Wenn wir Fußballfans in diesem Jahr nur noch ein Fußballspiel sehen könnten, für welches würden wir uns entscheiden? Die einen würden sagen: Für das Finale der Weltmeisterschaft. Die anderen würden sagen: Für das Finale der Champions League.
Doch wenn wir nicht das populärste und auch nicht das prestigeträchtigste, sondern das beste Spiel sehen wollen, dann dürften wir uns weder für das eine noch für das andere entscheiden. Dann müssten wir an diesem Dienstag in den Parc des Princes in Paris schauen.
Es ist die absolute Ausnahme, wenn das letzte Spiel eines Wettbewerbs auch das beste wird. In diesem Jahrzehnt – sechs Jahre sind eine kleine, aber keine zu kleine Stichprobengröße – haben wir das in den aus europäischer Sicht drei wichtigsten Ereignissen (WM, EM, Champions League) immer wieder gesehen. Die Ausnahme: Das Finale 2022 zwischen Argentinien und Frankreich war nicht nur das beste Spiel der Weltmeisterschaft in Qatar, sondern möglicherweise sogar aller bisherigen Weltmeisterschaften.
„Die beiden besten in Europa“
Damals haben sich zwei der größten Spieler der Gegenwart, Lionel Messi aus Argentinien und Kylian Mbappé aus Frankreich, zu Höchstleistungen angetrieben. Obwohl dieses Spiel erst im Elfmeterschießen entschieden wurde, obwohl Messi und die Argentinier nach mehr als 120 Spielminuten gewonnen haben, hat es seinen Höhepunkt schon in der 82. Spielminute erreicht, als der Ball in den argentinischen Strafraum flog und Mbappé, der zwei Minuten davor das Tor zum 1:2 geschossen hatte, den Ball noch in der Luft mit dem rechten Fuß traf, mit einer Bewegung, als wäre er Neo aus Matrix, als würde das Spiel nur für ihn stillstehen. Schuss, Tor, 2:2.
So einen Treffer hat es danach nicht mehr gegeben, und vielleicht wird es das auch nicht mehr, weil dafür beides gegeben sein muss: ein großer Spieler, der so einen Moment erzeugt, und ein Moment, der so einen großen Spieler erfordert.
Es ist allerdings nicht nur mit Mbappé und Messi zu erklären, warum das Finale 2022 die absolute Ausnahme war. Die hinreichende Bedingung bestand darin, dass Argentinien damals in der 36. Spielminute schon mit 2:0 führte. So musste der französische Trainer Didier Deschamps etwas machen, das die meisten Trainer in einem Endspiel nicht machen wollen: ins Risiko gehen. In der 43. Spielminute wechselte er die Stürmer Ousmane Dembélé und Olivier Giroud aus, was schon deswegen mutig war, weil Deschamps damit auch einen Fehler eingestand. Doch mit dem Risiko kam dann der Rausch. Und das ist auch die Erklärung dafür, warum im Parc des Princes in Paris jetzt das beste Fußballspiel des Jahres stattfinden könnte.
Wenn dort an diesem Dienstag (21 Uhr, Amazon Prime Video) das erste Halbfinalspiel der Champions League angepfiffen wird, werden mit Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München die Fußballmannschaften aufeinander losgehen, die Joshua Kimmich „die beiden besten in Europa“ genannt hat. Er mag als stellvertretender Kapitän der Bayern zwar kein unbefangener Zeuge sein, aber: Keine weiteren Fragen, Euer Ehren!

Der Fall ist eindeutig, und wie immer, wenn er das ist, scheinen viele gerichtlich verpflichtet zu sein, von einem „vorgezogenen Finale“ zu sprechen oder zu schreiben. Sollten sie damit Enttäuschung darüber ausdrücken, dass dieses Duell noch nicht das Finale ist, wäre die Enttäuschung nicht nachvollziehbar. Wir können uns darüber freuen, dass Paris und München sich nicht in einem Finalspiel, sondern in zwei Halbfinalspielen messen müssen. Weil dadurch die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass die beiden besten Mannschaften auch das beste Spiel bestreiten werden.
