Es ist nicht sicher, wie oft Präsident Donald Trump im Weißen Haus nachmittags eine Teestunde hält und damit vom Genuss seines Standardgetränks – einer kalorienlosen dunklen Limonade – abweicht. Gesichert ist jedenfalls, dass sein Küchenchef am Montag den Teekessel aufsetzt, um König Charles III. und Königin Camilla standesgemäß zu bewirten, die zum Staatsbesuch nach Washington reisen.
Der Buckingham-Palast ließ vorab wissen, es werde „ein privater Tee“ sein – vermutlich um der Möglichkeit vorzubeugen, dass der Gastgeber das Königspaar in eine seiner beliebten spontanen Pressekonferenzen einbezieht, mit denen vor rund einem Jahr schon der ukrainische Staatspräsident schlechte Erfahrungen gemacht hat.
Überhaupt hat der Palast Mühe aufgewandt, um den Besuch Charles’ als ein eher unpolitisches Ereignis zu präsentieren. Der Zweck sei, „mit dem amerikanischen Volk das 250. Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung zu feiern“. Die Visite sei eine Gelegenheit, die gemeinsame Geschichte ins Bewusstsein zu rufen, die Breite der wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und kulturellen Beziehungen sowie die tiefen zwischenmenschlichen Verbindungen auf beiden Seiten des Atlantiks zu würdigen.
Das zweite Mal, dass der britische König zu einer Rede eingeladen wird
An den privaten Tee wird sich eine Gartenparty auf dem Rasen des Präsidentensitzes in Washington anschließen, mit Gästen, welche die enge Verbindung zwischen beiden Nationen symbolisieren. Später nehmen die Gäste die militärischen Ehren des Gastlandes entgegen; Charles trifft Trump zu einem persönlichen Gespräch, während Camilla mit der First Lady plaudert. Als nächsten Punkt verzeichnet ein langes Tagesprogramm eine Ansprache vor beiden Kammern des Kongresses, bevor am Abend das Staatsbankett im Weißen Haus folgt.
Es ist in zweieinhalb Jahrhunderten erst das zweite Mal, dass das Staatsoberhaupt jenes Landes, aus dessen Herrschaft sich die amerikanischen Kolonien 1776 gewaltsam befreiten, vom amerikanischen Parlament zu einer Rede eingeladen wird. Zuvor hatte nur Charles’ Mutter, Elisabeth II., die Ehre – das war 1991, gleichfalls in einem Jubiläumsjahr der amerikanischen Unabhängigkeit.
Was den Umgang mit amerikanischen Präsidenten angeht, hält Königin Elisabeth allerdings Rekorde, die ihr Sohn in seiner Zeit auf dem britischen Thron schwerlich wird einstellen können. Die einstige Königin begegnete in ihrer Regierungszeit zwölf Präsidenten oder sogar 13, wenn man Harry Truman hinzuzählt, den sie noch als Kronprinzessin, aber schon als offizielle Repräsentantin des Vereinigten Königreichs im Jahr 1951 in Washington traf. Ihr Vater, Georg VI., war kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs der erste britische Monarch seit der amerikanischen Unabhängigkeit gewesen, der den Atlantik überquerte, um den abtrünnigen Staaten einen offiziellen Besuch abzustatten.
Jimmy Carter drückte der Königinmutter einen Kuss auf die Lippen
Der Oberbefehlshaber der amerikanischen Weltkriegsstreitmacht, Dwight D. Eisenhower, hatte später als Präsident mehrere Begegnungen mit der Königin. Er war 1960 auf dem königlichen Sommersitz Balmoral in Schottland zu Gast, wo ihm – mutmaßlich zum Tee – Scones serviert wurden, englische Mürbteig-Küchlein mit dicker Sahne und Erdbeermarmelade. Das Gebäck erzeugte so große Begeisterung, dass die Königin ihm das Rezept in die Staaten hinterherschickte. Ein Jahr später kamen die Kennedys auf offizielle Visite nach London, was Elisabeth vor die Frage stellte, ob die Schwester von Jacqueline Kennedy, Lee Radziwill, auf der Gästeliste des Staatsbanketts stehen dürfe, da sie geschieden und in zweiter Ehe verheiratet war.

