Da liegt er wieder so allein – der Schuh auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Er ist gut zu sehen, auch im Vorbeirauschen: Mal ist es ein schwarzer Treter, mal ein roter Sneaker, mal ein Kinderschuh mit Klettverschluss. Kaum hat man den Schuh erspäht – meistens ist es nur einer, Paare sind seltener –, beginnt der Kopf zu arbeiten: Wie kommt der dahin? Stammt er aus einem übervollen Altkleidersack? Aus einem Koffer, der nicht richtig schließt, auf einem Dachgepäckträger? Hat ein Kind ihn aus dem Fenster geworfen, weil es sehen wollte, wie er von den nachfolgenden Autos hin und her geflippert wird?
Die Liebhaber von True-Crime-Podcasts stellen sich womöglich vor, der Schuh spiele eine zentrale Rolle in einem verzwickten Entführungsfall. Pessimistisch Gesinnte sind sicher: Was auch immer geschehen ist, um den Schuh an diesen Ort zu bringen, etwas Gutes kann es nicht sein.
„Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine“
Warum triggert der einsame Schuh all diese Fragen? „Der Schuh fällt auf, weil er nicht in die Umgebung passt“, erläutert Ulrich Ansorge, Kognitionspsychologe an der Universität Wien. „Auf einer Autobahn erwartet das Gehirn Asphalt, Leitplanken und Fahrzeuge, keinen Schuh. Er weicht von der Norm ab. Deshalb versuchen wir, uns einen Reim darauf zu machen.“ Denn: Menschen wollen gute Prognosen darüber treffen, was sie in ihrem Umfeld erwartet und worauf sie sich einstellen müssen, um die Welt weniger riskant zu machen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine“, bestätigt Mark Lauckner, Neurowissenschaftler in Leipzig. „Es bildet ständig Erwartungen darüber, wie die Welt aussieht. Gehört etwas nicht hinein, wird ein Vorhersagefehler verzeichnet, ein prediction error.“ Der Kopf will die Lücke schließen. Auch mittels dessen, was das Gehirn zuletzt abgespeichert hat: „Wer am Abend zuvor einen Krimi gelesen hat, denkt eher an ein Verbrechen“, sagt Gedächtnisforscher Lauckner. Taucht der nächste Schuh auf, passiert im Kopf noch mehr. „Beim zweiten Mal beginnt die Suche nach einem Muster. Nun achtet man auf ähnliche Abweichungen und entdeckt immer wieder einen Schuh am Straßenrand.“
Menschen, die an der Autobahn arbeiten, überrascht so ein Anblick freilich nicht mehr. Auf den rund 13.000 Kilometern in Deutschland finden sich oft verlorene Gegenstände, die niemand zählt: Antirutschmatten, Fässer, Geldbörsen – oder eben auch Schuhe. „Wir finden mehrmals die Woche welche auf dem Seitenstreifen“, berichtet Streckenwart Ginel Sufletel von der Autobahnmeisterei Geiselwind über seine Kontrollen auf der A 3 zwischen Würzburg und Nürnberg. „Oft sind es Arbeitsschuhe.“
Die LKW-Fahrer-Theorie
Als Erklärung für den einsamen Schuh wird immer wieder eine Gewohnheit von Lkw-Fahrern angeführt: Die Trucker wechseln beim Einstieg ihre Schuhe, damit sie die Kabine nicht verschmutzen, und stellen die Arbeitsgaloschen auf den Stufen am Führerhaus ab. Werden sie dort vergessen, wehe der Fahrtwind sie bald weg.
Doch Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, widerspricht der gängigen Theorie. Als Student ist er früher selbst Vierzigtonner gefahren und sagt: „Die Schuhe stehen quer im obersten Tritt, sonst müssten die Fahrer auf die schmutzigen Zwischenstufen treten.“ Zudem reichten die Türen in der Regel bis zu den untersten Stufen hinunter, sodass die Schuhe vorm Herabfallen geschützt seien.
Doch davon gebe es gelegentliche Ausnahmen, wie Berufskraftfahrer Tommy Kock erzählt, während er auf dem Rastplatz Medenbach an der A 3 haltmacht: „Bei manchen Herstellern, je nach Modell, besteht die untere Türhälfte nur aus einer Plastikverlängerung.“ Ist die ausgeleiert, könnten Schuhe herunterpurzeln, vermutlich aufgrund der Erschütterungen bei der Fahrt.
Ein Hinweis auf einen Unfall?
