Der Inder, der auf einem Stuhl in seinem Wohnzimmer sitzt, wirkt wie ein Verwaltungsbeamter, nicht wie ein Revolutionär. Doch der Mann mit der eckigen Brille und dem schwarzen Schnurrbart hat mehr als drei Jahrzehnte als maoistischer Aufständischer im indischen Dschungel gekämpft. „Wir mussten im Regen unter freiem Himmel schlafen, nur mit einer Decke über dem Kopf. Manchmal hatten wir nichts zu essen oder nur Reis mit Wasser. Viele sind gestorben, weil sie von wilden Tieren getötet wurden“, erzählt er.
Im Laufe der Jahre sei er an Hunderten bewaffneten Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften beteiligt gewesen. Über deren Einzelheiten und Opfer möchte er bei dem Gespräch in der südindischen Millionenstadt Hyderabad aber nicht reden.
Tatsächlich waren es auch nicht die Gefechte mit der Polizei, die bis zu 50 Kilometer langen Märsche am Tag oder das Übernachten in der Nachbarschaft zu Tigern, Elefanten und Schlangen, die Kämpfer wie ihn schließlich dazu gebracht hatten, sich der Polizei zu stellen. „Sie dachten nicht an den Schmerz“, sagt der Inder. „Sie waren sich des Erfolgs nicht mehr sicher. Warum sterben für etwas, das keine Zukunft hat?“, so der 64 Jahre alte Mann, der sich heute noch mit seinem Kampfnamen Jampanna ansprechen lässt.
Seit dem Jahr 2000 rund 12.000 Opfer
Auch bei ihm hatte sich irgendwann die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Sieg durch einen Guerillaaufstand in abgelegenen Waldregionen nicht erreicht werden könnte. „Dieser Kampf, dieser bewaffnete Kampf, ist nicht richtig“, hatte er im Jahr 2017 seinen Genossen gesagt. Und stellte sich mit seiner Frau der Polizei.
Einige Jahre später befindet sich eine der langlebigsten bewaffneten Aufstandsbewegungen der Welt offenbar in den letzten Zügen. Dem South Asian Terrorism Portal zufolge sind ihr seit 2000 rund 12.000 Menschen zum Opfer gefallen. Seitdem die Regierung das Vorgehen gegen die Maoisten im Januar 2024 intensiviert hat, haben die Sicherheitskräfte offiziellen Angaben nach 706 von ihnen getötet und 2218 festgenommen. Mehr als 4800 hätten sich ergeben. In der indischen Presse erschienen Bilder von Menschen in grünen und blauen Anzügen, die hinter aufgereihten Gewehren standen. Als Friedenszeichen bekamen sie rote Rosen ausgehändigt.
Wie viele andere Maoisten-Bewegungen auf der Südhalbkugel liegen die Wurzeln des indischen Aufstands in den sechziger Jahren. Auch die westliche Studentenbewegung hielt damals die rote „Mao-Bibel“ in die Höhe. Doch in Ländern wie Peru oder den Philippinen zogen von Mao inspirierte Kommunisten in den bewaffneten Kampf gegen feudalistische Strukturen, den Staat und für eine klassenlose Gesellschaft. In Indien begann der Konflikt mit einem Bauernaufstand im Jahr 1967 gegen Großgrundbesitzer in Naxalbari, einem Dorf am Fuße des Himalajas in Westbengalen. Die Maoisten werden deshalb in Indien auch heute noch als Naxaliten bezeichnet.
Nach der Jahrtausendwende hatten sich die Maoisten einen „roten Korridor“ vom ostindischen Jharkhand bis ins westindische Maharashtra erkämpft. Der damalige Ministerpräsident Manmohan Singh bezeichnete den Aufstand im Jahr 2005 deshalb als Indiens „größte Bedrohung für die innere Sicherheit“. Die Bemühungen seiner Regierung, der Bewegung Einhalt zu bieten, wurden unter der seit 2014 amtierenden Nachfolgeregierung unter Ministerpräsident Narendra Modi intensiviert. Vor zwei Jahren hatte Indiens Innenminister Amit Shah schließlich versprochen, dass der bewaffnete Maoismus bis zum 31. März 2026 ausgelöscht sein werde.
Ganz so ist es nicht gekommen; jedoch konnte Shah einen Tag vor Ablauf des Ultimatums im Parlament verkünden, dass mit Ausnahme einer Person alle Führungskräfte der Kommunistischen Partei Indiens, also der Maoisten, getötet oder festgenommen worden seien beziehungsweise die Waffen niedergelegt hätten. „Der Naxalismus im Land steht nun kurz vor dem Aus . . . Das Land wird informiert, sobald der gesamte Prozess offiziell abgeschlossen ist, aber ich kann sagen, dass wir nun frei von Naxaliten sind“, sagte Shah.
Am vergangenen Wochenende hatte die Polizei in Telangana mitgeteilt, dass sich weitere 47 Maoisten ergeben hätten. Fast alle Untergrundanführer der Bewegung seien mittlerweile „neutralisiert“. „Vor zwei Jahren waren es noch Tausende, jetzt sind es weniger als 150 Bewaffnete. Und diejenigen, die noch dabei sind, werden nicht lange überleben“, bestätigt der ehemalige Guerillakämpfer Jampanna.
