Maria trägt am liebsten Grün, aber nur ungern Lippenstift. Anstatt wie von ihrem verehrten Vater, einem Kardiologen, erwartet, hat die Gewinnerin mehrerer schulischer Chemie-Olympiaden nicht Medizin studiert. Stattdessen absolvierte sie einen Studiengang „mit einer langen schwammigen Bezeichnung, irgendetwas mit ‚international‘“. Entsprechend undefiniert ist die Tätigkeit, der sie nun eher lustlos und konfliktscheu in einem europäischen Konzern nachgeht. Die Ich-Erzählerin in Lavinia Braniştes neuem Roman mit seinem sanft bedrohlichen Titel „Du findest mich, wenn du willst“ stellt sich als Frau mit wenig bemerkenswerten Eigenschaften dar. Doch offenbar hegt die Mittdreißigerin eine verhängnisvolle Schwäche für ebenso selbstsichere wie unterhaltsame Männer.
Als Maria eines frühen Morgens von Bukarest-Otopeni aus zu einem Vorstellungsgespräch nach Amsterdam fliegt, erstaunt es sie, wie hartnäckig ein attraktiver Geschäftsmann während der Sicherheitskontrolle mit ihr flirtet: „Er beobachtete mich aus der Ferne. Als die Frau in Uniform die Bügel meines BHs abtastete, scannte er mich durch den Rahmen des Metalldetektors.“ Im Flugzeug gibt er seinen Platz in der Businessklasse auf, um neben ihr an einem der Notausgänge zu sitzen, und stellt sich als „Victor“ vor. In Amsterdam angekommen, reist er zu Geschäftsterminen nach Helsinki weiter, während sie dem Vorstellungsgespräch weit weniger Beachtung schenkt als ihrer plötzlichen Verliebtheit nach Jahren des Singledaseins: „Es fühlte sich an, als wären wir in eine Rakete gestiegen und direkt zu den Sternen geflogen.“
Glänzende Gesellschaftskritik
Lavinia Branişte lässt ihre Protagonistin im Rückblick erzählen, als gälte es, eine überstandene schwere Krankheit zu rekapitulieren. Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass es die eigenschaftsarme Maria mit einem durchtriebenen Narzissten zu tun hat, der sie als Projektionsfläche für sein Ego benutzt. Erst durch seine Aufmerksamkeit fühlt sie sich so glücklich, dass sie sich hübsch vorkommt. Mehr oder weniger subtile Warnsignale ignoriert die frisch Entflammte. So zwingt Victor sie, Lippenstift zu tragen, den er anschließend in ihrem Gesicht verwischt und dabei an ihrer Haut zupft: „Dieses glitschige Bild von mir, der verschmierte Lippenstift, der Mund, der seine Form verlor, machte mich verletzlich und angreifbar.“

Als sie das erste Mal miteinander schlafen, erschreckt Maria seine Brutalität – allerdings währt ihr Unbehagen nur kurz. Victor erweist sich als Meister des Vagen und Überraschenden. Das nutzt er geschickt, um die Partnerin nach seinen Wünschen zu formen: „Er eröffnete mir den Zugang zu einem neuen Universum, das ich amüsiert und gespannt betrat. In seiner Anwesenheit spürte ich, dass ich eine Frau war (weil er mir darin Anleitung gab). Vor und nach ihm gab es nur Maria.“ Noch im Nachhinein schwärmt sie von der „fantastischen Chemie“ und der „perfekten, intuitiven Kommunikation“, die sie mit dem schwer fassbaren Außendienstmitarbeiter verbunden habe.
Während der gut zwei Jahre ihrer Beziehung erfährt Maria weder Einzelheiten über Victors Arbeit noch lernt sie seine Eltern kennen. Umso ausführlicher schildert sie ihre eigene Kindheit und Jugend. Das Verhältnis zur Mutter ist distanziert, das zum Vater zwiespältig: Seine langjährige außereheliche Beziehung, die bis zum Tod der Geliebten andauert, belastet die Familie. Verblüfft und skeptisch verfolgt Maria mit, wie der Trauernde manisch Trost in der Religion sucht. Nach seinem Auszug nimmt er sogar einen orthodoxen Bettelmönch bei sich auf, in dem sie einen Betrüger wittert.
Panische Ausbruchsversuche
In diesen – leider allzu seltenen – Szenen blitzt die glänzende Gesellschaftskritikerin Lavinia Branişte auf, die sich ansonsten in diesem „toxischen“ Liebesroman kaum entfaltet. Mit ihrem ebenso ironischen wie berührenden Debüt „Null Komma Irgendwas“ (2018) über die schüchterne und unbeholfene Büroangestellte Cristina stach die 1983 im südostrumänischen Brăila geborene Schriftstellerin und literarische Übersetzerin direkt ins ideologische Zentrum des rumänischen Neokapitalismus. Es folgte mit „Sonia meldet sich“ die hochsommerliche Überland-Recherche einer Journalistin auf der Spur von Zoia, der Tochter des im Dezember 1989 vom erzürnten Volk hingerichteten Diktatoren-Ehepaars Ceauşescu. Die deutsche Übersetzung dieser Bücher übernahm die aus Siebenbürgen stammende Manuela Klenke, die auch den aktuellen Roman in ein lebendiges, wendiges Deutsch gebracht hat.
Lavinia Braniştes Protagonistinnen sind analytisch begabte Lebenskünstlerinnen, so auch Maria. Aber durch ihr mangelndes Selbstbewusstsein wird sie in eine lähmende, gefährliche Passivität getrieben. Ihr Wunsch, „irgendwie zurück zu den Werkseinstellungen“ zu finden, erscheint unerreichbar. Die Situation verschärft sich, als sie dem Drängen ihres Freundes nachgibt, bei ihm einzuziehen. In einem Bukarester Vorort bewohnen Victor und dessen Bruder Bogdan recht unheimliche baugleiche Nachbarhäuser. Maria wird Zeugin, wie Bogdan seine Lebensgefährtin drangsaliert.
Als sie schließlich ihre ungeliebte Arbeit kündigt, ist sie einzig und allein „damit beschäftigt, eine Frau nach dem Geschmack meines Liebhabers zu sein“. Sie zieht sich in ein Zimmer zurück, dessen Wandschmuck von ihrem Vater stammt: eine Ikone, das Geschenk eines dankbaren Patienten. Die wird sie bei jedem ihrer panischen Ausbruchsversuche begleiten, ein anschauliches Symbol wie die Notausgangstür im Flugzeug und der verabscheute Lippenstift. Insgesamt jedoch verharrt dieses Psychogramm einer Obsession in einem merkwürdig luftleeren Raum.
Lavinia Branişte: „Du findest mich, wenn du willst“. Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag, Berlin 2026.
272 S., geb., 26,– €.
