
Leben statt gelebt werden“ – wie viele gut gemeinte Ratschläge sind unter diesem Titel schon erteilt worden (auch als Hörbuch von Robert Betz, München/Lesbos). In dieser Erweckungsliteratur wird dann zumeist die eigene Schöpferkraft beschworen, die Änderung des (als entfremdet denunzierten) Lebens angemahnt und gegen umfangende Sach- und Fristenzwänge mehr Me-Time empfohlen, also bewusst eingeplante Zeit „für sich selbst“. Wobei das Selbst dieser Me-Time stets einen gehörigen Schuss ins Weltlose hat, also immer auch ein ausgedachtes ist, während das reale Selbst auf die einprasselnden Erwartungen seines In-der-Welt-Seins voll angewiesen bleibt, will es nicht autistoid über den Wolken versauern, wie die Psychoanalytiker sagen.
Fällt das Wort Me-Time, denke ich psychoanalytisch korrekt immer an den ehemaligen Verteidigungsminister Theodor von Guttenberg, wie er bei Wind Nord-Ost, Startbahn null-drei die Freiheit über den Wolken suchte. Alles war zum Abflug angerichtet, der nasse Asphalt bebt, in den Pfützen schwimmt Benzin, die Motoren dröhnen, nur der Minister las Gedichte in den gelben Reclam-Heftchen, so dass alles, was uns groß und wichtig erschien, plötzlich nichtig und klein wurde. Guttenberg schied dann ja auch bald aus dem Amte, wegen überführter Weltlosigkeit. Als flamboyantes Monument gegen das Gelebtwerden ging er in die Geschichte ein. Soweit, so vorhersehbar.
Die ganze Heteronomie des Daseins im Begriff des Vollzugs
Womit aber niemand gerechnet hatte, war die Theoriefähigkeit der Me-Time, wie sie sich bei Guttenberg ihr Stelldichein gab. Damit sind wir wie im Fluge bei Hartmut Rosa angelangt. Der Jenenser Soziologie-Professor teilte zuletzt dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) mit: „Wir sind dabei, unser Leben zu vollziehen statt es zu leben“, wobei hier im Begriff des Vollzugs die ganze Heteronomie des Daseins ausgesprochen werden soll, als ein Abarbeiten von Vorgegebenem, das als solches nicht etwa als Bedingung der Möglichkeit erfüllten Lebens erscheint, sondern als abhängige, autoritätshörige Variable eines krank machenden Gelebtwerdens.
Phänomenologisch beruft sich Rosa aufs Kaffeemachen: Wer tüftelig Filterkaffee koche, behalte situationsangemessen das Heft des Handelns und agiere insoweit im Dienst des Lebens. Wer stattdessen eine Kapsel in die Maschine schiebe, vollziehe bloß sein spätkapitalistisches Gelebtwerden. Hallo wach? Was für ein außengeleiteter Handlungsbegriff will uns hier den Kaffeegenuss verderben? Wann verspricht das Leben von innen her lebendiger zu werden als beim Einschmeißen der Kaffeekapsel?
Rosa, der sich selbst als kritischer Theoretiker der Frankfurter Schule in vierter Generation sieht, sieht das anders, nämlich so: Das mag in der Praxis richtig sein, taugt aber nicht für die Theorie. Ein Verdünnungszusammenhang, ein vierter Aufguss, der die Lebensgeister auch nicht wieder weckt.
