
Belén Garijo weicht keine Sekunde von ihrem Skript ab. Auch nicht während ihres letzten Auftritts als Chefin des Pharmakonzerns Merck in der Hauptversammlung am vergangenen Freitag. Keine großen Emotionen. Vielmehr eine nüchterne Rede, die schon vor gut einer Woche auf der Internetseite veröffentlicht wurde. Und dabei bleibt es.
Die Spanierin, gewohnt elegant in einem weißen Hosenanzug, geht auf den letzten Metern auf Nummer sicher. In der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst trägt sie konzentriert vor, wie sie das Unternehmen von 2021 an durch Krisen hindurch als „Covid-CEO“ geleitet hat, als entschieden wurde, nach Forschungsrückschlägen in der Pharmasparte den Fokus zu schärfen, auf seltene Erkrankungen. Merck sei nun stark aufgestellt. „Wenn ich heute hier stehe, blicke ich mit Dankbarkeit und Stolz zurück“, betont Garijo.
Und dann überreicht sie ihrem Nachfolger Kai Beckmann feierlich das „Zepter“. Ein türkisfarbenes, breites Merck-M. Ein dankbares Motiv für die Fotografen. Die erste Dax-Solo-Vorstandschefin in der deutschen Wirtschaftsgeschichte lächelt freundlich, während Beckmann und der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Kleinemeier ihre „außerordentliche Fach- und Führungskompetenz“ in „herausfordernden Zeiten“ loben.
„Da brennt jemand für etwas“
Fast 15 Jahre arbeitete Garijo für den Darmstädter Pharmakonzern, zunächst als Geschäftsführerin für den Bereich Biopharma, dann als CEO für die Healthcare-Sparte, bevor sie zur Konzernchefin berufen wurde. Ende April scheidet sie aus, aufgrund der geltenden Altersgrenze von 65 Jahren. Im Juli wird sie 66. Aber Garijo hört nicht auf. Von Ruhestand keine Spur. Sie macht weiter auf einem Posten, der zwar keine „mission impossible“ ist, aber schon ein wenig in diese Richtung tendiert. Warum jetzt Sanofi? Und welches Fazit lässt sich mit Blick auf ihre Karriere in Deutschland ziehen?
Das hängt wie immer stark davon ab, wen man fragt. Ehemalige Wegbegleiter loben ihr „Energielevel“. Sie sei immer klar ausgerichtet auf das Ziel und verfolge ihren Weg mit Leidenschaft. „Da brennt jemand für etwas.“ Garijo selbst beschrieb ihren Führungsstil in einem Gespräch mit der F.A.Z. im vergangenen Dezember als „stark auf die Mitarbeiter ausgerichtet, ziemlich direkt, offen und auch fordernd“. Dabei sei sie gleichzeitig „kooperativ und konstruktiv“.
In der Jahrhunderthalle nehmen ihr das nicht alle ab. Eine Aktionärin, die selbst mehr als 30 Jahre für Merck gearbeitet hat und das Unternehmen gut kennt, fällt ein wenig schmeichelhaftes Urteil. Die Authentizität und der Spirit des einstigen Familienunternehmens seien abhandengekommen. Ihre Hoffnung: dass mit Garijos Nachfolger Kai Beckmann, der schon seine Ausbildung im Hause Merck absolviert hat, mehr von der einstigen Identität zurückkehrt.
Nur vom Papier abgelesen
Den Ehemann der Garijo-Kritikerin stört das „Powerpoint-Gelaber“ der Spitzenmanagerin. Auf kritische Nachfragen habe die Merck-Chefin während der Generaldebatte vom hereingereichten Papier abgelesen, ohne den Blick ins Publikum zu richten. Der Aktionär findet das respektlos. „Wenn der Aktienkurs so schlecht ist, kann man sich nicht einfach hinstellen und Floskeln vortragen.“ Tatsächlich ist der Kurs der Merck-Aktie im Jahr 2025 um mehr als zwölf Prozent gefallen, während der Dax im selben Zeitraum um 23 Prozent gestiegen ist.
Positiver äußern sich zwei andere ehemalige Mitarbeiter, die ebenfalls Merck-Aktien besitzen. Garijo habe einen guten Job gemacht, die Pharmasparte habe sich unter ihrer Führung gut entwickelt, heißt es da. Ein anderer Anteilseigner verweist auf die nach seiner Ansicht schwachen Umsatzzahlen, 21,1 Milliarden Euro im Vorjahr, und die unterdurchschnittliche Kursentwicklung. „Dafür ist sie auch ein Stück weit verantwortlich.“ Grundsätzlich begrüßt er, dass Garijo den Konzern fünf Jahre am Stück geführt hat, während in anderen Unternehmen Manager häufig wechselten.
Es sind einzelne Stimmen, doch sie machen deutlich: Garijo hat in Darmstadt weder alles richtig noch alles falsch gemacht. Eigentlich wäre das ein guter Zeitpunkt gewesen, sanft und unauffällig in die Rente zu gleiten. Doch die Managerin will es noch einmal wissen. Mitte Februar kündigte Sanofi zur großen Überraschung vieler Branchenexperten an, dass sie die Leitung des französischen Pharmariesen übernehme.
