Beim Fotoshooting im Städel zieht Samuel Gärtner die Blicke der Besucher auf sich. Während die Kamera unaufhörlich blitzt, posiert der Modedesigner in der Galerie des Frankfurter Museums. Stoisch, unbeeindruckt. Im fast monochromen Look: braunes Hemd mit schwarzer Krawatte, braune Kappe und Stoffjacke, schwarze Schnürstiefel. Dazu Creolen und mehrere Ringe, einer davon mit einem riesigen lilafarbenen Stein. Der Blick zeigt keine Regung, die vielen Stofflagen lassen ihn unnahbar wirken.
Und doch: Eine Besucherin fragt, ob sie ein Foto von ihm machen darf. „So was Fotogenes“, entfährt es ihr, als sie ihr Handy vor sein Gesicht hält. Drei Teenager schleichen um ihn herum, tuscheln, machen heimlich Fotos. Schließlich fragen sie seinen Assistenten Christian Marques, der die schwarze, kastenförmige Gucci-Tasche des Designers trägt, wer da denn eigentlich fotografiert werde. Marques filmt an diesem Tag alles mit, für die Social-Media-Kanäle des Designers.
„Ich bin eigentlich nicht dafür geboren, in der Öffentlichkeit zu stehen“, sagt Gärtner später im Gespräch. „Ich weiß aber auch, dass ich es machen muss, um meinen Traum zu leben.“ Als „Frankfurter Bub“, wie er sich selbst bezeichnet, ist er in Hessen verwurzelt, gleichzeitig aber „irgendwie überall zu Hause“. Er designt Kleidung für Modenschauen in Paris und Los Angeles, hat sein Atelier aber immer noch auf dem Pferdehof seiner Eltern im Main-Kinzig-Kreis.
Fast alle Teile der Hessen-Kollektion ausverkauft
Nun hat der 27 Jahre alte Designer eine Modekollektion für das Land Hessen entworfen, passend zum neuen Hessen-Logo. Der blauweiße Löwe, gestaltet von der Agentur Ogilvy, soll dem Land ein moderneres Image verpassen. Um etwas Glamour nach Hessen zu bringen, hat die Landesregierung zusätzlich Gärtner beauftragt, die hessische Vision mit der Nähnadel umzusetzen.
Auf Jacken und Taschen Gärtners prangt das Wappen mit dem zotteligen Löwen, auf Krawatten und Hosen finden sich übergroße „Hessen“-Schriftzüge. Manche bestehen aus fluffigem Fellimitat, natürlich in den Landesfarben. Rot, Blau, Gold, Weiß. Fast alle Teile der Kollektion, deren Preise zwischen 39 Euro für eine Schlüsselkette und 189 Euro für eine Bomberjacke rangieren, sind schon ausverkauft. „Dass das so einschlägt, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Gärtner.
Bei einer Modenschau im März, zu der auch Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) kam, hatte Gärtner die Verkaufsartikel sowie speziell für die Show angefertigte Einzelstücke gezeigt. Manche seiner Models sind ehemalige Kandidaten der Castingshow „Germany’s Next Topmodel“, andere sind Freunde oder Familienmitglieder. Für die musikalische Begleitung der Schau sorgten Frankfurter Opernsänger sowie Techno-DJ Chany Dakota, Influencerin und gute Freundin von Gärtner. Man profitiert voneinander im Business.
„Ich bin ein absoluter Marketing-Freak“
Das neue Hessen-Logo hat angesichts der hohen Kosten von 526.000 Euro an vielen Stellen Kritik an der Landesregierung hervorgerufen. 127.000 Euro davon entfallen auf die Modekollektion und die dazugehörige Fashionshow. Mithilfe der Kooperation mit Gärtner habe man neue Zielgruppen und vor allem junge Menschen ansprechen wollen, sagte ein Sprecher der Hessischen Staatskanzlei auf Anfrage. Die Preise für die erwerbbaren Kleidungsstücke seien so gestaltet worden, dass neben den Produktions- und Vertriebskosten „nur ein geringer Aufwandsaufschlag erfolgte“. Die Gewinne verblieben beim Designer, das Land sei daran nicht beteiligt.

