
Japan ist unserer Zeit mal wieder voraus. Unter anderem, weil es dort sehr viele alte aber erfreulich robuste Menschen gibt. Die jungen Menschen allerdings sind – offenbar weniger robust – immer noch (trotz zahlreicher „Arbeitsstil“-Reformen, „hatarakikata kaikaku“) so sehr mit ihrer Arbeit und der Erholung von dieser beschäftigt, dass wenig Zeit bleibt, um Japanerinnen und Japaner zu zeugen.
Das ist zwar ein „furui boushi“ (alter Hut). Doch um diesem Überalterungs- und Nachwuchsproblem zu begegnen, haben sich Regierungen und lokale Behörden über die Jahre schon einiges einfallen lassen. Manches ist zukunftsorientiert (von der Regierung entworfene Dating-Apps), manches, Symptombekämpfung (menschenähnliche Puppen sollen Geisterdörfer „lebendiger“ aussehen lassen, Rentner müssen einfach weiter arbeiten).
In der Präfektur Kochi auf der schönen Insel Shikoku bekommen Alleinstehende zwischen 20 und 39 Jahren seit dem 1. April 20.000 Yen (aktuell etwa 106 Euro), wenn sie sich eine der genehmigten Dating-Apps installieren und per „Internet-Ehepartner-Vorstellungsservice-Zertifikat“ („Inta–netto gata kekkon aite shoukai ninshou“) nachweisen können, dass sie diese Dating-Apps auch nutzen.
Wie sage ich es den Schwiegereltern?
Wo noch vor einigen Jahrzehnten die Eltern gar nicht so selten im Zuge einer traditionellen Ehevermittlung (genannt „omiai“, dessen Nutzung liegt heute unter fünf Prozent, auf dem Land ist es mehr), dafür Sorge trugen, dass der Nachwuchs für Nachwuchs sorgen kann, lockt nun die Lokalregierung mit einer Summe, die immerhin für ein gediegenes Abendessen beim ersten Date reicht.
Und dann? Das soll es sein? Was ist mit den weiteren Dates, die zunehmend teurer werden? Was ist mit jenen Hotels, in denen sich für teure Stunden weiterführend überprüfen ließe, ob die Anziehungskraft überhaupt zur Nachwuchsproduktion taugt? Was ist mit den gewaltig teuren Klunkern, die als Verlobungsringe erwartet werden? Was, wenn der Partner, eine teure Strafe wegen geklauter Damenunterwäsche am Hals hat? Wie sage ich es den Schwiegereltern? „Wir haben uns kennengelernt, weil ich dringend einen Teil meiner Spielschulden bezahlen musste“?! Wer das Portemonnaie einmal aufmacht, der kann es, wenn seine Investition fruchten soll, nicht so schnell wieder schließen. Doch staatlich subventionierte Beziehungen käme Japan teuer zu stehen.
Dabei liegt die kostengünstige Lösung doch auf der Hand: Erfahrene und rüstige Rentner in funktionierenden Liebesbeziehungen fungieren als Scouts und Beziehungscoaches und teilen ihren Erfahrungsschatz mit engagierten Singles. Im Austausch mit Jüngeren wird sich ihr möglicherweise reaktionäres Wertesystem lockern, was wiederum politische den Weg freimachte für „Arbeitsstil“-Reformen, die mehr zu bieten haben als: „Gönn dir ruhig die eine Woche Elternzeit“ – Subtext, „aber lass dich danach nicht wieder in der Firma blicken“. Vielleicht begreift dann auch Japans stählerne Premierministerin Sanae Takaichi, dass in ihrem Credo „Arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und arbeiten“ vier „arbeiten“ zu viel, und mindestens vier „liebe machen“ zu wenig auftauchen.
