Bald sind zehn Jahre vergangen, seit Bayer angekündigt hat, den amerikanischen Konkurrenten Monsanto zu übernehmen. Als eine „Dekade des Niedergangs“ bezeichnete es Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei der Fondsgesellschaft Deka, in seiner Rede auf der Hauptversammlung des Pharma- und Agrarchemiekonzerns am Freitag. Das Rechtsrisiko rund um Glyphosat, das sich Bayer mit der milliardenschweren Übernahme einkaufte, hat das Unternehmen und seine Anteilseigner viel Geld gekostet: Der Dax habe sich seitdem um 168 Prozentpunkte besser entwickelt als die Bayer-Aktie inklusive der Dividenden, argumentierte Aktionärsschützer Speich.
Seit der letzten Hauptversammlung hat sich der zuvor stark gebeutelte Aktienkurs immerhin gut verdoppelt. Es ist ein Zeichen dafür, dass im Markt ein zartes Pflänzchen Hoffnung sprießt und dass die jahrelangen Rechtsstreitigkeiten bald ein Ende haben könnten. Für Bayer stehen entscheidende Wochen bevor: Am Montag gibt es eine erste Anhörung vor dem obersten Gericht der Vereinigten Staaten, ein Grundsatzurteil könnte der Supreme Court dann Ende Juni fällen.
Grundsatzurteil des Supreme Court steht bevor
Schon bis Anfang Juni müssen sich die 67.000 verbliebenen Kläger entscheiden, ob sie ein von Bayer im Februar vorgelegtes Vergleichsangebot annehmen. Dafür hat Bayer weitere 7,25 Milliarden Dollar bereitgestellt, nachdem es in der Vergangenheit schon Programme für mehr als zehn Milliarden Euro gegeben hatte. „Dieses Vergleichsprogramm ist kein Friedensangebot, es ist ein taktisches Ultimatum“, sagte Janne Werning von Union Investment. Wer nicht zustimme, könne im Fall eines für Bayer günstigen Urteils in künftigen Gerichtsprozessen leer ausgehen.
2026 wird ein Jahr der Entscheidungen für Bayer, das betonten gleich mehrere der Aktionäre in ihren Reden. „Die Situation bleibt dynamisch, mit wichtigen Meilensteinen und Entscheidungen in den kommenden Wochen“, sagte auch der Bayer-Vorstandsvorsitzende Bill Anderson in seiner Rede. „Wir gehen einen Schritt nach dem anderen und sind auf alle Szenarien vorbereitet.“ Der Konzern befinde sich weiterhin mitten im Umbau, dazu gehört auch enormer Personalabbau im Rahmen des Programms „Dynamic Shared Ownership“ (DSO). „Alle strategischen Prioritäten sind entscheidend vorangebracht worden, aber keine ist abgeschlossen“, sagte der Amerikaner.
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), betonte, dass bisher die freien Mittel des Konzerns nicht in die Zukunft flössen, wo sie eigentlich hingehörten, sondern in die Vergangenheit. Gleichwohl wies Tüngler, wie zahlreiche andere Aktionäre auch, darauf hin, dass die Zukunftsaussichten durch ein mögliches Ende der Rechtsrisiken inzwischen deutlich besser seien.

Die Aussicht nutzte der Deka-Vertreter Speich sogleich dafür, die immer wieder im Raum stehende Frage nach einer möglichen Aufspaltung des Konzerns wieder anzubringen. „Die Frage wäre nicht mehr, ob man über Veräußerungen einzelner Unternehmensteile nachdenken darf, sondern ob man es sich leisten kann, diese Diskussion weiter aufzuschieben“, sagte Speich. Unbequeme Verkäufe sollten nicht als Tabu behandelt werden. „Die juristischen Fortschritte allein schaffen noch keinen Wert. Wert entsteht erst dann, wenn die daraus resultierende Handlungsfähigkeit auch genutzt wird“, sagte Speich.
Aufspaltungsdebatte wird kontrovers geführt
Zu den Gedankenspielen gehört unter anderem, die Sparte für rezeptfreie Medikamente abzuspalten, zu der etwa Mittel wie Aspirin gehören, oder eine Börsenlistung der Agrarsparte in den Vereinigten Staaten, wo der Großteil des Ertrags mit Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln erzielt wird. Der Bayer-Vorstandsvorsitzende Anderson blieb in der Beantwortung der Fragen nur vage: Alle Divisionen seien wichtig für das Geschäft. „Dennoch sind wir grundsätzlich offen für verschiedene Optionen und müssen stets sicherstellen, dass Bayer der beste Eigentümer für unsere jeweiligen Geschäfte ist“, sagte Anderson.
Union Investment unterstützt den schon früher kommunizierten Kurs des Bayer-Chefs, die Konsumentensparte vorerst nicht abzuspalten. „Bayer kann sich zusätzlich zum DSO-Programm keine weitere Selbstbeschäftigung mit Strukturfragen leisten – die PS müssen jetzt auf die Straße“, sagte Aktionärsvertreter Werning. Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS sprach sich dagegen aus, einzelne Teile schrittweise abzuspalten. „Eine Salamitaktik wie bei der Trennung von Covestro lehnen wir ab“, sagte er. Sollten Geschäftsbereiche verselbständigt werden, erwarte die DWS eine vollständige Platzierung sämtlicher Anteile in Deutschland.
