
Um die Jahrtausendwende, als in Deutschland eine rot-grüne Regierung den Ausstieg aus der Atomkraft einleitete, war der Zeitgeist ein anderer, auch in Belgien. 2003 wurde auch dort beschlossen, mittelfristig auf die Kernenergie zu verzichten. In Deutschland hat ausgerechnet eine bürgerliche Regierung (Merkel/Westerwelle), die zunächst die Nutzung der verbliebenen Atommeiler verlängert hatte, unter dem Eindruck der japanischen Nuklearkatastrophe von Fukushima den Ausstieg beschleunigt.
In Belgien lief das anders. Es ging ständig vor und zurück, mit dem Ergebnis, dass heute noch Reaktoren arbeiten und mehrere stillgelegte zumindest noch nicht ganz rückgebaut worden sind.
Spahn hat einen ähnlichen Vorschlag gemacht
So sollen nicht nur die letzten beiden Reaktoren am Netz gehalten werden, deren Laufzeit schon 2022 infolge der Energiekrise nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine deutlich verlängert worden war. Sondern zumindest die Option soll ebenfalls offengehalten werden, die stillgelegten Reaktoren wieder in den Stand zu setzen, hochgefahren zu werden. Just so etwas hat bei uns der Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn vorgeschlagen und damit ins Wespennest der fast schon entschlafenen Fundamental-Anti-AKW-Bewegung gestochen.
Vielleicht noch wichtiger als der Erhalt der Anlagen ist bei dem belgischen Vorgehen, dass die Fachkräfte und Wissenschaftler gehalten werden. Es zählt zu den Kollateralschäden des Atomausstiegs, dass nicht nur die CO₂-emissionsarme Energie fehlt, sondern auch dieses Fachgebiet brachliegt, in dem Deutschland einmal mit führend in der Welt war.
Dorthin wieder zu kommen, könnte noch schwieriger und langwieriger werden als der Bau neuer Kraftwerke, sollte sich auch bei uns wieder eine politische Mehrheit für die Nutzung der Kernenergie ergeben. Und nur das wäre perspektivisch sinnvoll und verantwortbar: nicht ein Ausstieg aus dem Ausstieg, sondern ein neuer Einstieg.
