
Den echten Sammler erkennt man nicht an dem, was er hat, sondern an dem, worüber er sich freuen würde.“ Dieses Zitat soll von Marc Chagall stammen, einem der berühmtesten Maler des 20. Jahrhunderts.
Wie recht er damit haben könnte, könnte bald der geplante Verkauf zweier seiner Werke zeigen. Die Metropolitan Opera in New York will zwei Wandgemälde des großen Meisters verkaufen: „The Sources of Music“ und „The Triumph of Music“.
Seit 1966 hängen die Gemäde im Foyer
Auf 55 Millionen Dollar schätzt das Auktionshaus Sotheby’s den Wert der beiden Gemälde. Das mag zunächst hoch klingen, ist im Kunstmarkt aber noch keine Seltenheit. In der Vergangenheit erzielten Werke bedeutender Künstler auf Versteigerungen schon deutlich größere Summen. Nur: Anders als bei anderen Verkäufen wird der Käufer die Werke nicht in seinem Wohnzimmer aufhängen können. Denn die Chagall-Werke sollen zwar ihren Besitzer wechseln – nicht aber ihren Standort. Die Gemälde bleiben im Foyer der Met Opera hängen. Der Käufer erhielte lediglich eine Gedenktafel.
Bei den beiden Werken handelt es sich um mehrere Stockwerke hohe Wandgemälde, die seit der Eröffnung des Hauses im Lincoln Center im Jahr 1966 im Foyer der Met Opera hängen. Selbst durch die äußeren Glasfronten sind sie sichtbar. Die jeweils rund elf mal neun Meter großen Kunstwerke wurden von Chagall eigens für die Eröffnung des Opernhauses angefertigt. Die Bilder zeigen unter anderem den Komponisten Mozart, der über Manhattan zu schweben scheint, sowie zahlreiche Figuren seiner Oper „Zauberflöte“.
Der Grund für den Verkauf ist materieller Art
Auch der damalige Intendant der Met, Rudolf Bing, ist auf einem der Gemälde mit einer Mandoline zu sehen. Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass die Kunstwerke eng mit der Met, ihrer Identität und Geschichte verbunden sind. Vielleicht will man sie auch deswegen nicht hergeben.
Hinzu kommt, dass Chagall die Gemälde in Frankreich gemalt hatte. Dort gilt das sogenannte „droit moral“, das moralische Recht des Künstlers. Konkret heißt das: Seine Erben können verbieten, dass ein Werk verändert wird. Weil Chagall die Bilder eben genau für ihren jetzigen Ort geschaffen hat, hätte die Met gar nicht die Möglichkeit, die Werke umzuplatzieren.
Der aktuelle Intendant Peter Gelb sieht das nicht als Problem, im Gegenteil: „Die Chagalls unmittelbar hinter der Fassade der Met sind ein ikonisches Symbol New Yorks. Ihr Wert liegt für jeden Eigentümer darin, sie in der Met zu belassen.“
Grund für den Verkauf ist aber ein durchaus materieller: Die Met steckt in einer tiefen finanziellen Krise. „Seit der Pandemie sind wir ständig auf der Suche nach neuen Geldspritzen“, sagt Gelb.
Vielleicht hatte der Künstler am Ende recht: Den echten Sammler erkennt man nicht an dem, was er hat – sondern an dem, worüber er sich freuen würde. Im besten Fall sind das in Zukunft noch immer die Millionen Besucher der Met – und ein Sammler mit einem ungewöhnlichen Besitz.