Im Laufe der Zeit änderten sich die protokollarischen Herausforderungen und Unglücke. Präsident Jimmy Carter drückte der Königinmutter Elisabeth 1977 einen Kuss auf die Lippen, George W. Bush schleppte die Königin zu einem Baseballspiel, und Michelle Obama beging den Fauxpas, sie an der Schulter zu berühren.
Donald Trump, den die Monarchin in seiner ersten Amtszeit willkommen hieß, unterlief ein Missgeschick, indem er einfach vor ihr auf den Rasen des Paradeplatzes stapfte, um die angetretene Ehrenformation zu inspizieren. Während die Beobachter des Königshauses damals bemängelten, es sei unstatthaft gewesen, dem Monarchen voranzuschreiten, urteilte Robert Hardman, einer der Biographen der Königin, Trump habe sich in jenem Moment ganz protokollgemäß verhalten, da der Ehrengast immer als Erster die Ehrenformation abschreite.
Trump nannte den König „Charles der Eroberer“
Hardman konnte selbst Trump zu seinem Verhältnis zur Königin befragen und beteuerte jüngst, der Präsident sei verstimmt darüber gewesen, dass er sich der Königin gegenüber angeblich rüde verhalten habe. Der Biograph urteilt vielmehr, die beiden seien wahrscheinlich gut miteinander ausgekommen. Sie hätten ja beide über ihre Mütter eine schottische Abstammung. Trump habe Elisabeth II. gefragt, wer denn ihr liebster Präsident war, worauf sie jedoch in ihrer Antwort ausgewichen sei. Trump soll das mit der Erkenntnis bewertet haben, solch diplomatisches Geschick sei wahrscheinlich die Ursache dafür, dass die Königin sich 70 Jahre auf dem Thron halten konnte.
Auch Charles III. hat schon einen persönlichen Eindruck von Trump gewonnen; schließlich gewährte er dem Präsidenten erst im September, also ziemlich zu Anfang von dessen zweiter Amtszeit, die Ehre eines zweiten Staatsbesuchs im Vereinigten Königreich. Trump bedankte sich unter anderem damit, dass er seinem Gastgeber den Spitznamen „Charles der Eroberer“ verlieh, nachdem er bei seiner Visite aufgeschnappt hatte, dass es einst einen Eroberer namens Wilhelm gab, der das englische Königreich für die Normannen einnahm. „Die haben so wundervolle Namen da“, schwärmte Trump auf dem Rückflug – was nach seinen jüngsten präsidentiellen Handlungen den Schluss zulässt, dass er womöglich an dem Titel „Donald der Eroberer“ Gefallen fände.
Die britische Regierung steht unterdessen nicht mehr in der Gunst des amerikanischen Staatschefs, nachdem sich Premierminister Sir Keir Starmer weigerte, an der Seite von Trump gegen Iran in den Krieg zu ziehen. Seither befand der amerikanische Oberbefehlshaber, die britischen Flugzeugträger seien ja nur „Spielzeuge“; die bilateralen Beziehungen seien in einem „traurigen Zustand“.
Aber das muss Charles auf seiner Gut-Wetter-Mission nicht schrecken. 1957 diente der Staatsbesuch Elisabeths bei Eisenhower einem ähnlichen Zweck; damals waren die Amerikaner verärgert über die britische und französische Eigenmächtigkeit, den Suezkanal unter ihre Kontrolle zu bringen. Der amerikanische Präsident drohte damit, er werde das nach dem Krieg heftig verschuldete Britannien in den Bankrott treiben – und die britische Regierung schickte daraufhin als kostbarstes Juwel ihre junge Königin, um das erfolgreich zu verhindern.
