Verdattert wiegt er den Stadtplan in seinen Händen hin und her, schaut fast sehnsuchtsvoll hinüber zum Eisernen Steg. Der Frankfurt-Tourist aus Fernost mit Kamera um den Hals ist der Brücke so nah. Doch zwei Reihen Gitter und ein unaufhörlicher Strom an Rennfahrern bilden ein unüberwindliches Hindernis. Ob er dann angefangen hat, das Radsportschauspiel zu fotografieren, dem Frankfurt einmal im Jahr eine Bühne gibt? Ob er Gefallen gefunden hat, an dem Klack-Klack der Schaltungen, dem Surren der Ketten, dem Wusch-Wusch der Laufräder und dem Flüstern des Asphalts unter den Reifen? Am 1. Mai ist dies der Soundtrack der Stadt, wenn um kurz nach 9 Uhr die Hobbyfahrer und um kurz nach 12 Uhr die Profis in die City einfahren – und dann gen Taunus wieder entschwinden.
Man muss wohl passionierter Rennradfahrer sein, um ermessen zu können, wie prächtig es ist, die Straßen einer Großstadt ganz für sich zu haben. 12.000 Amateure sind in diesem Jahr bei der Velotour am Start, so viele wie nie zuvor. Schon Wochen zuvor war das Jedermannrennen von Eschborn–Frankfurt ausgebucht. Und der Renntag der 63. Ausgabe der Traditionsveranstaltung gerät bei bestem Wetter und vielen Zuschauern am Streckenrand zu einem Festtag für Radfahrer.
87 Prozent der Teilnehmer sind Männer
Lars und Philipp gehören zu denen, die sich die Fahrt durch abgesperrte Straßen, dort, wo sonst der Autoverkehr rauscht, seit Jahren nicht entgehen lassen. Die beiden Frankfurter Kumpel tragen weiße Trikots mit der Aufschrift „Kieselwerk Ginnheim“. Was ihre Leidenschaft für Fahrten auf steinigem Grund mit ihren Gravelbikes hervorhebt. Und nicht, wie am Start in Eschborn von nicht hessischen Umstehenden gewitzelt wird, dass sie in ihrer zweiten Trinkflasche Gin mit sich führten.
In den Hochhausschluchten und am Mainufer gehen die Endorphine mit vielen durch. Reichlich Testosteron ist auch unterwegs angesichts von 87 Prozent Männeranteil im Amateurfeld. Man legt sich euphorisiert in die Kurven und tritt nach jeder Kurve an wie bei den Profis.
Lars und Philipp lassen sich auf heimischen Straßen nicht aus der Ruhe und dem Tritt bringen. Allerdings: Wenn Lars mit seinen mächtigen Schenkeln ein paar Watt mehr in die Pedale stampft, ist es nicht leicht, sein Hinterrad zu halten. Philipp ist mehr so der zähe Typ, fährt viel vorne im Wind. Nimmt aber auf der Rosa-Luxemburg-Straße die Gelegenheit wahr, im Windschatten von Fabian (die Vornamen stehen mit auf der Startnummer) zu bleiben. Fabian wirkt mit seinem enorm breiten Kreuz wie Hulk auf einem Drahtesel. In seinem Windschatten fühlt es sich fast so an, als ob man auf dem Gepäckträger mitgenommen wird. Doch kurz vor Oberursel rauscht Fabian davon, als ob er in einen Zaubertrank gefallen wäre.

Ob er zu den 43 Prozent unter den 12.000 gehört, die zum ersten Mal die Velotour am 1. Mai unter die dünnen Reifen nehmen? Also zu denjenigen, die nicht wissen können, dass der Anstieg zum Feldberg sich immer länger hinzieht, als man denkt? Dass die fiesesten Rampen erst kurz vor dem Gipfel kommen? Wem wohl das in Plastik eingefasste, gut sortierte Sushiset aus der Trikottasche gefallen ist, das kurz vor der Applauskurve mitten auf der Straße liegt? Gut, dass bei der Verpflegungsstation am Sandplacken den neue Energie suchenden Radlern unter anderem ein hervorragender Schoko-Marmorkuchen gereicht wird.
Wer zuvor schon zu viel Kraft verschleudert hat, muss dem spätestens hier Tribut zollen. Und siehe da, Hulk beziehungsweise Fabian ist kein guter Kletterer. Er schaut angestrengt drein, als er sich mit jedem einzelnen schweren Tritt gegen das Stehenbleiben wehrt.
Und ja, es gibt sie: Unfälle und Stürze. Manchmal, weil Heißsporne im Sattel für unübersichtliche Situationen sorgen. Oft reicht eine kleine Unaufmerksamkeit gepaart mit Pech. Bei 12.000 Hobbyfahrern auf der Strecke haben die Organisatoren versucht, die Sicherheit der aus 75 Nationen stammenden Teilnehmer zu erhöhen. Dass es Gefahren- und Engstellen gibt, kann man bei bis zu 97 Kilometer Straße für die Hobbyfahrer und 211 Kilometer für die Profis nicht verhindern.

Sehr wichtig und hilfreich sei das Feedback der Rennfahrer und der Rettungsdienste, wo Stürze passiert seien, sagt Daniel Nohe. Der Dreißigjährige ist der Streckenverantwortliche für das Rennen. So seien in diesem Jahr etwa 40 Strohballen an Gefahrenstellen ausgelegt worden, um etwaige Stürze zu dämpfen. Die 60 matratzenartigen Polster in gut sichtbarem Rot-Weiß stehen vor vielen Verkehrsinseln. Dazu kommen 35 große Schilder, die frühzeitig vor Gefahrenstellen warnen, zudem mit Fähnchen und Trillerpfeifen ausgestattete Streckenposten.
Das Kopfsteinpflaster in Eppstein ist ein Rütteltest erster Güte für Mensch und Maschine. Wie wohltuend es ist, wenn die Reifen wieder Asphalt erreichen! Im windzerzausten Fischbachtal empfiehlt sich ein gutes Hinterrad, in Kelkheim wird selbst im Hinterfeld richtig Rennen gefahren. Herzallerliebst, wie in Sulzbach ein paar Grundschülerinnen auf dem Gehweg an einer fein gedeckten Frühstückstafel sitzen und von dort die Radler anfeuern.
Als sich der Anstieg nach Mammolshain ankündigt, schalten viele demütig diverse Gänge herunter. Einmal rechts abgebogen, und dann steht man buchstäblich vor einer schmalen, schier himmelwärts führenden Straße: dem Mammolshainer Stich mit einer Steigung von mehr als 20 Prozent. Die ganze Rampe hinauf stehen die Zuschauer dicht an dicht, die Anfeuerungen sind laut, die Stimmung ist prächtig. Vielleicht so prächtig wie nie seitdem auch die Velotour diesen bei Eschborn–Frankfurt längst ikonischen Anstieg im Programm hat. Fast niemand bewältigt den „Mammolshainer“ im Sitzen, alle stehen auf ihren Pedalen. Und der alte Trick wirkt: Je schmerzverzerrter man schaut und je weiter man die Zunge heraushängen lässt, desto lauter werden die Anfeuerungen.
Hinter dem Stich geht es weiter hinauf an diesem Tag der (Bein-)Arbeit. Bis zum Königsteiner Kreisel. Der Rest ist ein Hochgeschwindigkeitsgeschenk. Kronberg ist wie im Fluge durchfahren. Und Eschborn hat am Maifeiertag eine besondere Willkommenskultur: die Ziellinie.
