Schauen wir doch mal kurz nach China. Ist ja immer interessant. Vergangene Woche in Peking. Halbmarathon. 21 Kilometer. Am Start sieht es erst einmal aus wie immer: Hobbyläufer setzen sich in Bewegung. Das übliche Gewusel, eine Mischung aus Ehrgeiz und Volksfest. Auf der einen Straßenseite jedenfalls. Auf der anderen, hinter einer Absperrung, ist eine zweite Startbahn eingerichtet.
Dort läuft gerade nur einer los, und zwar in einem Höllentempo. Der Typ, ihn darf man hier so nennen, ist hauptsächlich rot lackiert. Und er hat keinen Kopf. Kopflose Sportler kennt man zwar, aber hier ist das wörtlich zu nehmen. Er hat auch einen eigentümlichen Laufstil, leicht hockend, verdammt schnell, aber irgendwie vorsichtig nach vorn geschoben, als habe man einem Klappmesser das Rennen beigebracht. Es ist ein Läufer, ja. Aber kein Mensch. Es ist ein Roboter.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die chinesische Techfirma Honor hat ihn in Peking auf die Strecke geschickt, um den echten Zweibeinern mal zu zeigen, wo der Hammer hängt – und die Zukunft. „Lightning“ heißt der rote Blitz. Und tatsächlich kommt er nach kaum mehr als 50 Minuten als Erster ins Ziel – wenn auch nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Im Zielkanal verliert er für einen Moment die Orientierung, kracht gegen die Begrenzung und bleibt auf dem Rücken liegen wie ein Maikäfer.
Die Maschine hat alles optimiert – Tempo, Ausdauer, Effizienz –, aber sie hat den Raum nicht verstanden. Helfer eilen herbei, stellen ihn wieder auf die Eisenfüße. Dann läuft er weiter, schmerzfrei, als sei nichts gewesen. Einem Roboterkollegen ergeht es schlechter. Er stürzt schwer und wird von Helfern auf einer Trage abtransportiert. Ins Krankenhaus zum MRT? Wohl nicht. Wohl eher auf den Schrottplatz.
Was der Roboter nicht kann – und Ronaldinho schon
Zurück zu Lightning: Das Verwirrende ist nicht, dass er läuft. Das Verwirrende ist, wie er läuft. Hölzern, mechanisch, funktional, ganz auf Effektivität getrimmt. Kein Schritt, der fließt, keine Spur von Eleganz. Bloß eine gut geölte Maschine, die ihre Arbeit macht.

Da fällt mir ein, dass ich dieser Tage auf Netflix eine Dokumentation über Ronaldinho gesehen habe, den brasilianischen Ballzauberer und Weltfußballer von einst. Die alten wunderschönen Bilder. Die Bewegungen, der Rhythmus, die Leichtigkeit, der Tanz. Diesen Geist beschwört heute Michael Olise herauf, der neue Bayern-Star, den seit seinem Auftritt in letzter Minute im Spiel gegen Real Madrid alle lieben. Ronaldinho hatte Zauberfüße, und auch Olise hat Füße, die verführen. Dagegen hat Lightning bloß – Rumpelfüße.
Ronaldinho ist nicht nur deshalb unvergesslich, weil er den Ball nicht behandelte wie einen beliebigen Gegenstand, sondern wie ein Instrument, das er spielt. Es ist auch die Geschmeidigkeit, die Schönheit seines Laufstils. Der Roboter aber kennt das alles nicht. Keine Eleganz, nur Ablauf. Keine Genialität, nur Programm.
Er kann laufen, aber nicht tanzen. Er bewegt sich, aber nichts an ihm verführt das Auge. Er wird niemals ein Ronaldinho sein. Niemals ein Olise. Er wird eine Maschine bleiben. Ohne Seele, ohne Rhythmus, ohne Phantasie. Das zumindest ist meine Hoffnung.
