In unserer Familie war die gescheiterte Filmkarriere meines Vaters etwas, worüber wir uns immer mal wieder gerne lustig machten. Er hatte 1960 in dem Antikriegsfilm „Fabrik der Offiziere“ als Komparse einen Wehrmachtssoldaten gespielt. Während der Dreharbeiten im Hof des Weilburger Schlosses stand er mit anderen „Soldaten“ stundenlang in der Kälte, die Gage war eher mager, und im Film war er dann auch kein einziges Mal zu sehen. Daran muss ich in diesen Tagen oft denken. Sollte mir das gleiche Schicksal blühen?
Ein Samstag im September 2025. Ich sitze in Mailand am Viale Piave eingequetscht in Reihe vier mit Blick auf den Laufsteg. Vier Tage Modemarathon bei der Mailänder Fashion Week habe ich als Berichterstatterin schon hinter mir. Ich warte etwas müde darauf, dass die Schau von Dolce & Gabbana endlich startet, aber noch immer wuseln die Leute um den Laufsteg herum, reden lautstark aufeinander ein, machen Selfies, suchen ihre Plätze. Die jungen Männer in schwarzen Anzügen, die dazu da sind, das Chaos in Bahnen zu lenken, versuchen die Gäste zu ihren Plätzen zu bewegen, aber Schweigen und Ruhe sind nicht die Haupteigenschaften des gemeinen Modemenschen.
Die bange Frage: Werde ich im Film zu sehen sein?
Zum Zeitvertreib beobachte ich Anna Wintour, die auf der anderen Seite des Laufstegs mir gegenüber sitzt, natürlich erste Reihe und wie immer tadellos gestylt in einem Blümchenkleid, mit Sonnenbrille und einem Bob, der von drei Liter Haarspray betonisiert zu sein scheint. Kein Wunder, die ehemalige Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ und immer noch mächtigste Frau in der Modewelt hat Hairstylisten, die ihr jeden Morgen nach Anweisungen ihres New Yorker Friseurs die Haare machen. Meine Haare habe ich am Morgen auch gekämmt. Jetzt hängen sie irgendwie kraftlos herum. Das Make-up, das meine Augenringe kaschieren sollte, existiert nicht mehr. Aber wer sieht mich schon in Reihe vier? Dass es am Ende vielleicht Millionen sein werden, kann ich in diesem Moment noch nicht ahnen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Plötzlich setzt aus Richtung des Eingangs Geraune ein. Von rechts wird eine Frau in einem beigen Lackmantel mit Leopardengürtel und -tasche hereingeführt, die blonden Haare leicht toupiert, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Applaus brandet auf, als die Menge erkennt, wer es ist: Meryl Streep. Man hatte schon mitbekommen, dass in Mailand während der Fashion Week Dreharbeiten für die Fortsetzung des Blockbuster-Films „Der Teufel trägt Prada“ stattfinden. Und an diesem Nachmittag erscheint also Meryl alias Miranda Priestly nicht bei Prada, sondern bei Dolce & Gabbana. Sie setzt sich direkt vor mich in die erste Reihe, gegenüber von Anna Wintour, dem Vorbild für ihre Filmfigur. Die lächelt und winkt ihr zu. Schon das ist ein historischer Moment – „Nuclear Wintour“ zeigt Gefühle. Dann beginnt die Schau.

Ich hielt die Szene damals in Mailand für einen PR-Gag, mit dem die beiden Designer Domenico Dolce und Stefano Gabbana ihre Kollektion promoten wollten. Kurz danach gingen Fotos von Wintour und Streep viral, wie sie sich backstage nach dem Defilee umarmten. Auf einem Video von Vogue.de entdeckte ich mich, wie ich mit dem Gang der Models meinen Kopf hin- und herbewegte, zeitgleich mit Meryl Streep, die vor mir saß. Auch ein historischer Moment für mich persönlich.
Dass ich an jenem Nachmittag quasi am Set von „Der Teufel trägt Prada 2“ war, erkannte ich aber erst einen Monat später, als ich eine E-Mail von einer italienischen Produktionsfirma bekam, die für die Dreharbeiten in Mailand zuständig gewesen war und mir mitteilte, dass man während der Dolce-&-Gabbana-Schau eine Szene gedreht habe. „Da wir noch keine Informationen zum finalen Filmschnitt haben, bitten wir alle Anwesenden, eine Einverständniserklärung zur Bildnutzung zu unterzeichnen“, hieß es weiter. Ein leichter Schauer lief mir über den Rücken. Ich in einem Hollywood-Film. Crazy! In meinem Umfeld verursachte diese Information ein großes Hallo: „Echt jetzt? Wow!“
Jetzt steht nur die bange Frage im Raum: Werde ich in dem Film, der am nächsten Donnerstag anläuft, überhaupt zu sehen sein? Oder ereilt mich das Schicksal meines Vaters, weil die Regie mich einfach rausgeschnitten hat oder Meryl Streep nur in Nahaufnahme zeigt? Oder, wenn ich doch zu sehen sein werde, wird man sich meiner erinnern? Wer weiß schließlich noch, welche Komparsen in der berühmten Restaurant-Szene bei „Harry und Sally“ an den anderen Tischen saßen? Oder wer an Deck herumspazierte, bevor Leonardo DiCaprio und Kate Winslet mit der „Titanic“ untergingen? Ich ahne es: Mein Stern wird sinken, bevor er richtig zu leuchten begann. Und einer merkwürdigen Familientradition folgend, werden meine Kinder künftig darüber lachen, wie „Mama mal fast in einem Hollywood-Film gelandet ist“.