Die Erwartungshaltung ist groß
Am Ende einer langen Karriere erwartet die Spanierin damit noch einmal eine Mammutaufgabe. Sanofi ist das größte Pharmaunternehmen in der EU und erwirtschaftete vergangenes Jahr mit rund 44 Milliarden Euro mehr als doppelt so viel Umsatz wie Merck. Gewählt werden soll Garijo auf der Hauptversammlung am Mittwoch. Als sie im September ihren Rücktritt bei Merck ankündigte, war den wenigsten bekannt, dass der Sanofi-Chefsessel überhaupt frei werden könnte.
Heute weiß man: Der Verwaltungsrat sondierte seit Mitte 2024. Denn so sehr die Strategie des seit 2019 amtierenden Geschäftsführers Paul Hudson auch überzeugte, Sanofi voll auf innovative Impfstoffe und Immunologie auszurichten – die Ergebnisse des Briten taten es nicht. Im Februar setzte ihn der Verwaltungsrat kurzerhand vor die Tür. Sanofi wird seither interimsmäßig vom langjährigen Vorstand Olivier Charmeil geführt.
Ein Selbstläufer wird der neue Posten für Garijo nicht. Die Erwartungshaltung ist groß, und die schnelllebige Pariser Konzernwelt mit ihrer Politisierung und ihren Seilschaften kann gerade für ausländische Manager zur Schlangengrube werden. Auch das wurde Hudson zum Verhängnis. Persönlich für seine freundliche und uneitle Art geschätzt, wurde der Brite den Erwartungen des Verwaltungsrats, dem Frédéric Oudéa vorsitzt, nicht gerecht. Die klinischen Ergebnisse blieben durchwachsen, bestechende Akquisitionen blieben aus. Der Aktienkurs Sanofis entwickelte sich zuletzt deutlich schwächer als der vieler Pharmakonkurrenten.
Fünf entscheidende Jahre für Sanofi
Mit L’Oréal entzog ihm dem Vernehmen nach ein wichtiger Aktionär den Rückhalt. Der französische Kosmetikriese hält rund 7,3 Prozent der Kapitalanteile sowie 13 Prozent der Stimmrechte an Sanofi und stellt zwei Verwaltungsratsmandate. L’Oréal will die Angelegenheit nicht kommentieren. Der starke Einfluss des Konzerns auf Hudsons Abgang – und auf Garijos Nominierung – gilt aber als offenes Geheimnis. Man kennt und schätzt sich. Zwischen 2014 und 2024 saß die Spanierin im Verwaltungsrat von L’Oréal.
Doch nun muss Garijo den Erwartungen gerecht werden, und längst nicht alle Aktionäre sind im L’Oréal-Lager. Dass ihre Bilanz bei Merck nicht herausragend ist, hat sich herumgesprochen. Manche sehen deshalb nicht einmal ihre Wahl als ausgemacht. Auf der Sanofi-Hauptversammlung muss für Garijo schließlich erst einmal die Altershöchstgrenze des Vorstandsvorsitzenden von aktuell 65 Jahren angehoben werden.
Dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit. Sollte sie verfehlt werden, wäre das Chaos groß – und dann könnte sich wohl auch Oudéa nicht länger an der Spitze des Verwaltungsrats halten. Auch er genießt in Paris nach vielen bleiernen Jahren an der Spitze der Großbank Société Générale keinen makellosen Ruf.
Wenn Garijo wiederum wie geplant gewählt wird, wird sie sich unter Hochdruck der Innovationspipeline widmen müssen. Sanofis Abhängigkeit vom Kassenschlager Dupixent besorgt Investoren immer mehr. Das zur Behandlung von Asthma und Neurodermitis verwendete Medikament ist aktuell der einzig große Wachstumstreiber der Franzosen – und 2031 läuft das Patent aus. „Uns bleiben fünf entscheidende Jahre, um die Zukunft von Sanofi zu gestalten“, hatte Oudéa vor dem Hintergrund nach Hudsons Entlassung in der Zeitung „Les Echos“ erklärt.
Auf F.A.Z.-Anfrage präzisierte der Konzern nun, dass es fortan eine „strengere Priorisierung“, „diszipliniertere Kapitalallokation“ und „verstärkte Fokussierung auf die vielversprechendsten Programme“ brauche. Das und die „Suche nach einem Führungsprofil, das wissenschaftliche Erfahrung und Umsetzungsstärke vereint“, hätten die Überlegungen des Verwaltungsrats geleitet.
Eine Medizinerin als naheliegende Wahl
Garijo erscheint da als Nachfolgerin des Betriebswirts Hudson als naheliegende Wahl. Als studierte Medizinerin arbeitete sie zunächst als Internistin an einem Universitätsklinikum in Madrid, wo sie auch klinische Forschung betrieb. Über den Arzneimittelhersteller Abbott stieg Garijo 1989 in die Pharmaindustrie ein. Es folgten Stationen bei Rhone-Poulenc und Sanofi – zu letzterem Unternehmen kehrt Garijo nun also zurück.
Wie lange sie nach erfolgter Wahl bei Sanofi bleibt, ist freilich ungewiss. Auf Konzernseite betonte man ausdrücklich, dass sie als vollwertige Vorstandschefin ausgewählt worden sei, „nicht als Übergangslösung“. Viele Beobachter erwarten aber eine überschaubare Amtszeit, ehe ein jüngerer Nachfolger übernimmt. Interne Kandidaten soll es geben. Aber keine mit der nötigen Reife.
