
Der Staatsbesuch König Charles III., der eigentlich eine herzliche Freundschaftsgeste im 250. Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten (von Großbritannien) hätte sein sollen, ist durch aktuelle Umstände mit Brisanz aufgeladen worden. Seit Monaten schon hängt der Schatten des amerikanischen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein über der Visite des Monarchen, dessen jüngerer Bruder Andrew eng mit dem einschlägig Verurteilten befreundet war und selbst eine Minderjährige sexuell missbraucht haben soll.
Der König handelte zu Hause hart gegen seinen Bruder, entkleidete ihn aller Titel und Ehren und steckte ihn auf seinem Anwesen Sandringham in eine Art Exil. Den jüngst erhobenen Forderungen weiterer Opfer Epsteins (und derer Anwälte), Charles möge sich doch während seines Besuches mit ihnen treffen, wollte der Monarch nicht nachkommen.
Der Buckingham-Palast ließ wissen, es seien ja noch allerhand juristische Verfahren anhängig – unter anderem gegen einen anderen einstigen Freund Epsteins, den ehemaligen Lord Peter Mandelson, gegen den in London wegen möglichen Fehlverhaltens im Amt ermittelt wird – und da müsse der König sich von jeder Geste und Meinungsäußerung fernhalten. Mandelson war zudem bis zu seiner Entlassung im Zuge der Veröffentlichung der Epstein-Akten der britische Botschafter in Washington.
Ein weiterer heikler Umstand für den König liegt darin, dass das Ansehen Großbritanniens in den Augen des aktuellen US-Präsidenten drastisch fiel, nachdem sich die britische Labour-Regierung geweigert hatte, am amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran mitzuwirken oder für diesen Angriff auch nur die Nutzung amerikanischer Stützpunkte auf britischem Territorium zu erlauben. Donald Trump ließ seither kaum eine Gelegenheit zu demütigenden und herabsetzenden Bemerkungen über den britischen Premierminister Keir Starmer und dessen Regierung aus. So antwortete Trump etwa auf die Frage eines Fernsehmoderators, ob denn die „spezielle Verbindung“ zwischen beiden Ländern Schaden genommen habe, was für eine spezielle Verbindung da bloß gemeint sei.
Trump baut auf den König
Das jüngste Attentat auf Trump hat auch Auswirkungen auf Charles’ Besuchsprogramm, der Buckingham-Palast wollte den Vorfall aber nicht zum Anlass nehmen, die Visite ganz zu verschieben. Es scheint so, als habe das den attackierten Präsidenten in seinem Urteil über die Briten eher wieder milde gestimmt; jedenfalls lobte er die „Tapferkeit“ des Königs, da dieser an seinen Reiseplänen festgehalten habe. Schon vorher hatte Trump angegeben, er glaube, dass der britische Monarch das Ansehen Großbritanniens in der amerikanischen Administration wieder heben könne – und das ist exakt die Botschaft, die der König auch zu vermitteln trachtet.
In seiner Ansprache vor beiden Kammern des Kongresses wird der König – so ließ es der Palast vorab verlauten – zunächst sein Mitgefühl für Trump äußern, um dann versöhnliche Töne anzustimmen: Immer wieder hätten beide Nationen Wege gefunden, um zueinanderzukommen; auch jetzt seien „Versöhnung und Erneuerung“ gefragt. Charles wird laut Mitteilung die Mahnung anschließen, dass es in diesen Zeiten großer internationaler Herausforderungen notwendiger denn je sei, zusammenzustehen und demokratische Werte zu verteidigen. Und das britische Staatsoberhaupt wird auch die Rolle der NATO rühmen, auf die Großbritannien nach seinem Austritt aus der EU als Sicherheitsgerüst noch stärker angewiesen ist.
Gegen die aktuellen Zweifel Trumps am Sinn des Bündnisses wird der König die Aussage setzen, dass die transatlantische Allianz auf einem Fundament ruhe, das aus einem Ethos der Großzügigkeit und der Verpflichtung bestehe, Mitgefühl zu hegen, den Frieden zu fördern, gegenseitiges Verständnis zu vertiefen und Gemeinschaften jedes oder keines Glaubens wertzuschätzen.
Erst vor knapp sechs Monaten hatte Charles III. den amerikanischen Präsidenten zu dessen zweitem Staatsbesuch in Windsor empfangen. Damals nahm der König Gelegenheit, mit seinem Gast über den Schutz der Umwelt und die Bewahrung der Natur zu sprechen. Mittlerweile sind andere Themen in den Vordergrund gerückt.