Bei anderen Schuhverlusten indes geht es um ein ganzes Paar, zum Beispiel bei Kinderschuhen. Sebastian Gentili, Leiter beim Rettungsdienst DRK Frankfurt, sagt: „Als Papa weiß ich: Kinderschuhe werden beim Umziehen der Kleinen für die Rast gerne aufs Autodach gelegt und bleiben dort auch mal liegen; fährt das Auto los, werden sie schnell aufgewirbelt und landen hinter dem Wagen.“ Auch anderes Schuhwerk von Reisenden kann beim Wechseln auf Parkplätzen auf diese Weise verloren gehen, ob Wanderstiefel oder Pumps. „Oft finde ich erst einen Schuh am Rand und einen Kilometer weiter den zweiten“, berichtet Streckenwart Sufletel. „Meist rollt der in den Graben.“
Trotz solch alltäglicher Ursachen hält sich auch eine dramatischere Vorstellung hartnäckig: Der einzelne Schuh weise auf einen Unfall hin. „Das ist eher ein Mythos“, betont Sanitäter Gentili. „In der Regel gibt es keinen Zusammenhang mit Verletzten. Wenn Zeit ist, werden deren Habseligkeiten danach in eine Tasche gepackt und im Krankenhaus übergeben. Alles Übrige wird später von der Straßenmeisterei aufgeräumt.“
„Es hat ihn förmlich aus den Schuhen herausgehoben“
Dennoch gibt es seltene Situationen, in denen Schuhe bei Unfällen eine Szene prägen. Kim Ben Freigang, Pressesprecher der Polizei Düsseldorf und früher als Polizist auf der Autobahn tätig, erinnert sich an einen Einsatz vor vielen Jahren mit einem verunglückten Fußgänger, der die Fahrbahn hatte queren wollen. Als die Beamten eintrafen, sahen sie ein merkwürdiges Bild: „Seine Schuhe standen da, als hätte der Mann sie abgestellt“, schildert Freigang. „Es hat ihn förmlich aus den Schuhen herausgehoben, als er von dem Pkw erfasst wurde.“
Aufgrund der Wucht des Aufpralls und je nach Kontaktpunkt von Körper und Fahrzeug kann das passieren. „Die Schuhe haben Haftreibung und bleiben stehen, wenn sie nicht fest geschnürt sind“, erklärt Jörg Zganiatz, Unfallanalytiker bei Dekra in Essen. Die leichte Reibespur auf der Fahrbahn zeigt dem Analytiker später, wie viel Zeit einem Wagenlenker blieb, den Menschen überhaupt zu sehen, der da vor seinem Wagen auftauchte. „Bei dem hohen Tempo auf Schnellstraßen fehlt den meisten das Gespür dafür, wie rasch sich ein Auto nähert und sie erfassen kann“, warnt Zganiatz.
Deshalb gilt auch: „Auf keinen Fall sollte jemand, der seinen Schuh oder anderes verliert, versuchen, auszusteigen und den Gegenstand aufzuheben, sondern es direkt der Polizei melden.“ Sichten Polizisten Fundstücke auf der Fahrbahn, bremsen die Beamten deshalb den Verkehr ab, indem sie Schlangenlinien fahren, und sammeln die Gegenstände auf. „Was nicht ins Polizeiauto gepackt werden kann, kommt auf den Seitenstreifen und wird gemeldet, sodass die Straßenmeisterei es zügig wegräumt“, sagt Polizeisprecher Freigang.
Doch auch dieser Dienst ist riskant: Wie Heiko Kemper, Leiter der Autobahnmeisterei Dorsten, berichtet, seien im vorigen Jahr allein in der Region Westfalen fünf Straßenwärter verletzt worden, trotz aller Schutzmaßnahmen. „Wir trainieren zudem mit einem Risikoparcours kritische Situationen, etwa die Arbeit nah am fließenden Verkehr“, sagt er. „Trotzdem kann ich an die Autofahrer nur appellieren, aufzupassen und meine Kollegen zu schützen, ob an Baustellen oder am Fahrbahnrand.“ Zugleich bringt sich in Lebensgefahr, wer als Autoinsasse bei einer Panne auf dem Seitenstreifen bleibt. „Vielmehr das Fahrzeug verlassen, Schutzweste an, hinter die Leitplanke und die 110 anrufen“, rät Polizeisprecher Freigang. „Wir sichern ab und kümmern uns um den ADAC.“
Den Schuh am Straßenrand von eigenen Erlebnissen trennen
Einige Menschen führt der überraschende Anblick eines einsamen Schuhs sogar zu existenziellen Fragen. Plötzlich macht der Schuh sichtbar, wie zerbrechlich alles ist. Wie sich von einem Moment auf den anderen alles verändern kann. „Solche persönlichen Dinge in Sichtweite, nur fünf Meter entfernt, reißen viele Betrachter aus ihrem gewohnten Trott und wirken stärker auf sie als die Radionachricht vom Unfall“, sagt Stephan Koch, Vorsitzender der Bundeskonferenz Katholische Notfallseelsorge.
„Der Schuh erinnert daran, dass hinter ihm ein Leben wie das eigene steht.“ Bevor solche Gedanken aber übermächtig und beklemmend werden, empfiehlt Seelsorger Koch, den Schuh am Straßenrand von eigenen Erlebnissen zu trennen. Er sagt sich etwa: „Das ist nicht der Sneaker von einem Einsatz, sondern ein anderer, mit einer eigenen Geschichte – und die male ich mir aus, gerne etwas Romantisches.“