Die spektakulären Halbfinals der vergangenen Jahre
Mit 180 statt 90 Spielminuten steigt die Risikobereitschaft der meisten Trainer. Sie können mindestens im Hinspiel sehr mutig sein, weil ihre Teams sich einen Fehler erlauben dürfen. Und wenn sie sich im Hinspiel eigentlich einen Fehler zu viel erlaubt haben, müssen sie im Rückspiel sogar sehr mutig sein. So wie der FC Liverpool, der 2019 das Hinspiel gegen den FC Barcelona 0:3 verloren, das Rückspiel dann aber 4:0 gewonnen hat.
Das waren spektakuläre Halbfinalspiele, genauso wie Manchester City gegen Real Madrid (2022 und 2023) und Inter Mailand gegen Barcelona (2025). Ins Halbfinale schafft man es nicht mit Losglück und nicht mit Spielglück, ins Halbfinale bringt einen nur Können. Und dadurch, dass die besten Klubmannschaften besser spielen als die besten Nationalmannschaften, ist die Chance besonders hoch, dass das beste Fußballspiel des Jahres sich auch 2026 im Halbfinale der Champions League ereignet.
In dieser Saison gibt es dort neben dem deutsch-französischen noch ein englisch-spanisches Duell: Der FC Arsenal spielt gegen Atlético Madrid (Mittwoch, 21 Uhr, DAZN). Das sind sehr gute Mannschaften, die auch beide ein Finale gegen München oder Paris gewinnen können, aber in diesem Halbfinale wird im Vergleich mit dem anderen weniger Spektakel erwartet, weil beide weniger ins Risiko gehen. Und weil sie Spieler haben, die auf ihre Art und Weise spektakulär sind (Antoine Griezmann!), aber dann doch nicht so wie der Stürmer Michael Olise aus München, der in dieser Saison vielleicht der spektakulärste der Welt ist. Oder wie die drei Stürmer aus Paris.
Warum PSG besser als Madrid ist
Ousmane Dembélé, Désiré Doué, Chwitscha Kwarazchelia – das sind wegen ihrer Geschwindigkeit drei der gefährlichsten Spieler, wenn es darum geht, eine Mannschaft zu überfallen, die zu sehr ins Risiko geht. Mit wie viel Risiko die Bayern spielen, war gerade erst im Viertelfinale gegen Real Madrid zu sehen, als sie sich im Rückspiel drei Gegentore in der ersten Halbzeit eingefangen haben.
Doch Paris ist nicht Madrid, Paris ist besser, deutlich besser sogar. Weil sie nicht nur überfallen, sondern auch kontrollieren können. Dafür sorgen dann die Mittelfeldspieler João Neves und Vitinha, der nach einer Verletzungspause (Fersenentzündung) am Dienstag vermutlich wieder in der Startelf stehen wird. Und auch wenn sie in dieser Saison in der Gruppenphase schon gegen Paris gespielt und trotz 45 Minuten in Unterzahl auch gewonnen haben, kann man sagen: So einen Gegner, wie sie an diesem Dienstag haben werden, haben die Kompany-Bayern noch nicht gehabt.
Man muss dann aber auch noch sagen, dass die Kompany-Bayern im Parc des Princes das erste Mal in dieser Saison nicht die Kompany-Bayern sein werden. Dort wird ihr Trainer, Vincent Kompany, wegen einer Gelbsperre nämlich nicht an der Seitenlinie stehen dürfen. Und wenn er dann auf der Tribüne sitzt, wird er ein Spiel sehen, in dem so großes Potential, aber auch ein Risiko steckt: Dass trotz der Rekorde, die seine Mannschaft aufgestellt hat, aus einer sehr guten Saison keine sehr, sehr gute mehr werden kann.