Die Modenschau hat Gärtner in Eigenregie konzipiert und umgesetzt, von der Locationsuche übers Casting bis zur Auswahl von Musik und Gästeliste. Vermarktung habe für ihn schon immer eine große Rolle gespielt. „Meine große Leidenschaft neben der Mode ist das Marketing. Ich bin ein absoluter Marketing-Freak“, sagt der in Frankfurt geborene Designer. Bevor er vollends in die Modebranche eingestiegen ist, besuchte er als Influencer Fashionshows und baute seinen Social-Media-Auftritt aus. Heute hat er auf Instagram mehr als 100.000 Follower.
Es ist dieses Vermarktungstalent, das ihn auch als Modedesigner nach vorne gebracht hat. In Frankfurt hat er seine Mode schon an vielen prominenten Orten gezeigt: Senckenberg-Museum, Palmengarten, Eiserner Steg, Städel-Museum. Dort fand das Fotoshooting für seine erste Kollektion statt. Das habe ihm viele Türen geöffnet, sagt Gärtner.
Stadt sperrte für Modenschau den Eisernen Steg
Immerzu lässt er sich für seine Designs auch von der jeweiligen Location inspirieren. Sein Vorbild ist Karl Lagerfeld, der für seine Chanel-Shows einen Eisberg von Island nach Paris transportieren ließ oder seine Models in einem nachgebauten Supermarkt auf den Laufsteg schickte. „Das ist auch der Grund, warum ich immer solche Locations auswähle“, sagt Gärtner. „Dieses Theatralische. Es geht nicht nur um Mode, sondern um das Gesamtkunstwerk.“
Seine erste Kollektion präsentierte er anlässlich der Frankfurt Fashion Week 2021 im Senckenberg-Museum, mit damals 23 Jahren. Nachdem er die Ankündigung für die Fashion Week gesehen hatte, habe er bei der Stadt und dem Museum angefragt. Mit Erfolg. Vor rund 100 geladenen Gästen liefen einige Monate später die Models zwischen Dinoskeletten über den Laufsteg. 30 Looks, viel Tüll und Leoprint. Seine Eltern unterstützten ihn bei der Finanzierung, Freunde halfen bei den Vorbereitungen für die Show.
Für Gärtner, der seinen Modestil als eine „Mischung aus Couture und Streetstyle“ beschreibt, ist das Entwickeln neuer Ideen vor allem ein Ausprobieren. Mal ist das Karomuster Taktgeber, mal der Filzstoff, mal die Farbgebung der Gemälde im Museum: „Ich setze mir keine Grenzen, auch nicht in der Mode. Ich liebe es, eine Baggy-Jeans zu tragen und dazu ein Sakko.“
Zur Frankfurt Fashion Week 2022 sperrte die Stadt für seine Modenschau sogar den Eisernen Steg am Mainufer. Ein „riesiger Meilenstein“, wie Gärtner selbst sagt. Diese Kollektion war, im Gegensatz zu den animalischen und floralen Prints im Senckenberg-Museum und im Palmengarten, von geraden Linien geprägt, von Kunstleder, Seide und Filz. Im Stil der Sechzigerjahre, gefärbt wie bunte Knallbonbons. In der Öffentlichkeit erfuhr die Show mit mehr als 300 Gästen große Aufmerksamkeit. Nie zuvor war der Eiserne Steg für ein solches Event gesperrt worden.
