
Tobias Averbeck klingt am Telefon ziemlich leidenschaftlich, wenn er fordert, man müsse emotionslos sein. Er redet von der Energiewende, die manche in Berlin gerade abwenden wollen. Aber das fände Averbeck nicht gut. Er ist Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Bakum im Landkreis Vechta. Und er findet, dass manche gerade mitten in einer Energiekrise die Chance vertun, unabhängiger zu werden von Öl und Gas, das mit Tankern über Pipelines herangeschafft werden muss. In Bakum hat er da begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Und er fürchtet, diese könnten aus Berlin weiter eingeschränkt werden, wo die Bundesregierung nicht mehr geschlossen zur Energiewende zu stehen scheint.
Wie Averbeck geht es einigen Bürgermeistern im Land. Gut 600 von ihnen haben der Verein Heimatwurzeln, der sich für „bürgerlichen Klimaschutz“ einsetzt, und die Initiative Klimaneutrales Deutschland befragt. 65 Prozent der Bürgermeister stimmten voll und ganz oder zumindest eher zu, dass in Sachen Energiewende die „Kommunikation der aktuellen Bundesregierung der Akzeptanz vor Ort schadet“. An diesem Mittwoch soll die Studie vorgestellt werden, der F.A.Z. lag sie vorab vor. Demnach betonen vier von fünf Bürgermeistern auch, dass es bei ihnen an Ort und Stelle eine hohe Akzeptanz für die Energiewende gibt. Knapp 40 Prozent sehen in ihrer Kommunen aber auch erhebliches Protestpotential bei diesem Thema.
Da stimmt auch Bürgermeister Averbeck zu. Mittlerweile gebe es bei den knapp 7000 Einwohnern seiner Gemeinde viele Unterstützer für erneuerbare Energie, aber dafür sei einige Überzeugungsarbeit notwendig gewesen. „Geholfen hat zum Beispiel, dass unser Schwimmbad auch in der letzten Energiekrise nach dem Angriff auf die Ukraine warm war.“ Ein Fernwärmenetz gebe es in Bakum schon lange, mittlerweile auch Schnellladesäulen für E-Autos, die selbst dann nicht teurer würden, wenn die Energiepreise steigen. „So können wir den Leuten etwas zurückgeben“, sagt der Bürgermeister und schwärmt von den eigenen Solar- und Windkraftanlagen, die reichlich Strom brächten, der im eigenen Batteriespeicher aufbewahrt werden könne.
Sorge vor einer Wende weg von der Energiewende
Mit Parteipolitik habe das alles übrigens nichts zu tun, sagt Averbeck, ein Christdemokrat, dessen 1. Stellvertreter von der CDU ist, genau wie die zweite stellvertretende Bürgermeisterin, der dritte Stellvertreter und überhaupt 75 Prozent der Mitglieder des Gemeinderats. „Wir haben mit den Erneuerbaren hier einfach Chancen, die wir nutzen“, sagt Averbeck.
Der Umfrage zufolge sehen das viele seiner Bürgermeisterkollegen ähnlich. Photovoltaikanlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es demnach mittlerweile in 80 Prozent der Gemeinden, Ladesäulen in 73 Prozent. Gefragt wurde auch nach Projekten, die noch nicht realisiert sind, aber an denen aus Sicht der Bürgermeister Interesse besteht: Neben Maßnahmen zur Anpassung an die bereits spürbaren Folgen der Erderwärmung wurden dabei vor allem Energiespeicher genannt. Interesse gibt es vielerorts auch an Großwärmepumpen, Geo- und Solarthermie.
Investitionen in solchen Bereichen sind für viele Kommunen eine Herausforderung. Umso mehr dringen sie auf stabile Bedingungen – und fürchten eine Wende weg von der Energiewende durch die Bundesregierung. Christian Porsch, Erster Bürgermeister von Speichersdorf im Landkreis Bayreuth, fürchtet, das ein Hin und Her seine Kommune Geld kosten könnte. „Für einen strukturschwachen Raum wie unseren ist die Energiewende eine Chance“, seine Gemeinde nehme an Gewerbesteuern mittlerweile fast zwei Millionen Euro im Jahr durch Windkraftanlagen ein. Das sei mehr als doppelt so viel wie noch vor sechs Jahren, und noch mehr wäre möglich, sagt der parteilose Bürgermeister. „Da fordere ich schon Rückhalt von der großen Politik.“
Die Befragung der Bürgermeister zeigt, dass sie einen solchen Rückhalt vor allem in Bereichen vermissen, in denen sie auf Entscheidungen von höherer Ebene angewiesen sind. Dass im Verteilnetz Kapazitäten fehlen, nennt fast jeder zweite befragte Bürgermeister ein Problem. Zudem berichten viele von Engpässen bei Umspannwerken. Nur drei Prozent der Befragten gaben an, dass Netzanschlüsse kein Problem seien. „Wenn der Netzausbau nicht Schritt hält, geraten millionenschwere Vorhaben ins Wanken, und das bremst Investitionen für unseren Standort“, sagt Bürgermeister Averbeck. Von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, seiner Parteifreundin, fordert er daher: „Tempo und Verlässlichkeit“.
