Es gibt Sätze, deren Harmlosigkeit trügt, die sich anfangs wie flüchtige Bemerkungen anhören und doch in der Erinnerung nachhallen, weil sie einen wunden Punkt berühren. »Ich bin schwul, nicht queer«, sagt Jens Spahn in einem Interview mit der ZEIT ohne Pathos, und gerade diese Gelassenheit entfaltet eine Härte, die sich erst im Nachhall zeigt. In dieser scheinbar beiläufigen Selbstverortung verdichtet sich mehr als persönliche Begriffswahl: eine Verschiebung von beträchtlicher Reichweite.
Um sie zu verstehen, muss man sich den Ursprung des Wortes queer anschauen – als Bezeichnung für Menschen, die anders leben und lieben als die Mehrheit. Ein bisschen mag man Spahns Distanz zu dem Begriff verstehen, ist er doch zunächst ein Schimpfwort, durchtränkt von Spott und Herabsetzung. Queer hat einen feindseligen Ursprung – »sonderbar«, »verrückt«. In den Neunzigerjahren wandelten queere Aktivistinnen in den USA diese Schmähung durch Selbstaneignung aber in eine Waffe um. Als Begriff stand queer für das beharrliche Misstrauen gegenüber allem, was sich als Naturgesetz ausgibt – gegen scheinbar natürliche Ordnungen von Geschlecht, Begehren und sozialen Rollen. Es sezierte die Fiktion von »nicht queer« oder »Normalität« als ontologische Konstanten. Wo »Queer« war, musste sich »Normalität« erst behaupten.