Die Maoisten stützen sich auch besonders Benachteiligte
Regierung und Fachleute sehen mehrere Gründe für den Erfolg: ein entschlosseneres militärisches Vorgehen, der Einsatz moderner Technologien, finanzielle Anreize für Überläufer sowie Entwicklungsinitiativen für die armen Hochburgen der Aufstandsbewegung. Jampanna, der mit bürgerlichem Namen Ginugu Narsimha Reddy heißt, hat jedoch den fehlenden Rückhalt im Volk als Hauptursache für das Ende der Aufstandsbewegung ausgemacht. „Die Unterstützung durch die Öffentlichkeit fehlt“, sagt er.
Ein Grund für ihre frühere Stärke lag in der Strategie der Maoisten, ihren Kampf auf die dem indischen Kastensystem zufolge besonders benachteiligten Menschen, die Dalit, die früheren Unberührbaren, sowie die Adivasi, die Angehörigen der indigenen Stammesgruppen, zu stützen. Obwohl sie mit zahlreichen Rohstoffen wie Eisenerz, Kohle und Bauxit gesegnet sind, waren die von diesen Gruppen bewohnten Gebiete vom Staat oft vernachlässigt worden. Mit den Forstbehörden stritten die Adivasi über Waldnutzungsrechte. Seit der Jahrtausendwende rekrutierte sich die Bewegung Jampanna zufolge deshalb zu mehr als 90 Prozent aus den Reihen der Indigenen.
Die Maoisten waren von der Parteiführung angehalten, den Adivasi mit Respekt zu begegnen, berichtet er. In den Aufstandsgebieten konnten sie Jampanna zufolge auf die Hilfe der Landbevölkerung zählen. „Ob Adivasi oder nicht, sie alle haben uns unterstützt“, sagt er.

Von diesen Darstellungen des Ex-Guerillakämpfers abgesehen, fanden sich die Dorfbewohner in vielen Fällen allerdings auch im Zentrum eines brutalen Konflikts. Die Maoisten attackierten Polizei und Forstbehörden, staatliche Schulen und Infrastrukturprojekte. Sie töteten diejenigen, die sich ihnen widersetzten, darunter Ärzte und Krankenschwestern, Lehrer und Journalisten. Und auch gegen die Sicherheitskräfte wurden im Laufe des Konflikts zahlreiche Vorwürfe von Folter und außergerichtlichen Tötungen erhoben.
Über die Gewalttaten, an denen er selbst beteiligt war, will Jampanna nicht reden. „Die Maoisten haben nie irgendwen gefoltert“, sagt er lediglich. Er räumt ein, dass mutmaßliche Polizeiinformanten erst gewarnt, manchmal geschlagen und in einigen Fällen auch getötet worden seien.
Jahrelang Mitglied des Zentralkomitees
Der Mann, der in einem Dorf östlich von Hyderabad geboren wurde und sich im Jahr 1984 den Maoisten anschloss, war jahrelang Mitglied des Zentralkomitees der Partei. Vor seinem Gang in den Untergrund hatte er nach eigener Darstellung eine technische Ausbildung absolviert und in einer staatlichen Fabrik in Hyderabad gearbeitet, bevor er begann, als Untergrundagitator Parolen an Wände zu schreiben.
Danach schloss er sich den Guerillas im Dschungel an. Doch auch wenn er sich vom bewaffneten Kampf mittlerweile verabschiedet hat, verfolgt Jampanna sein Ziel einer kommunistischen Gesellschaft weiter mit anderen Mitteln. Er betreibt seinen eigenen Youtube-Kanal und tritt im indischen Fernsehen auf. Doch der bewaffnete Maoismus war ihm zufolge mit Ausnahme Chinas sonst nirgendwo erfolgreich. „Schau dir Nepal, Sri Lanka, die Philippinen an, nirgendwo hat das seitdem funktioniert“, sagt er.
Die entbehrungsreichen Jahre im Dschungel sieht er trotzdem nicht als vergeudet an. Dalit und Adivasi seien sich ihrer benachteiligten Stellung in der Gesellschaft durch den Kampf der Maoisten bewusster geworden. „Sie erhielten eine Stimme, konnten für sich selbst eintreten, und die Ungerechtigkeiten, unter denen sie zuvor zu leiden hatten, wurden erheblich gemildert“, sagt der frühere Guerillakämpfer.
Für seinen Ausstieg aus dem bewaffneten Kampf hat Jampanna damals vom Staat eine einmalige Prämie von umgerechnet mehr als 20.000 Euro bekommen. „Wie hätte ich sonst überleben sollen?“, fragt er. Mit seiner Ehefrau, die ebenfalls als Maoistin gekämpft hatte, eröffnete er einen kleinen Laden in Hyderabad, in dem die beiden Reis und andere Alltagsprodukte verkaufen. Zudem betrieben sie einige Jahre lang einen Reinigungsservice.
An manchen Tagen verdienten sie ihm zufolge weniger als 800 Rupien, also nicht einmal acht Euro. „Wir haben schwierige Zeiten erlebt“, sagt er. Es wäre ihm zufolge noch besser gewesen, wenn sich die Maoisten schon vor fünfzehn Jahren mit der Regierung geeinigt hätten, als der Niedergang seiner Einschätzung nach bereits begonnen hatte. „Dann wären nicht so viele Menschen gestorben.“
