
Eine der größten Raffinerien in Deutschland fährt auf Reserve: Zum 1. Mai hat Russland die Durchleitung von kasachischem Rohöl nach Deutschland über die Pipeline „Freundschaft“ (Druschba) gestoppt. Betroffen ist die PCK-Raffinerie im Nordosten von Brandenburg, die zuletzt gut zwei Millionen Tonnen Rohöl aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline bezog. Das ist ein Fünftel der Rohölmenge, die 2025 in der Raffinerie verarbeitet wurde.
Der Betrieb der PCK-Raffinerie läuft zunächst ohne Beeinträchtigung weiter. „Technische Probleme bekommen wir vorerst nicht, wir werden die Anlagen von derzeit 90 Prozent Auslastung aber auf 80 Prozent herunterfahren“, sagt Danny Ruthenburg, der Vorsitzende des Betriebsrats der PCK. „Es sind auch noch Ölreserven in der Pipeline und in den Tanklagern.“ Bis der Ölzufluss aus Kasachstan ganz versiegte, vergingen noch Tage.
Die PCK zählt zu den größten Raffinerien in Deutschland und versorgt weite Teile von Ostdeutschland, Berlin, den Flughafen BER und Westpolen. Als der Kreml in der vergangenen Woche ankündigte, den Transport von kasachischem Rohöl Richtung Deutschland aus „technischen“ Gründen zu stoppen, wuchsen deshalb die Sorgen über Versorgungsengpässe. Doch die Versorgungssicherheit in der Hauptstadtregion ist nicht gefährdet, betonte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Mittwoch.
80 Prozent Auslastung im Mai
Die Raffinerie werde über den Monat Mai eine Auslastung von 80 Prozent erreichen, sagte Woidke nach einem Gespräch mit der Geschäftsführung der PCK-Raffinerie, an dem unter anderem auch Vertreter der Bundesregierung teilnahmen. Eine Auslastung von 80 Prozent gilt als untere Grenze für einen profitablen Betrieb der Anlage. Auf Dauer lässt sich dieses Niveau ohne die ausbleibenden Mengen aus Kasachstan aber nicht halten.
Der technische Betrieb sei zwar auch dann nicht gefährdet, wenn die Reserven in den Tanklagern in den nächsten Wochen schwänden und der Ersatz für kasachisches Rohöl ausbleiben sollte, sagt Ruthenburg. „Aber wenn man dauerhaft bei einer niedrigen Auslastung von 65 bis 70 Prozent liegt, ist mit wirtschaftlichen Folgen zu rechnen.“ Ob dieses Szenario im Sommer vermieden werden kann, hängt maßgeblich von den laufenden Gesprächen der Bundesregierung mit Polen ab.
Die Verbindung mit dem Ölhafen in Danzig über die „Pommersche Leitung“ des staatlichen polnischen Pipelinebetreibers PERN gilt als einzige Versorgungsroute, über die der Ausfall der Druschba-Pipeline für die PCK-Raffinerie kurzfristig kompensiert werden kann. Die Pipeline von Schwedt nach Rostock, die seit Jahren ertüchtigt werden soll, ist ausgelastet. Zuletzt wurden auf diesem Weg sechs Millionen Tonnen Rohöl an die PCK geliefert.
Positive Signale aus Polen
Brandenburgs Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU) äußerte sich in einer Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses am Donnerstag zu den Aussichten auf mehr Öl über Danzig. „Die Gespräche der Bundesregierung mit Polen laufen gut, und wir dürfen vorsichtig optimistisch sein, dass eine Lösung gefunden wird“, sagte sie im Landtag. „Es gibt seitens der Bundesregierung Gespräche mit Polen, das wohl die Bereitschaft signalisiert hat, mehr Mengen über Danzig verladen zu können“, sagt Ruthenburg.
Ein Sprecher von PERN bestätigte am Donnerstag, dass die Kapazitäten in dem von der Tochtergesellschaft Naftoport betriebenen Hafen in Danzig und entlang der Pommerschen Leitung vorhanden sind. „PERN verfügt über die Infrastruktur für die Übertragung an die PCK-Raffinerie über Naftoport und für den Pipeline-Transport. Wir können jährlich rund zwei Millionen Tonnen Rohöl zusätzlich liefern“, erklärte der Sprecher auf Anfrage der F.A.Z.
Das wäre ungefähr eine Verdoppelung der Rohölmenge, die PERN im vergangenen Jahr für die PCK-Gesellschafter Shell und Eni nach Schwedt transportierte. Auf die Frage, ob PERN auch für Rosneft Deutschland Öl durchleiten würde, ging der Sprecher nicht ein. Bisher stand dem Mehrheitseigentümer der PCK-Raffinerie der Weg über Danzig als Tochtergesellschaft eines russischen Ölkonzerns nicht offen.
In Berlin hofft man, dass die mittlerweile unbefristete Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur über die Anteile von Rosneft Deutschland an der PCK-Raffinerie die polnische Regierung ebenso besänftigen wird wie die US-Administration. Washington hat Rosneft Deutschland von US-Sanktionen gegen Rosneft ausgenommen. Der Bundestagsabgeordnete Christian Görke (Linke) erwartet dagegen, dass Polen die Situation für sich nutzen könnte.
„Polen spielt eine Schlüsselrolle. Und dieser Schlüsselrolle sind sich die Polen sehr bewusst. Sie haben großes Interesse daran, über den Tiefseehafen Danzig zum Energie-Hub zu werden“, sagt der ehemalige Brandenburger Finanzminister. Görke fordert die Übernahme der Anteile von Rosneft Deutschland an der PCK-Raffinerie durch den Bund und Investitionen in eine wasserstofffähige Pipeline von Schwedt nach Rostock.
