Die Deutsche Lufthansa hat für ihre Passagiere eine Neuerung: Wer einen Flug über eine kurze oder mittlere Strecke mit Start am 19. Mai oder danach bucht, darf im günstigsten Tarif nicht mehr als seine Jacke und ein Notebook oder einen kleinen Rucksack mitnehmen. Der bei Geschäfts- oder Wochenendreisenden beliebte Minirollkoffer ist beim neuen Basic-Tarif nicht mehr im Ticketpreis enthalten und darf nur gegen Aufpreis mit an Bord getragen oder gerollt werden.
Mit dem Light-Tarif hatte Lufthansa schon eine Variante ohne Aufgabegepäck, nun kommt ein Tarif hinzu, der – dem Leistungsumfang nach – noch leichter als „Light“ ist und von den Marketingfachleuten „Basic“ genannt wird.
Es ist nicht die einzige Änderung, die Lufthansa im April in ihr Tarifgefüge integriert hat. Auch für Reisende, die Tickets der teuersten Kategorien, die sogenannten Flex-Preise, wählen, gab es eine Anpassung. Die Bezeichnung „Flex“ wurde von Reisenden bislang mit Flexibilität bis zur Stornierung interpretiert. Wer „Flex“ bucht, ist nicht auf den niedrigsten Preis aus, zu dem meist sowieso eine Ticketrückgabe ausgeschlossen ist. Diese Kundengruppe wünscht, das Ticket – möglichst kostenfrei – zurückgeben zu können, wenn beispielsweise ein Geschäftstermin ausfällt.
Doch damit ist es auf zahlreichen Strecken vorbei. Lufthansa behält bei Stornierungen nun mitunter einen Teil des Flex-Ticket-Preises ein, in der Spitze fast alles. Für ein Flex-Ticket von Frankfurt nach Berlin zum Preis von 188,38 Euro beliefe sich der Einbehalt auf 150 Euro, rund 80 Prozent des Preises. Und es geht noch höher: Eine Reise in der Premium-Economy-Klasse von Frankfurt ins indische Neu Delhi am 29. Mai gab es am Montag für 852,40 Euro, als Einbehalt für den Stornofall werden 700 Euro genannt, das sind 82 Prozent des Ticketpreises.
Die Einbehalte bewegten sich nach Angaben einer Sprecherin auf Langstreckenflügen – abhängig von Tarif und Reiseklasse – zwischen 400 Euro in der Economy Class und 2000 Euro in der First Class. Für innereuropäische Strecken sind es in der Economy Class stets 150 Euro.

Mit dem rollkofferlosen Basic-Tarif ist Lufthansa keineswegs Vorreiter, sondern eher Nachahmer anderer Airlines, die solche Tickets schon eingeführt haben. Dass eine mit höheren Ticketpreisen erkaufte Flexibilitätszusage nun faktisch ein zusätzliches Preisschild erhält, stößt Geschäftsreisenden indes auf. „Wer Flex-Tarife verkauft, muss auch Flexibilität liefern“, sagte Christoph Carnier, der Präsident des Geschäftsreiseverbands VDR, dem Fachmagazin „FVW“. Im VDR sind Reisemanager großer deutscher Unternehmen organisiert. Und die hat es geärgert, dass die Stornoregeln für neue Tickets fast ohne Vorankündigung kamen und nun die Planbarkeit der Reisekostenetats deutscher Konzerne beeinträchtigten.
„Dynamisches Buchungs- und Stornierungsverhalten“
Lufthansa verteidigt das eigene Vorgehen. Das „aktuelle Marktumfeld“ mit den Folgen des Irankriegs und gestiegenen Kerosinpreisen sowie ein „zunehmend dynamisches Buchungs- und Stornierungsverhalten“ nennt die Sprecherin als Gründe für die Änderung. Und dabei geht es wohl nicht um Passagiere, die wegen des Irankriegs eine Reise nicht mehr antreten wollen. Eher dürften Kunden im Blick sein, die bei einer anderen Fluggesellschaft ein günstigeres Ticket finden und dann bei Lufthansa eilig den Flex-Preis stornieren wollen. Branchenbeobachter sehen Lufthansa eher als Getriebene, die auf eine „dynamische“ Stornoentwicklung reagieren muss.
Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr hatte jüngst im F.A.Z.-Interview mit Blick auf Emirates, Etihad und Qatar Airways, die wegen des Irankriegs Einbußen erlitten hatten, gesagt: „Mittelfristig wird die Kapazität der Fluggesellschaften vom Golf zurückkehren. Die dortigen Airlines werden mithilfe ihrer staatlichen Eigentümer alles versuchen, um verlorene Marktanteile zurückzugewinnen.“
Die neue Lufthansa-Stornoregelung wirkt wie eine Reaktion darauf. Einbehalte wurden als Erstes für Langstreckenflüge nach Asien oder Afrika eingeführt – für Strecken, auf denen die Golfcarrier Wettbewerber sind. Für Amerikaflüge gilt die Neuregelung bislang nicht. Auch Flüge nach China, Japan oder Singapur sind ausgenommen. Auf diesen Strecken herrscht schon ohne die Gesellschaften vom Golf intensive Konkurrenz.
Die Konkurrenz spielt auch beim Basic-Tarif ohne Minikoffer eine Rolle. Fluggesellschaften stufen seit Jahren ihre Preise stärker ab, um mit einem niedrigen Grundpreis locken zu können. Zusatzleistungen müssen dann extra gebucht und bezahlt werden. Ryanair-Chef Michael O’Leary sinnierte vor Jahren gar über Gratisflüge, die sich nur durch den Verkauf von Zusatzleistungen finanzieren. Mit gestiegenen Kosten für Kerosin und Personal sowie höheren staatlichen Abgaben scheint dies in die Ferne zu rücken. Zusatzverkäufe, sei es nur für das Recht auf Koffermitnahme oder Platzwahl, sind zum Instrument gegen verfallende Margen geworden.

Mit Blick auf das Handgepäck haben Airlines sogar eine Kehrtwende vollführt. Vor allem Billigflieger hatten hohe Aufschläge für das Aufgeben von Koffern verlangt, damit möglichst wenige Passagiere ihr Gepäck verladen lassen. Passagiere erkannten den Vorzug, nach der Landung nicht mehr am Gepäckband auf Koffer warten zu müssen. Airlines bekamen es mit viel Handgepäck zu tun, das sich kaum noch in der Kabine verstauen ließ. Nun soll der Handgepäck-Trend aufgehalten werden. Im Europäischen Parlament regt sich aber Widerstand. Parlamentarier wollen bei der Novelle der Fluggastrechte festschreiben, dass Passagiere stets einen persönlichen Gegenstand und ein kleines Handgepäckstück an Bord nehmen dürfen.
Laut Lufthansa will das aber nicht jeder. „Wir passen uns an veränderte Kundenwünsche an“, sagt die Sprecherin. Für Tagesreisende bilde der neue Basic-Tarif eine zusätzliche Alternative zu einem attraktiven Einstiegspreis. Ein niedriger Preis erhöht derweil die Chance, auf Preisvergleichsseiten prominenter gelistet zu werden. Zu diesen Erwägungen äußert sich Lufthansa nicht. Die Sprecherin bekräftigt aber: „Es ist auf jeden Fall so, dass der Basic-Tarif günstiger sein wird als der bislang günstigste Tarif, der Light-Tarif.“
