Jermaine Antoni legte schon früh das Fundament für sein soziales Engagement, aber erst eine persönliche Grenzerfahrung gab ihm die entscheidende Richtung. Sein Weg zur Aidshilfe Frankfurt war kein Zufall. Als sein damaliger Partner positiv auf HIV getestet wurde, traf ihn die eigene Unwissenheit mit voller Wucht. „Ich war damals Mitte zwanzig und musste schockiert feststellen, wie groß meine Wissenslücken waren“, sagt er.
Das Thema Aids, HIV und überhaupt Prävention sei in der Schule totgeschwiegen worden, sagt der Zweiunddreißigjährige. Aus der eigenen Uninformiertheit sei in ihm ein tiefer Drang nach Aufklärung erwachsen. Was dann vor sechs Jahren als Teilzeitjob bei den „Love Rebels“, dem Aufklärungsteam der Aidshilfe Frankfurt, begann, entwickelte sich schnell zu einer Lebensaufgabe. Dabei begreift Antoni seine Arbeit nicht nur als persönlichen, sondern auch als politischen Auftrag. „Ich möchte die Wissensquelle sein, die mir damals fehlte.“ Heute leitet Antoni bei der Aidshilfe ein Team von 13 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Jermaine Antoni ist ein gebürtiger Frankfurter. Aufgewachsen ist er in den eher ruhigen Stadtteilen Eschersheim und Eckenheim. Während viele in seinem Umfeld die Stadt als Durchgangsstation nutzten, nennt er sie seinen Lebensmittelpunkt, er liebe den „Frankfurt Vibe“, dass es hier „von allem das richtige Maß“ gebe. Woanders würde ihm das fehlen, sagt Antoni, der am liebsten mit seinem Hund Elvis im Grüneburgpark spazieren geht. In einer Stadt seien Weltoffenheit und kulturelle Vielfalt „lebenswichtig“.
„Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn sich Geben und Nehmen im Gleichgewicht hält“, sagt Antoni. Wie ein roter Faden zieht sich diese Erkenntnis durch sein Leben. Nach dem Abitur absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Frankfurter Kinderheim. Schon damals habe er gelernt, „Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen“. Eine Lektion, die ihm später immer wieder nützlich wurde. Die soziale Arbeit erfordert eben Nerven aus Stahl. Sie könne aber auch Kraft geben, zum „persönlichen Anker“ werden, so Antoni. Das zeige etwa seine Tätigkeit im Obdachlosenheim im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seit sechs Jahren hilft er dort aus, mittlerweile auf Minijobbasis, neben seinem Vollzeitjob bei der Aidshilfe.
Früher verschwiegen, heute frei
Vertieft und professionalisiert hat Antoni seine sozialen Interessen mit dem Studiengang Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Science. Für den hatte er sich 2020 entschieden und hat ihn komplett selbstständig finanziert. „Ich musste mir eigentlich alles selbst erarbeiten“, erzählt er. Auch privat ist er einen weiten Weg gegangen. In einem Umfeld aufgewachsen, in dem es „keine Berührungspunkte mit Homosexualität“ gab, habe er mit seinem Outing bis zur Volljährigkeit und finanziellen Unabhängigkeit gewartet. Doch seine Familie, seine Mutter und seine Schwester, seien immer für ihn da gewesen. Beiden stehe er sehr nahe. Zu seinem Vater, einem Amerikaner, hat Antoni keinen Kontakt.
So lange er verschwiegen war, so sehr feiert Antoni heute seine Identität. Der Mann, der sich als im Privatleben eher introvertiert beschreibt, hat in der Kunstform Drag ein Ventil gefunden. Unter dem Namen „Cherry T.“, die Wohltätige, verbindet er seit Anfang des Jahres seine kreative Ader mit Aktivismus auf der Bühne.
Wenn Jermaine Antoni heute mit den Love Rebels durch die Straßen zieht und aktive Aufklärungsarbeit betreibt, blickt er auf einen „Full Circle“-Moment zurück. Er habe gelernt, dass das Leben dort beginne, wo die Bequemlichkeit aufhöre. Dass er dabei jeden Tag gerne zur Arbeit geht, empfindet er als Luxus. Für Frankfurt ist er ein Gewinn: ein echter Local, der der Gesellschaft etwas zurückgibt.