Erstes Kleidungsstück in der Waldorfschule genäht
Ohne die Unterstützung seiner Eltern hätte er all das nicht geschafft, gibt Gärtner freimütig zu. Seine Familie betreibt seit vier Jahren ein Gestüt, auf dessen Gelände sich auch sein Atelier befindet. Der Vater, IT-Manager, hat die erste Website des Jungdesigners gebaut, die Mutter sei neben Assistent Marques seine „zweite rechte Hand“. Schon früh förderte sie die Kreativität ihres Sohnes. Den Großteil seiner Kindheit habe er in Frankfurt verbracht, sagt Gärtner. So war er in der musikalischen Früherziehung und im Kinderchor der Oper, bis er in den Stimmbruch kam. „Ich bin auf der Bühne groß geworden und nur zum Schlafen nach Hause gegangen.“

Sein Talent für die Textilarbeit hat Gärtner in der Waldorfschule entdeckt. Stricken, Häkeln, Sticken, Nähen. Die ganze Palette. Das Erste, was er je genäht hat, war ein schwarzer Teddybär, in der vierten Klasse. Das erste Kleidungsstück eine Boxershorts. Die Schule habe er jedoch vor dem Abitur abgebrochen, weil ihm das starre Konzept nicht gelegen habe. „Ich war viel zu individualistisch und wollte mein eigenes Ding machen.“ Doch welche Interessen er weiter verfolgen wolle, das war ihm lange nicht klar. Sollte es das Schauspiel sein? Oder der Gesang?
Nachdem er eine Weile im Einzelhandel gearbeitet hatte, entschied er sich, ein Praktikum in einem New Yorker Mode-Showroom zu machen. Als die Corona-Pandemie kam, musste er jedoch vorzeitig nach Hause zurückkehren. Ein Schlüsselmoment: Er holte die Nähmaschine hervor, die er seit der Schulzeit nicht mehr genutzt hatte. Daran erinnert er sich noch genau. Dass er schon ein Jahr später seine eigene Kollektion im Senckenberg-Museum präsentieren würde? Ein Gedanke, der damals noch in weiter Ferne lag.
Was folgte, waren nicht nur Fashionshows, sondern viele weitere Kooperationen. Vor zwei Jahren wurde Gärtner Markenbotschafter der Footballmannschaft Frankfurt Galaxy. Aus recycelten Trikots stellte er Kleider und Bucket Hats her, die er auch bei der Paris Fashion Week zeigte. Und bei „Germany’s Next Topmodel“ suchte er im Fernsehen Kandidaten für seine Modenschau: „Das war einer meiner Fiebertraum-Momente, als ich morgens aufgewacht bin und die E-Mail-Anfrage von der Produktionsfirma im Postfach hatte.“ Diesen Fernsehauftritt feierte er später bei einer Watch-Party mit rund 100 Freunden und Fans.
Großer Traum: eine Modekollektion für „Die drei Fragezeichen“
Mittlerweile kann Gärtner von seinen Designs leben, seit rund eineinhalb Jahren. Den Großteil seiner Einnahmen erzielt er nicht durch den Verkauf, sondern durch Auftragsarbeiten für den roten Teppich oder für Bühnenoutfits. Zu kaufen gab es neben der Hessen-Kollektion bisher nur eine Kollektion von Badelatschen, die im Look der vier Jahreszeiten gestaltet war: Kirschblüten, Rosen, Laub und Schneeflocken.
Eines der größten Highlights seiner bisherigen Karriere: Im vergangenen Jahr stattete er die Sängerin Nelly Furtado („Maneater“) für ihre Konzerttour aus. Dabei habe er die Kleidung nach den Wünschen von Furtado geschneidert und sie bei den Tourstopps in Deutschland begleitet. Was wünscht sich eine Musikerin, die aus dem Vorwurf der Promiskuität einen Songtitel macht? Nadelstreifen und Geschnürtes im Liz-Hurley-Gedächtnislook. Und Korsage mit Kapuze, auf deren Stoff unzählige Male der Name des Designers geschrieben steht.
Auch wenn es für Gärtner Schlag auf Schlag geht, ein paar Träume hat er noch: Kostüme für die Frankfurter Oper designen oder eine Modekollektion für „Die drei Fragezeichen“ entwerfen. Deren Geschichten höre er am liebsten beim Schneidern in seinem Atelier auf dem Pferdehof.
Ich bin stolz, dass ich aus Hessen komme“, sagt er. Auch deshalb sei die Gestaltung der Hessen-Kollektion ein Herzensprojekt für ihn gewesen. „Ich fühle mich an vielen Orten zu Hause, und trotzdem bin ich Lokalpatriot.“ Entgegen der mondänen Aura, auf die er setzt, bekundet Gärtner auch sein lokales Selbstverständnis. So passen Pferdehof und Bodenständigkeit zu Extravaganz und Inszenierung.
