
Nur wenige Stunden nachdem die Eilmeldung, ein Attentat auf den Präsidenten der USA sei verhindert worden, über alle Kanäle gesendet worden war, mehrten sich die Stimmen, die auf die zahlreichen Verschwörungsverdächtigungen hinwiesen, die dazu bereits zirkulierten. Nun ist der Umstand, dass auf einen Attentatsversuch auf ein Staatsoberhaupt, noch dazu in den USA, Verschwörungstheorien folgen, beim besten Willen nicht überraschend. Nicht von ungefähr sind die Theorien um das Attentat auf John F. Kennedy bis heute geradezu der Archetypus des modernen Verschwörungstheorisierens: Die so offensichtliche Verletzlichkeit der inszenierten Macht trifft in diesen Fällen auf Spekulationen um die Ränkespiele politischer Eliten und deren mannigfaltige Verknüpfungen mit Behörden und Wirtschaftsinteressen, die aus dem alltäglichen politischen Diskurs nicht wegzudenken sind. Gemeinsam fließen sie fast selbsttätig zu Spekulationen zusammen, die als grundlegende Story Plots der Kulturindustrie in zahlreichen Politthrillern schon ausgearbeitet vorliegen.
Außerdem hat die gesteigerte Umlaufgeschwindigkeit von Nachrichten für das Kommentariat in Social Media, Presse, Funk und Fernsehen das Problem erzeugt, dass die Generierung von Nachrichten der Berichterstattung nicht mehr hinterherkommt: Wenn die neuesten Meldungen immer schon bei allen angekommen sind, ist es wirklich nicht einfach, noch etwas Interessantes zu sagen; beziehungsweise, wo die gesicherten Tatsachen bekannt sind, kann man dazu eigentlich nur noch Kontext melden, der als Nachricht umso heißer ausfällt, je weniger er im guten wie im schlechten naheliegt.
Die Strategie des Igels
Der Form nach unterscheidet sich die Verschwörungstheorie der Laien in dieser Hinsicht nicht kategorial vom Kolumnenjournalismus. Es geht eben darum, was für originelle Assoziationen zu allgemeinen politischen Konfliktkonstellationen und gesellschaftlichen Großtrends man zu möglichst überraschenden Plot-Twists abrufen kann. Die Geschwindigkeit, mit der die Verschwörungstheorie auf die Nachricht folgt, ist in dieser Hinsicht die folgerichtige Fortsetzung der Beschleunigung der Nachricht selbst: Egal wie der Hase sich hetzt, er wird den Eindruck haben, der Igel wäre noch schneller, allein weil der Igel eben nie läuft, sondern einfach auf den Hasen wartet. Und, um diese Metapher zu überdehnen, je weniger Fabeltiere prinzipiell mit dem Hasen noch mithalten können, umso mehr werden sich an die Strategie des Igels halten.
Die Unmenge an Information zum Geschehen und dessen schnipselhafte Formatierung für die Onlineberichterstattung kommt diesem Modus des Fabulierens in doppelter Hinsicht entgegen: Zum einen entsteht so ein schier unübersehbarer Fundus an Material für die puzzelnde Rekombination, zum anderen bleibt auch diese Rekombination meist fragmentarisch genug, um andere eher zum Weiterpuzzlen als zur Kritik einzuladen: Fundstück an Fundstück spinnt man dann gemeinsam an der Vermutung, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist, als man auf den ersten Blick vermuten würde, und dass dahinter noch einmal etwas ganz anderes stecke.
Dass dieser Verdacht wiederum so plausibel ist, dass er kaum noch Anhaltspunkte, sondern vor allem Spielmaterial sucht, hängt auch daran, dass er sich in die politische Selbstinszenierung der US-Regierung fügt, deren Akteure ja keine Gelegenheit auslassen, sich als heldenhafte Kämpfer in einem Endzeitkonflikt zu inszenieren, der alle Konflikte der Gegenwart miteinander verbindet.
Sehnsucht nach politischer Gewalt
Wenn die rechte Influencerin Laura Loomer, die ja durchaus als einflussreiche Einflüstererin des Präsidenten gilt, nach dem Vorfall auf der Plattform X bedauert, dass der Secret Service den Angreifer nicht erschossen habe, sodass dieser jetzt „seine Seite“ der Geschehnisse schildern könne, oder wenn andere ankündigen, dass nun endlich der Punkt gekommen sei, an dem man mit harter Hand mit seinem politischen Gegner aufräumen müsse, dann dokumentiert das nicht nur eine Sehnsucht nach dem Griff zur unmittelbaren politischen Gewalt, die in den Kommentaren der Presse – gerade im Vergleich zu den lustgruselnden Anmerkungen zu Verschwörungstheorien – eher unterthematisiert scheint. Es zeigt eben auch den Willen, das echte Attentat in die Inszenierung eines politischen Spektakels einzuflechten, für dessen Wirkung es am Ende fast egal ist, wer dahintersteckt, weil die politische Macht ohnehin Verantwortung zuweist, wie es ihr zupasskommt, und daraus auch gar keinen Hehl mehr macht.
