
Wolfgang Kubicki tut, was ein Wolfgang Kubicki eben tut. So könnte man die Taktik des Vizechefs der Partei im Kampf um die Führung dieser Tage beschreiben. Das heißt: Er spitzt zu, teilt aus, zieht vom Leder. Und er gibt Interviews. Diese sind sehr gefragt, was eines von Kubickis Hauptargumenten für Kubicki untermauert: Journalisten beachten ihn, und viele Leser und Zuschauer mögen ihn.
Ein anderes Thema ist, ob er die FDP führen kann. Das Bemühen ums Zusammenführen steht jedenfalls nicht im Vordergrund seiner Aktivitäten. Als er kürzlich die Namen von drei Parteifreundinnen nannte, mit denen er die FDP retten wolle, äußerte mindestens eine von ihnen hinter den Kulissen Befremden. Sie fühlte sich dem Team Kubicki einverleibt, ohne sich dafür entschieden zu haben. Mit anderen Aussagen stieß Kubicki Parteifreunde vor den Kopf, die sich zwar eine FDP wünschen, die pointiert auftritt, aber nicht unbedingt in der Form, dass der Bundeskanzler als „Eierarsch“ tituliert wird.
So hatte Kubicki Merz genannt, zwar nicht direkt, aber doch in einem von ihm wiedergegebenen Selbstgespräch, in dem Kubicki dem auf diese Weise Bezeichneten angekündigt habe, es ihm zeigen zu wollen. Merz hatte – ebenfalls nicht die feine Art, aber feiner ausgedrückt – die FDP nach den Landtagswahlen im Frühjahr für tot erklärt. Ein paar Tage nach dem „Eierarsch“ legte Kubicki noch einmal nach: Die frühere CDU-Kanzlerin Angela Merkel habe recht gehabt: Merz habe keine Kompetenz.
Befremden selbst unter Kubickis Unterstützern
Der Mann, den Kubicki sich als Generalsekretär wünscht, Martin Hagen, attackiert im Kampf um die Spitze nun eigene Leute. Als nach dem versuchten Attentat auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann Trump eine Mitverantwortung für das vergiftete gesellschaftliche Klima zuschrieb, in dem so etwas geschehe, nicht ohne den Anschlagsversuch zu verurteilen, beklagte Hagen gegenüber der „Bild“-Zeitung, dass der Anschein einer „Täter-Opfer-Umkehr“ erweckt werde. Zuvor hatte er auf der Plattform X ohne Nennung des Namens seiner Kollegin geraunt, für manche Äußerungen zu dem Attentatsversuch könne „man sich nur schämen“.
Auch unter Liberalen, die sich Kubicki als Parteichef wünschen, stößt das auf Befremden. Wenn er sich seiner Wahl so sicher sei, wie er tue, warum versuchten er und sein Team dann nicht, eher integrativ zu wirken? Also diejenigen, die den NRW-Landesvorsitzenden Henning Höne als Parteichef bevorzugten, von sich zu überzeugen? Deren Einwände gegen Kubicki sind nicht, dass der nicht durchsetzungsstark genug sei, sondern vielmehr, dass er voranstürme, ohne dass erkennbar wäre, wohin. Es scheint, als wollte Kubicki klarmachen, dass er keine Lust habe, sich von Bedenkenträgern bremsen zu lassen.
Dazu passt seine Ankündigung, sich aufs „politische Altenteil“ zurückzuziehen, falls er nicht an die Spitze der FDP gewählt werde. Dann „trinke ich mein Glas Wein und gucke mir die Entwicklung der Partei dann in Ruhe weiter an“, sagte er einem Podcast von T-Online. Soll heißen: Chef oder weg. Das erhöht den Druck. Ohne Kubicki stünde die FDP deutlich unauffälliger da.
Anfang der Woche entschied der hessische Landesverband der Partei denn auch, Kubicki zu unterstützen. Das habe der Vorstand einstimmig beschlossen, erklärte der Landeschef Thorsten Lieb. Kubicki sei „in der aktuellen Situation der Kandidat, mit dem die Freien Demokraten am stärksten Profil zeigen und Sichtbarkeit erreichen können“. Wie wichtig diese Qualität erscheint – beziehungsweise wie schwer Defizite ins Gewicht fallen –, hängt auch davon ab, welche Ziele sich mit Kubicki an der Spitze verbinden. Soll er nur Aufmerksamkeit auf die FDP lenken, damit dann dort andere kluge Ideen präsentieren? Soll er die Partei zurück in den Bundestag führen? Oder gar in eine künftige Regierung?
Kubicki selbst hat als Ziel ausgegeben, die Partei binnen eines Jahres in Umfragen wieder „in die Nähe von fünf Prozent“ zu bringen. Nach einem Jahr stehen abermals Vorstandswahlen an. Grundsätzlich habe er aber den Anspruch, die Partei wieder über zehn Prozent zu bringen.
Als Argument führte er zuletzt auch ins Feld, dass der frühere Parteichef Christian Lindner ihn animiert habe, anzutreten. Gerade das missfällt anderen. Es sei kein echter Neuanfang, wenn die Mächtigen der letzten Jahre ihn machten.
