
Reihenweise Fachbegriffe, Schachtelsätze, schwer verständliche Formulierungen: Als Jurist ist Felix Speidel einiges an Sprachakrobatik gewohnt. Gleichwohl stutzt der Brillenträger mit dem braunen Lockenkopf eines Tages an seinem Schreibtisch im Marburger Rathaus. Während er und Kollegen neue Beschäftigte einarbeiten, merkt er: „Einige unserer Schreiben sind so unverständlich formuliert, dass ich sie selbst nicht verstehe.“
In diesem Moment hätte er sich sagen können, das ist eben so in einer Behörde, war noch nie anders und wird sich auch nicht ändern. Welches Amt schreibt schon auf den ersten Blick allgemeinverständlich. Doch Speidel folgt einem anderen Impuls – und meint: „Das muss doch anders gehen.“
Der Teamleiter im Sachgebiet für Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung, zu dieser Zeit selbst noch recht neu in der Stadtverwaltung, macht sich an die Arbeit. Er formuliert einige Schreiben der Behörde um. Einige Monate später spricht die Stadt stolz von einem Pilotprojekt. „Die Idee ist längst überfällig“, sagt Sozialstadträtin Kirsten Dinnebier (SPD). Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) applaudiert Speidel ebenfalls. Nicht von ungefähr: Der Sozialdemokrat hat als Freund der klaren Ansprache schon zu seiner Zeit im Landtag den Rechtsanspruch der Menschen in Hessen auf verständliche Bescheide in die Landesverfassung schreiben wollen. Nun setzt Speidel diesen Ansatz mit seinem Team in die Tat um, dort, wo Verwaltungshandeln und Demokratie täglich erlebt werden.
Verständliche Sprache erleichtert auch Bürokraten die Arbeit
Zwischen seinem Impuls und dem Lob der Vorgesetzten liegen einige Monate. In dieser Zeit hat der 39 Jahre alte Quereinsteiger die „übersetzten“ Schriftstücke einer Reihe von Kunden seines Sachgebiets vorgelegt, anderen Mitarbeitern im Rathaus und Juristen außerhalb der Stadtverwaltung. Dabei kam nach Angaben der Stadt heraus: Die Kunden verstehen die Texte wie gewünscht besser oder im Zweifel sogar erstmals. In der Folge benötigen die Beschäftigten des Sachgebiets weniger Zeit für Rückfragen. Die neu verfassten Schreiben erleichtern ihnen also die Arbeit. Und, was ganz wichtig sei, rechtssicher seien sie auch, sagt Speidel. Damit widerlege die Stadt die stehende Rede, Behördendeutsch sei aus rechtlichen Gründen notwendig.
Dinnebier verdeutlicht die Übersetzungsarbeit anhand eines Beispiels. Ursprünglich hieß es demnach: „Gemäß § 24 SGB X ist, bevor ein Verwaltungsakt erlassen wird, der in die Rechte eines Beteiligten eingreift, diesem Gelegenheit zu geben, sich zu den für die Entscheidung erheblichen Tatsachen zu äußern.“ Nun laute er: „Wir müssen eine Entscheidung treffen. Vielleicht ist diese Entscheidung nicht gut für Sie. Deshalb möchten wir vorher wissen, was Sie dazu sagen. Sie haben das Recht, Ihre Meinung zu äußern, und wir wollen nichts übersehen. Ihr Recht steht in Paragraph 24 des Zehnten Buchs des Sozialgesetzbuchs (SGB).“
Auf diese Weise spreche die Behörde mit den jeweiligen Bürgern gleichberechtigt und nicht von oben herab. Das stärke die Handlungsfähigkeit der Menschen. Die Behörde werde zugänglicher und erfahrbarer auf eine menschliche Art und Weise. Dies diene ihrer Arbeit gerade in einer Zeit, in der viele Menschen auf ihnen missliebige Post vom Amt rasch ungehalten reagierten. „Seit der Pandemie ist die Zündschnur vieler Menschen kürzer geworden“, berichtet die Stadträtin. Durch die allgemein verständlichen Texte erlebten die Menschen einen Bürokratieabbau. Dadurch stärke die Stadt gleichzeitig das Vertrauen in den Staat, hebt Dinnebier hervor.
Manchen Bürokraten fehlt nun die „obrige Distanz zum Bürger“
Mehr als 60 Vorlagen für Dokumente sind sprachlich neu verfasst worden. Mittlerweile schult Speidel nicht nur lang gediente Mitarbeiter, die sich an eine andere Sprache in Schreiben für die Kunden gewöhnen sollen und müssen. Er hat beispielhafte Dokumente auf einer nach seinen Worten nur Kommunen zugänglichen Internetplattform eingestellt. In der Folge haben andere Behörden interessiert nachgefragt, wie er sagt. Manche wollten dem Marburger Beispiel nacheifern, wenn die Uni-Stadt an der Lahn durch die neue Linie ein Jahr lang rechtlich keine Schwierigkeiten bekommen habe. Diese Wartezeit neige sich nun dem Ende zu, sagt Speidel. Wenn es die Interessenten ernst meinen, müssten sie also bald nachziehen.
Dessen ungeachtet hat Speidel die Übersetzungsarbeit schon in Workshops vorgestellt. Die Rückmeldungen seien gut gewesen, berichtet er. Doch habe es auch Stimmen gegeben nach dem Motto: Nun fehle aber die „obrige Distanz zum Bürger“ in den Schreiben. Dabei wollen die Marburger genau diese Distanz überwinden helfen, wie die Stadträtin hervorhebt. Denn: „Wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich etwas nicht überprüfen und mich nicht dagegen wehren“, sagt Speidel. Was im Fachdienst Soziales möglich sei, gehe etwa auch in der Bauverwaltung, meint er: „Der Grundsteuerbescheid muss genauso verständlich sein.“
Die neue sprachliche Linie verficht Speidels Team aber nicht nur im Verhältnis zur Kundschaft. Es schreibt zum Beispiel auch Gerichte und die Deutsche Rentenversicherung nun allgemeinverständlich an. Mit dem Hintergedanken, dort jeweils Nachahmer zu finden.
Dinnebier möchte nach eigenen Angaben aus ihrer gesamten Verwaltungseinheit, die auch Wohnen umfasst, künftig nur noch allgemeinverständliche Schreiben an die Bürger senden und die Beschäftigten entsprechend umschulen. Einige Fachdienste haben schon damit begonnen, seinem Team nachzueifern, wie Speidel sagt. Äußerungen der Verwaltung müssten für möglichst alle Menschen verständlich sein. Und zwar ohne professionelle Hilfe etwa von Anwälten, wie Oberbürgermeister Spies sagt.
