringen. So baut Indien bereits seit Jahren die Erneuerbaren in Rekordgeschwindigkeit aus. Allein im vergangenen Fiskaljahr, das Ende März geendet ist, stieg die Kapazität aus Sonne- und Windkraft um 55 Gigawatt auf nunmehr 283 Gigawatt Leistung. Das hat ausgereicht, vergangenen Sommer zeitweise über die Hälfte des Strombedarfs zu decken. Doch in den Monaten von Januar bis März gingen rund 31 Gigawatt an grüner Energie verloren, da das indische Netz überlastet war und es im Land an Speicherkapazitäten fehlte, um die Nachfrage an Strom zu bewältigen.
Zwergstaaten wie Singapur haben ohnehin nicht die nötigen Flächen, um Solarenergie zu produzieren. Mit schwimmenden Solarparks in indonesischen Gewässern hat die Insel schlechte Erfahrungen gemacht; Fachleute berichten, dass jedes zweite Panel Opfer von Wind und Wellen werde. Möglicherweise ist die Atomkraft ein Ausweg, die dem reichen Land bisher zu unsicher war. Im März hat Singapur mit einem südkoreanischen Kernkraftkonzern vereinbart, den Einsatz eines kleinen, modularen Reaktors zu untersuchen (SMR), der unterirdisch in den Fels gegraben würde.
Auch Indonesien denkt als Ergänzung zu den Erneuerbaren über den Bau der kleinen Reaktoren nach, so wie Thailand, Vietnam, Malaysia und die Philippinen. Alles Länder mit hohem Maß an Korruption, warnt Julius Cesar Trajano von der Singapurer S. Rajaratnam School of International Studies. Fehlten starke Regulierungsbehörden, rechtliche Haftung und Transparenz, seien die politischen, sicherheitstechnischen und finanziellen Risiken der Atomkraft zu hoch. Insbesondere in einer Region, in der „ein einziger Zwischenfall weit über die nationalen Grenzen hinaus“ ein Desaster anrichten könnte.
